Die Katastrophe von Port Said
»Das war ein Krieg und er war geplant!«
Text: Alex Raack Bild: Imago
Mehr als 70 Tote, hunderte zum Teil schwer verletzte Fans: Die Ausschreitungen von Port Said schockieren die Welt. Bei der schlimmsten Katastrophe in der Geschichte des ägyptischen Sports sind Menschen erschossen, erstochen und erstickt worden. Wer ist dafür verantwortlich?
Magisch sei es gewesen. Das Gefühl der völligen Freiheit beim ersten Fußballspiel nach der Flucht von Ägyptens Diktator Hosni Mubarak. Davon hat Amr Fahmy, Sprecher der »Ultras Ahlawy«, im Interview mit 11FREUNDE berichtet: »Man konnte es auf den Gesichtern der Fans lesen: Hier stehen freie Ägypter, die keine Angst mehr haben müssen, dass jeden Moment eine Gummikugel in die Menge geschossen wird.« Das war im März 2011. Jetzt ist die Angst zurück.
Bei den schweren Ausschreitungen nach dem Spiel zwischen den ägyptischen Klubs Al-Masry und Al-Ahly, sollen nach offiziellen Angaben mindestens 70 Menschen gestorben und mehrere Hundert zum Teil schwer verletzt worden sein. Unter den Opfern sind vor allem Ultras des Traditionsvereins Al-Ahly. Menschen wie Amr Fahmy, dessen Ultragruppierung »Ultras Ahlawy« gemeinsam mit den »Ultras Devils« den Ton in der Kurve von Al-Ahly angibt.
Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen?
Bereits vor dem Anpfiff kommt es im Stadion zu ersten Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Fans von Al-Ahly und Gastgeber Al-Masry. Steine und Flaschen fliegen in den Auswärtsblock. Angeblicher Auslöser für diese erste Welle der Gewalt soll ein Banner sein, auf dem Al-Ahly-Fans ihren Kontrahenten fehlende Potenz unterstellen. Der Anpfiff der Partie verzögert sich deshalb um eine halbe Stunde. Anhänger von Al-Masry, deren Team überraschend mit 3:1 gewinnt, stürmen anschließend nach jedem Treffer den Rasen, mehrfach werden dabei auch Spieler von Al-Ahly attackiert. Bilder des ägyptischen Fernsehens zeigen vermummte Zuschauer, die Leuchtraketen in den Gästeblock feuern.
Rainer Zobel sagt: »Es gab auch einige Male Tote.«
Schlimme Szenen, doch bis zu diesem Zeitpunkt, zumindest für ägyptische Verhältnisse, keineswegs unnormal. Rainer Zobel, zwischen 1997 und 2000 Trainer von Al-Ahly und bis 2006 als Übungsleiter in Ägypten tätig, sagt im Interview mit 11FREUNDE: »Es gab es auch damals schon Vorfälle, bei denen die Stadiontore eingedrückt oder Steine aufs Spielfeld geschmissen wurden. Es gab auch einige Male Tote.«
Die Gewalt von Port Said eskaliert erst nach dem Schlusspfiff.
Fernsehbilder zeigen, wie hunderte, schließlich tausende Zuschauer das Spielfeld stürmen und die Spieler von Al-Ahly bis in den Kabinentrakt verfolgen. Auf den Tribünen versuchen Gäste-Fans panisch die Ausgänge zu erreichen. Raketen und Steine fliegen, man sieht wüste Prügeleien und schließlich ein riesiges Menschenknäuel, das sich vor den Ausgängen hinter dem Tor drängt. Was genau in dem unübersichtlichen Gewühl geschieht, sieht man nicht.
Das etwas passiert, wird spätestens klar, als den Radiosender »Modern Korta« ein Anruf aus der Kabine von Al-Ahly erreicht. Am Telefon ist Verteidiger Ahmed Fathi, er schreit: »Wir sind gefangen in der Umkleide, alle Spieler wurden geschlagen!« Auf der Facebook-Seite der »Ultras Ahlawy« erscheint ein Eintrag: »Der erste Tote. Wir gehören zu Gott und zu ihm kehren wir zurück.«




