Warum das CL-Achtelfinale zu lang ist
Last Men Standing
Text: Andreas Bock Bild: Imago
Als Kind träumte man davon, dass jeden Tag ein Fußballspiel stattfände. Heute ist das Realität. Auch weil das Achtelfinale der Champions League mittlerweile so lang dauert wie ein ganzes WM-Turnier. Traumhaft ist das aber nicht mehr.
Es müsste immer Fußball da sein, bei allem, was du machst! Früher hatte ich diesen Traum. Ich kam ihm, wie viele andere Kinder im Grundschulalter, sogar recht nahe. In den Unterrichtspausen – dauerten sie auch nur fünf Minuten – kickte ich auf dem Hof, im Klassenzimmer tauschte ich Sammelbildchen von den großen Stars, nach der Schule ging es auf den Bolzplatz oder auf den Grandacker des lokalen Vereins. Abends dann Bücher von Harry Valerien oder Dieter Kürten, morgens die Sportseiten in der Tageszeitungen. Der Fußball war aufregend, und das gar nicht mal, weil er immer da war, sondern weil durch seinen damaligen Charakter und seine unaufdringliche Präsenz eine immerwährende Vorfreude auf das Wochenende oder die raren Europapokalabende herrschte.
Heute gibt es das immerwährende Wochenende. Das jedenfalls scheinen uns die Verbände sagen zu wollen. Freitag, Samstag und Sonntag Bundesliga und 2. Liga. Die dann auch noch am Montag. Dienstag und Mittwoch Champions League, Donnerstag Europa League. Irgendwas geht immer. Dank siebenhundertdreiundneunzig TV-Sendern und etwa zehnmal so vielen Live-Ticker-Diensten ist man sogar stets dabei. Selbst, wenn der Ball an einem Vormittag in Europa ruht, finden gewiss in Taiwan oder Neukaledonien echte Kracher statt. Taipower gegen Taipei Tatung etwa. Oder Thio Sport gegen Hienghene Sport.
Der Fußballmarathon deines Lebens: Last Man Standing
Gewiss, wir könnten abschalten. Doch man würde bei Europapokalspielen gerne häufiger wieder bewusst einschalten, wenn man wieder mal das Gefühl der Singularität verpürte. Vor einigen Jahren hat es die Uefa tatsächlich geschafft, die Champions League auf vier Wochen auszudehnen. Schon im vergangenen Jahr wurden nicht wenige Kollegen dem Wettbewerb so überdrüssig wie einer TV-Serie, die einen täglich anschreit, dass man auf jeden Fall dranbleiben muss. Nächste Woche passiert etwas, vielleicht morgen schon, vielleicht gleich. Nein! Schalten! Sie! Nicht! Ab! Am besten wäre es wohl, man ließe den Fernseher einfach das komplette Achtelfinale durchlaufen.
Wir sehen diesen Dienstag und Mittwoch je zwei Hinrundenpartien des Champions-League-Achtelfinals. Nächsten Dienstag und Mittwoch die nächsten vier Hinrundenspiele. Übernächsten Dienstag und Mittwoch ist dann Pause. In der Woche drauf finden am Dienstag die ersten zwei Rückrundenpartien des Achtelfinals statt, am Mittwoch die nächsten zwei. Und schließlich, am überüberübernächsten Dienstag und Mittwoch, kommt es zu den letzten vier Rückrundenpartien des Champions-League-Achtelfinals. Der Fußballmarathon deines Lebens. Eine Runde so lang wie eine WM. Einige werden sie am überüberüberübernächsten Mittwoch überlebt haben. Andere nicht. Last Men Standing.





