Neu hier? Alle Infos zu 11Freunde Community

Neues aus Absurdistan

Der Pate von Bukarest

Text: Ayla Kiran  Bild: Imago

Der Pate von Bukarest

Hand aufs Herz: Haben wir nicht alle heimlich in Wehmut geseufzt, als Reizfigur Silvio Berlusconi als Präsident des AC Milan abtrat? Politische Korrektheit kurz beiseite: War doch der kleine Oligarch ein ständiger Garant für bizarre Schüsse ins verbale Seitenaus und andere Fehltritte, welche die Sportgazetten an spielfreien Tagen füllten.

Nun aber schickt sich ein Mann an, in jeder Hinsicht Berlusconis legitimer Nachfolger zu werden: Steaua Bukarests Präsident George "Gigi" Becali, rumänischer Politiker, Immobilienmakler, Multimillionär, Brachialmoralist und derzeit wohl die kontroverseste Person seines Landes. Unlängst ließ er sein Heilsbringertum in Öl verewigen und gab ein Gemälde in Auftrag, dass ihn als Jesus beim Abendmahl zeigt – zusammen mit Bukarests Trainer und Mannschaft als Jüngern in Stutzen. Auf seine „tiefe Religiosität“ stützt sich auch seine neuste Entgleisung, die ihn wohl in ganz Europa bekannt machen dürfte. Aber der Reihe nach.

Korrupt, brutal und homophob

Becali erlebte wie Berlusconi einen ebenso schnellen wie nebulösen Aufstieg zum Multimillionär und Vereinspräsidenten. Nach der Revolution 1989 nutzte Becali das wirtschaftliche Vakuum für Immobiliengeschäfte und gezielte Landspekulationen mit der rumänischen Armee. Mittlerweile sind diese Geschäfte ins Interesse der Antikorruptionsbehörde gerückt, eine Untersuchung läuft. Befürchten muss Gigi Becali derzeit wohl keine juristischen Konsequenzen, seine relative Immunität hat er sich weitestgehend durch geschickte Spendenaktionen wie nach der Donauflut 2005 oder den Bau diverser Kirchen abgesichert. Auch der Einstieg ins Fußballgeschäft Ende der neunziger Jahre dürfte ein Teil dieser Kampagne sein, seine einflussreiche Position zu sichern. Nach und nach übernahm er Anteile am Traditionsclub Steaua Bukarest, so dass er 2003 bereits ein Drittel der Aktien innehatte.

Als er 2004 für die Nationalisten gar als rumänischer Präsidentschaftskandidat zur Wahl antrat, war seine politische Integrität bereits durch diverse Fehltritte weitestgehend demoliert. So hatten seine Bodyguards nach einem Steaua-Spiel eine Fernsehjournalistin angegriffen, in einem Restaurant spuckte er einem rumänischen Satiriker Wein ins Gesicht. Mitte dieses Jahres brachte er sich in die Schlagzeilen, als er gegen Schwulen und Lesben wetterte, und aus eigener Tasche ein landesweites Referendum gegen gleichgeschlechtliche Ehen zahlen wollte. Postwendend wurde er im Oktober auf dem rumänischen „GayFest 2006“ mit dem „Black Ball“ ausgezeichnet, dem Preis für die homophobste Person des Landes.

Nun konnte sich Becali über gesteigertes Medieninteresse aus ganz Europa freuen: Er entließ einen Vereinsmitarbeiter, weil dieser sich einer operativen Penisverlängerung unterzogen hatte. „Man muss den Menschen so lassen, wie Gott ihn geschaffen hat,“ donnerte Becali vor spanischen Medien im Vorfelde der Champions League Begegnung seines Vereins gegen Real Madrid, und legte die Begründung nach: „So etwas kann ich einfach nicht dulden!“ Wie immer die Vereinsspitze von diesem höchst intimen Eingriff erfahren konnte, sei dahingestellt – für diese revolutionäre Wendung in der Männlichkeitsdebatte im Fußball ist man beinah versucht, Becali zu danken.


Anzeige



Aus Heft #61 12 / 2006




---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu:



Kommentare

Logge Dich ein, um einen Beitrag zu schreiben!

VON DEN LESERN EMPFOHLEN



Best of 2009: Erwin Kostedde über Rassismus


Die besten Torschützen in Werder Bremens erster Meistersaison 1964/65

  • Klaus Matischak (12)
  • Gerhard Zebrowski (11)
  • Diethelm Ferner (8)

11Freunde Liveticker

11FREUNDE @ TWITTER