Christoph Daum über Brügge, den FC und seine Karriere
»Versprechen wurden nicht gehalten«
Text: Tim Jürgens Bild: Albrecht Fuchs
Aufregung in Köln: In 11FREUNDE #124 sagte Christoph Daum, dass die FC-Klubführung Versprechungen nicht einhielt. Der Klub soll zunächst mit einer Klage gedroht haben. Nun kontert der Trainer über den »Express«. Lest hier unser Interview mit Daum.
Für unsere große Reportage über Christoph Daum (»Die Entdeckung der Langsamkeit«, 11FREUNDE #124) reiste 11FREUNDE-Redakteur Tim Jürgens nach Brügge. Im Interview sprach der ehemalige Bundesligatrainer über seine Ziele in Belgien, aber auch über seine Vergangenheit beim 1. FC Köln. Daum sagte etwa, dass Versprechungen nicht eingehalten wurden: »Mir ist vertraglich zugesichert worden, dass ich ein bestimmtes Transfervolumen erhalte, um die Mannschaft in der Breite qualitativ zu verstärken.«
Werner Wolf (Vorsitzender des FC-Verwaltungsrats) wies diese Vorwürfe auf der Homepage des Vereins am Montag vehement zurückwies: »Diese Aussage ist nicht zutreffend. Der 1. FC Köln legt Wert auf die Feststellung, alle vertraglichen Zusagen gegenüber dem Ex-Trainer erfüllt zu haben«. Der FC soll zunächst mit einer Klage gedroht haben. Nun kontert der Trainer via Express: »Erstens erkundige ich mich immer als erstes, wie der FC gespielt hat und drücke dem Klub die Daumen. Zweitens sind diese Aussagen so ungeheuerlich und unhaltbar, dass ich mir fast rechtliche Schritte gegen Herrn Dr. Wolf überlegen muss.«
Die wichtigsten Aussagen aus dem 11FREUNDE-Interview mit Christoph Daum in Kürze:
»Einige nahmen es dankend in Kauf, dass ich allein verantwortlich für meinen Abgang gewesen sein soll. Ich hätte mich gefreut, wenn mal einer gesagt hätte: ›Wir haben Versprechungen gemacht, die wir nicht gehalten haben.‹ Von vielen Seiten spürte ich mangelnden Kooperationswillen. Am Ende waren sich beide Seiten einig, dass es so nicht weitergeht. Aber stattdessen hieß es aus dem Vorstand nur: ›Daum wollte weg‹, ›Daum wollte mehr Geld‹ und so weiter.«
»Mir ist vertraglich zugesichert worden, dass ich ein bestimmtes Transfervolumen erhalte, um die Mannschaft in der Breite qualitativ zu verstärken. Dies wurde nicht eingehalten und somit war das zuvor Durchgesprochene nicht durchzusetzen.«
»Er (Wolfgang Overath, d. Red.) hat sich nie gegen mich gestellt, was ich ihm bis heute hoch anrechne. Aber mir schlug intern von vielen anderen Seiten Misstrauen entgegen. Wie oft habe ich in Sitzungen darauf hingewiesen, dass unsere Gegner in Leverkusen, in Gladbach oder auf Schalke sitzen. Aber es ging oft intern gegeneinander.«
------
Hier das komplette Interview mit Christoph Daum, ergänzend zur Reportage »Die Entdeckung der Langsamkeit« aus 11FREUNDE #124:
Christoph Daum, auch ein Trainerleben ist ein langer unsteter Fluss. Wie sind Sie plötzlich beim FC Brügge gelandet?
Christoph Daum: Es ging alles sehr schnell. Der neue Präsident hat sich sehr für mich eingesetzt. Die Voraussetzungen stimmten. Mir blieb nicht viel Zeit zu überlegen, also habe ich zugesagt. Und es gibt weitaus weniger interessante Arbeitsorte als die Stadt Brügge.
Der historische Stadtkern hat Ihre Entscheidung für den Job also befeuert?
Christoph Daum: Sehr. Brügge ist eine mittelalterliche Stadt, die sich seit 600 Jahren kaum verändert hat, wo es im Winter mitunter etwas zu ruhig ist, insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit, das einem im Sommer hingegen vorkommt wie Klein-Tokio.
Sie sind erst im November gekommen, woher kennen Sie das Stadtbild im Sommer?
Christoph Daum: Ich war im Frühjahr 1986 als Co-Trainer von Sir Georg Kessler das erste Mal hier. Damals spielten wir mit dem 1. FC Köln im Uefa-Pokal beim SV Waregem. Während unseres dreitägigen Trainingslagers in Knokke nahm Kessler mich abends mit, um mir die Stadt zu zeigen. Das »Venedig des Nordens« mit seinen Grachten hat mich sofort fasziniert. Ich bin mit Ritterfilmen wie »Ivanhoe« aufgewachsen, von den alten Gemäuern hier ging eine besondere Magie aus. Städte wie Brügge zu erkunden, das gibt dem Menschen die Möglichkeit – frei nach Sten Nadolny – die Langsamkeit zu entdecken.
Die Hauptfigur in Nadolnys Buch »Die Entdeckung der Langsamkeit« ist der Kapitän und Polarforscher John Franklin. Nadolny schildert ihn als Menschen, der im Denken, Sprechen und Handeln zu langsam für die Zeit der Industrialisierung erscheint, dessen Eigenschaften sich jedoch positiv in Ausdauer, Gründlichkeit und Gelassenheit niederschlagen. Mussten Sie diese Langsamkeit erst entdecken?
Christoph Daum: Jeder Mensch sollte von Zeit zu Zeit erfahren, wie es ist, nicht ständig spontan zu reagieren. Oft ist es von Vorteil, Dinge wie in Zeitlupe ablaufen zu lassen und erst dann zu bewerten. Auch ich brauche diese Momente, in denen ich mich frage: »Wo komme ich her, wer bin ich, wo gehe ich hin?« Das führt mir der Kapitän bei Nadolny vor Augen.
Zum Entschleunigen kam das Angebot vom FC Brügge also genau richtig? Was heißt entschleunigen?
Christoph Daum: Ich bin gekommen, um dem Klub zu helfen. Wir durchlaufen eine Periode der Neuorientierung. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht. Keine Frage, wir leben in Zeiten, in denen oft der Schnelle den Langsamen frisst. Natürlich spielt auch Genauigkeit in unserer Branche eine wichtige Rolle. Meine Arbeit hier ist aber keineswegs entschleunigend, denn für belgische Verhältnisse gehen wir das Projekt sehr dynamisch und mit hohem Tempo an.
Der belgische Fußball ist demnach etwas verschlafen.
Christoph Daum: Natürlich sind die infrastrukturellen Bedingungen der Klubs andere als in der Bundesliga, allein das TV-Geld ist nicht im Ansatz zu vergleichen. Ich habe vor kurzem mit dem Ex-Gladbacher Ulrich Le Fevre zusammengesessen, der in den Siebzigern noch vom FC Brügge gekauft wurde. Sowas wäre heute undenkbar.
Sind Sie mit offenen Armen empfangen worden?
Christoph Daum: Vertrautheit muss wachsen, das geht nicht von heute auf morgen. Zumal viele Menschen in Flandern uns Deutschen ohnehin zunächst mit einer gewissen Reserviertheit gegenübertreten.
Woran haben Sie das gemerkt?
Christoph Daum: Das neue Kommunikationsmittel sind die Foren im Internet.
Und da gab es nach Ihrer Verpflichtung erstmal hitzige Diskussionen unter den Fans.
Christoph Daum: Ich habe mir angewöhnt, mir Momentaufnahmen nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Was einem Trainer bei der Einstellung aus dem Internet entgegenschlägt, unterscheidet sich von den Foreneinträgen sechs Wochen später meist grundlegend.
>>> Seite 2:
Auf der folgenden Seite spricht Christoph Daum über ein Art Präambel, die er an alle Mitarbeiter verteilte. Er spricht über seine Grundsätze und Sudoku. Daum: »Selbst meine Arbeit in Frankfurt habe ich auf persönlicher Ebene als ungemein erfüllend empfunden, und ich würde sie immer wieder so machen.«
Ergänzung zu Heft#124 03/2012
Das große Interview mit Joachim Löw
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: 1. FC Köln, Bayer Leverkusen, Bayern München, Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart






