Der 1000-Tore-Stürmer Tulio Costa im Interview
»Romario packe ich mir auch noch«
Interview: Sebastian Knoth Bild: Imago
In der neuen Ausgabe 11FREUNDE #124 erzählen wir die Geschichte von Tulio Costa, dem wohl unbekanntesten Superstürmer der Welt. Ein Gespräch über die Jagd nach Tor Nummer 1000, Motivation und Garrinchas Fußstapfen.
Túlio Costa, zuallererst: Herzlichen Glückwunsch!
Túlio Costa: Vielen Dank. Aber was verschafft mir die Ehre?
Sie haben im Januar endlich wieder einen neuen Verein gefunden. Derzeit stürmen Sie für den Klub Sociedade Esportiva in einer brasilianischen Regionalliga. Ihr großer Traum lebt also weiter: Sie wollen in den exklusiven Klub der 1000-Tore-Stürmer aufsteigen. Wann entstand diese Idee?
Túlio Costa: Im Jahr 1996 schoss ich in der Copa Libertadores ein besonderes Tor für meinen Klub Botafogo. Im Spiel gegen Universidad Catolica nahm ich den Ball zwischen meine Beine, drehte mich um 180 Grad und schob ihn mit der Hacke ins Tor. Es ware eine Art kindlicher Einfall, der Startschuss für meine Mission. Aber viele sahen darin eine Provokation. Ich habe das nie verstanden. Oder gibt es eine Regel, die es verbietet, auf diese Art ein Tor zu schießen? Danach schrieb man mir diesen Trick als mein Markenzeichen zu. Die Menschen tauften meinen Treffer »Tuleta«.
Nicht viele Fußballer haben einen Trick, der nach Ihnen benannt wurde.
Túlio Costa: Es war der erste Moment, in dem ich zu begreifen begann, dass ich mich mit meinen Toren unsterblich machen kann. Ich wollte nach ganz oben. Also beschloss ich, alles zu tun, um eines Tages 1000 Pflichtspieltore zu erzielen.
Sie sind 42 Jahre alt. Andere Altstars lassen die Seele baumeln und genießen Ihr Leben. Was ist Ihre Motivation?
Túlio Costa: Als mich Felipe Scolari 1988 bei meinen Heimatverein Goias zu Profi machte, hatte ich nichts. Der Fußball hat mir alles gegeben. Ich war in der Schweiz, in Ungarn, habe mein Heimatland bereist. Mir war klar, ich bin kein Mythos wie Pelé, kein Genie wie Garrincha, kein Jahrhunderttalent wie Maradona und keine Phänomen wie Ronaldo. Das einzige, was ich wirklich kann, ist Tore schießen. Ich habe mir das alles erarbeitet und irgendwann geschworen, dass ich die Dinge nur ganz oder gar nicht machen werde. Also jage ich solange weiter bis ich am Ziel bin.
Wie reagierten Ihre Kollegen, als Sie erstmals von Ihrem Plan hörten?
Túlio Costa: Den meisten, denen ich davon erzählt habe, belächelten mich. Sie taten es als Spinnerei ab. Auch das spornte mich zusätzlich an. Heute lacht keiner mehr.
Viele Profis erinnern sich an ihr erstes Tor, an ihr schönstes vielleicht auch noch. Sie haben mittlerweile über 980 Teffer erzielt. Welcher bleibt Ihnen in Erinnerung?
Túlio Costa: Neben dem Tuleta war es vor allem mein 500. Treffer. Dieses Tor war etwas ganz Besonderes, weil ich an einem besonderen Tag traf.
Ihr Geburtstag?
Tulio Costa: Nein, es war im Grunde der Geburtstag Brasiliens. 500 Jahre zuvor war meine Heimat von portugiesischen Seefahrern entdeckt worden. Ich widmete den Treffer diesem historischen Ereignis. Aber mein wichtigstes Tor erzielte ich am letzten Spieltag der Saison 1995 im Trikot von Botafogo gegen den FC Santos. Ich entschied mit meinem Treffer die Meisterschaft und das Paecambu-Stadion in Sao Paulo verstummte. Seither bin ich das Idol der Fans.
Sie nennen Sie Túlio »Maravilha« – Tulio, der Wunderbare...
Túlio Costa: Der Name entstand bereits 1994. Ich war zu Botafogo aus Rio de Janeiro gewechselt und erzielte in der ersten Partie gleich drei Tore. Die Fans sangen: »Túlio Maravilha, a gente gosta de você, Túlio Maravilha, faz mais um para a gente ver« (»Túlio Maravilha, du bist unser Held, Túlio Marvilha, noch eins so schnell du kannst«). Mein Spitzname war geboren.
Auch Ihre Statistik in der brasilianischen Nationalmannschaft liest sich wie ein Märchen: In 14 Spielen erzielten Sie tatsächlich 13 Tore.
Túlio Costa: Bis zum Jahr 1995 spielte ich mit Stars wie Bebeto, Dunga, Roberto Carlos und Ronaldo. »El Fenomeno« begann gerade seine Karriere. Er war so jung, so schüchtern und stellte mir andauernd Fragen. Ich war oben angekommen.
Wieso wurden Sie dann nicht mehr nominiert?
Túlio Costa: Ich war ein wichtiger Bestandteil der Selecao, aber die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta standen vor der Tür. Ich konnte nicht teilnehmen, weil ich zu alt war. Nach dem Turnier bekam ich unter Mario Zagallo keine Chance mehr. Meine Mission schien sowieso erfüllt: 14 Spiele, zehn Siege, vier Unentschieden. Ich habe mit der Selecao nie verloren.
Fortan konnten Sie sich auf ihre nächste Mission konzentrieren, die magische 1000.
Túlio Costa: Ich habe mittlerweile für über 25 Vereine gespielt und überall meine Tore gemacht. Die Leute fiebern mit mir, überall werde ich angefeuert. Aber trotz der häufigen Wechsel schlägt mein Herz eigentlich nur für einen Verein: Botafogo ist meine große Liebe. Schon als kleiner Junge feuerte ich den Klub aus Rio an und träumte davon, eines Tages dort zu spielen. 1994 bekam ich dann tatsächlich die legendäre Nummer sieben Garrinchas. Welch eine Ehre.
Ergänzung zu Heft#124 03/2012
Das große Interview mit Joachim Löw





