Die Geschichte der Fußballfans

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03.02.2012

Unterwegs mit Al-Ahly-Anhängern in Kairo

Rache für die Märtyrer

Text: Raphael Thelen  Bild: Bridgette Auger

Einen Tag nach der Katastrophe von Port Said zogen tausende Al-Ahly-Anhänger durch das Chaos von Kairo und forderten den Sturz des Militärregimes. Unser Autor Raphael Thelen hat die aufgewühlten Fans begleitet.

Unterwegs mit Al-Ahly-Anhängern in Kairo - Rache für die Märtyrer


Auf eine Krücke gestützt steht Mohammed vor dem Vereinsheim von Ahly im Zentrum Kairos. Unter seinem roten Trikot trägt er einen Verband, sein rechter Fuß ist eingegipst. Er ist einer der vielen Verletzten der Krawalle nach dem Spiel seines Teams gegen Port Saids Al-Masry SC. »Die Fans von Al-Masry bewarfen schon auf dem Hinweg unseren Zug mit Steinen«, sagt Mohammed. »Das war eine geplante Sache.« Seine Stimme bebt.



Gewalt bei Fußballspielen ist in Ägypten keine Neuheit, doch normalerweise richtet sie sich gegen die Polizei. Der Vorfall am Mittwoch, bei dem 74 Menschen getötet wurden, hat das Land schockiert. Vor allem die Fans von Al-Ahly können nicht glauben was ihrem Verein angetan wurde.

»Bereits während die Nationalhymne vor dem Anpfiff gespielt wurde, beleidigten uns die Masry-Fans. Das ist gegen unsere Regeln, während der Hymne schweigen alle«, sagt Mohammed. »Das war bereits ein Zeichen, dass irgendwas falsch ist.«

Mit Stöcken, Böllern und Messern bewaffnet

Einige Meter von Mohammed haben sich tausende Ultras und andere Ägypter versammelt, um ihre Unterstützung zu zeigen. Viele schwenken die rote Fahne des Vereins. Andere tragen eine schwarze Flagge, ein Erkennungszeichen der Anarchisten. Dazwischen sieht man immer wieder ACAB- und Zamalek-Flaggen. Letztere gehören zu Al-Ahlys Erzrivalen, die angesichts der Tragödie ihre Feindschaft fürs erste begraben haben. »Während der Halbzeit rannten zwei Masry-Fans aufs Feld und beschossen unsere Tribüne mit Feuerwerk«, sagt Mohammed. »Vor dem Spiel gab es keine Sicherheitskontrollen wie sonst. Die Al-Masry-Fans waren mit Stöcken, Böllern und Messern bewaffnet.«

Ahly
Foto: Bridgette Auger

Ägyptens Fußballfans sind bekannt für ihre Leidenschaft. Wenn Ahly ein wichtiges Spiel hat, steht das Land still. »Ich war schon Ahly-Fan bevor ich geboren wurde. Meine ganze Familie ist Ahly, sogar mein Großvater gehörte schon zum Verein«, sagt Mohammed. Er stammt aus dem Armutsviertel Imbaba in Kairos Norden, wo er an einem kleinen Stand Tee verkauft. Wie so viele junge Männer in Ägypten hat er keine rosigen Zukunftsaussichten. Die Ultras sind für ihn eine zweite Heimat.

»Ein Al-Masry-Fan stach mit einem Messer auf mich ein«

Dass die Ultras vieler Teams nicht zimperlich sind, ist allgemein bekannt. Doch Port Said hatte eine neue Dimension. Als das Spiel vorbei war, stürmten tausende Zuschauer auf das Spielfeld und die gegnerische Tribüne. Die anwesenden Sicherheitskräfte hielten sie nicht davon ab. »Wir versuchten zu fliehen, doch die Ausgangstore waren verschlossen. Wir waren gefangen zwischen den Toren und den Angreifern«, sagt Mohammed und zieht seinen linken Ärmel hoch. Der Arm ist übersät mit breiten Schnittwunden. In der Hand hält er einen Umschlag mit Röntgenaufnahmen, die die Brüche in seinem Unterschenkel zeigen.

»Ich stellte mich auf die Schultern eines Freundes und versuchte über einen Zaun zu klettern. Doch ein Al-Masry-Fan riss mich zu Boden, stach mit einem Messer auf mich ein und trat mich«, sagt Mohammed. Mehrere seiner Freunde wurden getötet.

Die Menschenmenge vor ihm skandiert Slogans. Eine Gruppe Ultras ist auf das Vordach des Haupttors geklettert und heizt die wütende Menge ein: »Entweder die Märtyrer von Port Said werden gerächt, oder wir sterben wie sie!«


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