Warum Barcas Perfektion nervt
Sensation: Fehlpass Messi
Text: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago
Ja, Barca spielt den schönsten Fußball aller Zeiten. Messi und Co. zerlegen ihre Gegner reihenweise, verbuchen 140 Prozent Ballbesitz und gehen unserem Autor Benjamin Kuhlhoff damit tierisch auf die Nerven. Er wünscht sich mehr Fehler im Fußball.
Kaum zu glauben, aber ich war tatsächlich mal ein ganz passabler Fußballer. In der Jugend etwa schaffte ich es gar zum Libero der Kreisauswahl Osnabrück-Land. Auf den halbjährlichen Vergleichen mit anderen Auswahlteams traf man sich oft in der Sportschule Barsinghausen, einer Art Malente für Heranwachsende. Holzvertäfelung, durchgelegene Betten, im Flur hing der Muff von Bratensauce und Rotkohl – Barsinghausen hatte den Kasernen artigen Charme, der seinerzeit mittelmäßige Mannschaften besser machen sollte. Stichwort: verschworener Haufen.
Wir waren eine mittelmäßige Mannschaft und landeten eigentlich bei der Endabrechnung immer im Niemandsland zwischen Lachnummer und Übermannschaft. Abseits des Platzes hingegen waren wir Teil einer Gemeinschaft. Mit den Spieler anderer Teams tauschten wir feixend Süßigkeiten, schlüpfrige Blondinenwitze und diverse Lügengeschichten aus. Die Auswahlteams des Jahrgangs 1981 waren eine große Familie. Mit einer Ausnahme, der Auswahl aus dem Ammerland.
Die Ivan Dragos aus dem Otto-Katalog
Diese Mannschaft stand immer über allen, spielte taktisch und technisch hochgradig anspruchsvollen Fußball und fuhr Siege am laufenden Band ein. Während alle anderen zu Fuß zum Spiel latschten, wurden die Ammerländer mit einem riesigen Bus zum Platz chauffiert. Ihr Aufwärmprogramm glich dem des Rocky-Counterparts Ivan Drago. Alles genormt, alles perfekt vorbereitet. Die Spieler selbst sahen aus wie aus dem Otto-Katalog gefallen, Polohemd und Föhnfrisur inklusive. Natürlich spielte die Auswahl Ammerland in den Originaltrikots des FC Barcelona. Der Mythos besagte, dass ein Mitarbeiter des durchweg übermotivierten Trainerstabs einst ein Praktikum in Barcas-Kaderschmiede »La Masia« absolviert hatte und Dank bester Kontakte nach Katalonien einen Trikotsatz geschenkt bekam. Wir alles wussten: Er hat die Dinger beim örtlichen Sportartikelladen bestellt, wahrscheinlich ein halbes Monatsgehalt dafür berappt. Herausfinden konnten wir es allerdings nie, denn die Ammerländer sprachen nicht mit uns. Genau gesagt, sprachen sie gar nicht. Wenn sie nicht spielten, schoben sie sich schweigend Bälle zu, aßen schweigend Müsliriegel und zapften schweigend gelbe Brühe aus ihrem überdimensionalen Energiedrink-Behältnis. Ja, die Ammerländer Maschinenfußball vom Allerfeinsten: Perfekt im Spiel, suspekt außerhalb des grünen Rasens.
Faszinierend und bedrohlich wie ein Presswerk
Wenn ich mir heute Spiele des FC Barcelona ansehe, steigt in mir schlagartig jenes befremdliche Gefühl hoch, dass ich seinerzeit beim Anblick der Auswahl aus dem nördlichen Niedersachsens hatte. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Der FC Barcelona spielt den schönsten, besten, perfektesten Fußball aller Zeiten. Jeder Pass ein ästhetischer Pinselstrich, jeder Angriff gleicht einem perfekten Gemälde. Barca lässt einem das Wasser im Mund zusammen laufen, den Puls ansteigen, löst Schnappatmung aus. Und die Spieler, Messi, Xavi, Iniesta, wie bescheiden und fleißig die sind. Toll, klasse, prima, bewunderswert. Aber Barca nervt eben genau deswegen auch so unglaublich. Jeder Angriff gleicht dem anderen, jeder Pass sieht aus wie vom Computer errechnet, der FC Barcelona anno 2012 ist eine Maschine. Perfekt eingestellt, fehlerfrei, faszinierend und bedrohlich zugleich. Wie Robocop mit verruchtem Augenaufschlag und langen blonden Haaren.





