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06.03.2012

Christoph Daum über Brügge, den FC und seine Karriere

»Versprechen wurden nicht gehalten«

Text: Tim Jürgens  Bild: Albrecht Fuchs

Aufregung in Köln: In 11FREUNDE #124 sagte Christoph Daum, dass die FC-Klubführung Versprechungen nicht einhielt. Der Klub soll zunächst mit einer Klage gedroht haben. Nun kontert der Trainer über den »Express«. Lest hier unser Interview mit Daum.

Christoph Daum über Brügge, den FC und seine Karriere - »Versprechen wurden nicht gehalten«


Für unsere große Reportage über Christoph Daum (»Die Entdeckung der Langsamkeit«, 11FREUNDE #124) reiste 11FREUNDE-Redakteur Tim Jürgens nach  Brügge. Im Interview sprach der ehemalige Bundesligatrainer über seine Ziele in Belgien, aber auch über seine Vergangenheit beim 1. FC Köln. Daum sagte etwa, dass Versprechungen nicht eingehalten wurden: »Mir ist vertraglich zugesichert worden, dass ich ein bestimmtes Transfervolumen erhalte, um die Mannschaft in der Breite qualitativ zu verstärken.« 

Werner Wolf (Vorsitzender des FC-Verwaltungsrats) wies diese Vorwürfe auf der Homepage des Vereins am Montag vehement zurückwies: »Diese Aussage ist nicht zutreffend. Der 1. FC Köln legt Wert auf die Feststellung, alle vertraglichen Zusagen gegenüber dem Ex-Trainer erfüllt zu haben«. Der FC soll zunächst mit einer Klage gedroht haben. Nun kontert der Trainer via Express: »Erstens erkundige ich mich immer als erstes, wie der FC gespielt hat und drücke dem Klub die Daumen. Zweitens sind diese Aussagen so ungeheuerlich und unhaltbar, dass ich mir fast rechtliche Schritte gegen Herrn Dr. Wolf überlegen muss.«


Die wichtigsten Aussagen aus dem 11FREUNDE-Interview mit Christoph Daum in Kürze:

»Einige nahmen es dankend in Kauf, dass ich allein verantwortlich für meinen Abgang gewesen sein soll. Ich hätte mich gefreut, wenn mal einer gesagt hätte: ›Wir haben Versprechungen gemacht, die wir nicht gehalten haben.‹ Von vielen Seiten spürte ich mangelnden Kooperationswillen. Am Ende waren sich beide Seiten einig, dass es so nicht weitergeht. Aber stattdessen hieß es aus dem Vorstand nur: ›Daum wollte weg‹, ›Daum wollte mehr Geld‹ und so weiter.«

»Mir ist vertraglich zugesichert worden, dass ich ein bestimmtes Transfervolumen erhalte, um die Mannschaft in der Breite qualitativ zu verstärken. Dies wurde nicht eingehalten und somit war das zuvor Durchgesprochene nicht durchzusetzen.«

»Er (Wolfgang Overath, d. Red.) hat sich nie gegen mich gestellt, was ich ihm bis heute hoch anrechne. Aber mir schlug intern von vielen anderen Seiten Misstrauen entgegen. Wie oft habe ich in Sitzungen darauf hingewiesen, dass unsere Gegner in Leverkusen, in Gladbach oder auf Schalke sitzen. Aber es ging oft intern gegeneinander.«

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Hier das komplette Interview mit Christoph Daum, ergänzend zur Reportage »Die Entdeckung der Langsamkeit« aus 11FREUNDE #124:


Christoph Daum, auch ein Trainerleben ist ein langer unsteter Fluss. Wie sind Sie plötzlich beim FC Brügge gelandet?


Christoph Daum: Es ging alles sehr schnell. Der neue Präsident hat sich sehr für mich eingesetzt. Die Voraussetzungen stimmten. Mir blieb nicht viel Zeit zu überlegen, also habe ich zugesagt. Und es gibt weitaus weniger interessante Arbeitsorte als die Stadt Brügge.

Der historische Stadtkern hat Ihre Entscheidung für den Job also befeuert?

Christoph Daum: Sehr. Brügge ist eine mittelalterliche Stadt, die sich seit 600 Jahren kaum verändert hat, wo es im Winter mitunter etwas zu ruhig ist, insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit, das einem im Sommer hingegen vorkommt wie Klein-Tokio.

Sie sind erst im November gekommen, woher kennen Sie das Stadtbild im Sommer?

Christoph Daum: Ich war im Frühjahr 1986 als Co-Trainer von Sir Georg Kessler das erste Mal hier. Damals spielten wir mit dem 1. FC Köln im Uefa-Pokal beim SV Waregem. Während unseres dreitägigen Trainingslagers in Knokke nahm Kessler mich abends mit, um mir die Stadt zu zeigen. Das »Venedig des Nordens« mit seinen Grachten hat mich sofort fasziniert. Ich bin mit Ritterfilmen wie »Ivanhoe« aufgewachsen, von den alten Gemäuern hier ging eine besondere Magie aus. Städte wie Brügge zu erkunden, das gibt dem Menschen die Möglichkeit – frei nach Sten Nadolny – die Langsamkeit zu entdecken.

Die Hauptfigur in Nadolnys Buch »Die Entdeckung der Langsamkeit« ist der Kapitän und Polarforscher John Franklin. Nadolny schildert ihn als Menschen, der im Denken, Sprechen und Handeln zu langsam für die Zeit der Industrialisierung erscheint, dessen Eigenschaften sich jedoch positiv in Ausdauer, Gründlichkeit und Gelassenheit niederschlagen. Mussten Sie diese Langsamkeit erst entdecken?


Christoph Daum: Jeder Mensch sollte von Zeit zu Zeit erfahren, wie es ist, nicht ständig spontan zu reagieren. Oft ist es von Vorteil, Dinge wie in Zeitlupe ablaufen zu lassen und erst dann zu bewerten. Auch ich brauche diese Momente, in denen ich mich frage: »Wo komme ich her, wer bin ich, wo gehe ich hin?« Das führt mir der Kapitän bei Nadolny vor Augen.

Zum Entschleunigen kam das Angebot vom FC Brügge also genau richtig? Was heißt entschleunigen?

Christoph Daum: Ich bin gekommen, um dem Klub zu helfen. Wir durchlaufen eine Periode der Neuorientierung. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht. Keine Frage, wir leben in Zeiten, in denen oft der Schnelle den Langsamen frisst. Natürlich spielt auch Genauigkeit in unserer Branche eine wichtige Rolle. Meine Arbeit hier ist aber keineswegs entschleunigend, denn für belgische Verhältnisse gehen wir das Projekt sehr dynamisch und mit hohem Tempo an.

Der belgische Fußball ist demnach etwas verschlafen.

Christoph Daum: Natürlich sind die infrastrukturellen Bedingungen der Klubs andere als in der Bundesliga, allein das TV-Geld ist nicht im Ansatz zu vergleichen. Ich habe vor kurzem mit dem Ex-Gladbacher Ulrich Le Fevre zusammengesessen, der in den Siebzigern noch vom FC Brügge gekauft wurde. Sowas wäre heute undenkbar.

Sind Sie mit offenen Armen empfangen worden?

Christoph Daum: Vertrautheit muss wachsen, das geht nicht von heute auf morgen. Zumal viele Menschen in Flandern uns Deutschen ohnehin zunächst mit einer gewissen Reserviertheit gegenübertreten.

Woran haben Sie das gemerkt?

Christoph Daum: Das neue Kommunikationsmittel sind die Foren im Internet.

Und da gab es nach Ihrer Verpflichtung erstmal hitzige Diskussionen unter den Fans.

Christoph Daum: Ich habe mir angewöhnt, mir Momentaufnahmen nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Was einem Trainer bei der Einstellung aus dem Internet entgegenschlägt, unterscheidet sich von den Foreneinträgen sechs Wochen später meist grundlegend.

>>> Seite 2:
Auf der folgenden Seite spricht Christoph Daum über ein Art Präambel, die er an alle Mitarbeiter verteilte. Er spricht über seine Grundsätze und Sudoku. Daum: »Selbst meine Arbeit in Frankfurt habe ich auf persönlicher Ebene als ungemein erfüllend empfunden, und ich würde sie immer wieder so machen.«




Ergänzung zu Heft#124 03/2012

Das große Interview mit Joachim Löw


weiterlesen [1] [2] [3] [4] [5] [6]



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Kommentare

  • User
  • 22.02.2012 12:35:07 PittiTrueffelschwein

    Recht gutes Interview. Man fragt sich immer wieder, was für ein Mensch Christoph Daum ist, wo die Fassade aufhört und sein wahres Ich beginnt. Seine Glaubwürdigkeit hat er sich seinerzeit durch seine Kokafarce ziemlich angeknackst, andererseits ist das, ich würde schätzen, 15 Jahre her?!, und er dürfte sich seitdem in gewisser Form entwickelt haben. Die Frage ist eben nur wohin, wer ist der wahre Christoph Daum. Der Mann, der solche Interviews ruhig und in beinahe philosophischer Ruhe beantwortet?

  • User
  • 22.02.2012 14:55:30 Grienkenschmied

    Das Interview wäre noch besser gewesen, wenn man beim Thema Sport geblieben hätte. Mit den politischen Fragen und Daums naiver Meinung zu Guttenberg und Wulff hat man niemandem einen Gefallen getan.
    Dann kann er auch gleich behaupten, dass er selber damals nicht über seine Koksnase, sondern nur über die böse Berichterstattung der Medien gestolpert ist.

  • User
  • 22.02.2012 18:29:34 skifahrer

    Die Fragen, die sich mir während der Lektüre aufdrängen bzw. die ich vermisse:

    ist das jetzt der löbliche Versuch der gegenseitigen Intelligenzprofilierung
    und die Reanimation eines Literaturcurriculums....
    oder ist das Satire, welche die Akteure hier darzubringen versuchen ?
    Diese wäre dann gar nicht mal so schlecht.
    (Titel: "Sten Nadolny auf dem Platz und Ritter Ivanhoe im Fernsehen" oder so ähnlich....)

    Und die Frage, die ich im Interview mit zunehmender Ungeduld vermisse,
    ist die Frage, NEIN, nicht danach, sondern nach einem oder zwei Fußballern,
    die DURCH IHN oder VON IHM zu internationaler Größe geführt wurden.
    Ich kenne die Antwort nicht.

    Und noch eine ganz simple, schlichte Frage vermisse ich:
    Herr Daum - wie lassen Sie Fußball spielen ?
    Wenigstens darauf meine ich die Antwort zu kennen:
    ohne System - so wie es gerade kommt.

  • User
  • 22.02.2012 19:35:51 Blaus

    Die Hauptfigur in Nadolnys Buch »Die Entdeckung der Langsamkeit« ist der Kapitän und Polarforscher John Franklin. Nadolny schildert ihn als Menschen, der im Denken, Sprechen und Handeln zu langsam für die Zeit der Industrialisierung erscheint, dessen Eigenschaften sich jedoch positiv in Ausdauer, Gründlichkeit und Gelassenheit niederschlagen.

    Ja klar, das ist euch während des Interviews einfach mal so rausgesprudelt ;)...oh, ich sehe, der Wintersportler hat meinen Gedanken schon angeführt. Mist.

  • User
  • 22.02.2012 20:03:06 AntiMöller

    Und die Frage, die ich im Interview mit zunehmender Ungeduld vermisse,
    ist die Frage, NEIN, nicht danach, sondern nach einem oder zwei Fußballern,
    die DURCH IHN oder VON IHM zu internationaler Größe geführt wurden.
    Ich kenne die Antwort nicht.


    Ohne nachzugucken: Hässler, Emerson. Noch ein paar Leverkusener? Lucio? Bernd Schneider? Placente?
    Ich muß weg, Bayern gucken.

  • User
  • 22.02.2012 20:41:41 skifahrer

    Gucke jetzt auch Bayern. Deswegen Kurzform:
    Alle genannten Spieler waren schon Nationalspieler, als Herr Daumen in ihr Leben trat...

  • User
  • 23.02.2012 09:36:17 gelsenkirchen

    häßler nicht. im gegenteil, häßlers karrierestart inkl. verkauf zu juventus turin fällt eigentlich zienmlich exakt mit christoph daums erster amtszeit als cheftrainer beim 1. fc köln zusammen.

  • User
  • 23.02.2012 09:43:51 mehmetwirdankendir

    Schneider kam 99 zu Leverkusen. War da noch kein Nationalspieler.

  • User
  • 23.02.2012 11:15:36 Manzi

    "...einen Grashalm nicht nur einpflanzen und daran ziehen muss, damit er schneller wächst, denn jeder Halm wächst unterschiedlich schnell und nach anderen Bedingungen. Als Trainer muss ich genau hinhören..."

    Wenigstens kann Christoph das Gras wachsen hören...
    soll ihm erst mal einer nachmachen!!!

  • User
  • 06.03.2012 17:28:06 MarcRamone

    Ein prima Interview!

    Es beschäftigt beim Lesen, wie oben einer schon erwähnte, mit der Frage "wer ist dieser Daum?". Das finde ich gut. Er ist ja medial derart präsent, vorbelegt und auseinandergenommen worden, dass man eigentlich meinen könnte, ihn zu kennen. Dieses Interview hingegen lässt ihn ziemlich interessant erscheinen.

    Weiter mit solchen Interviews.

  • User
  • 07.03.2012 02:15:09 Yvy

    Gute Aussage von Möller-FCB zu Daum.
    Erwartete, klischeehafte Aussage von Skifahrer-FCB zu Daum.

    Super Interview, in dem man mehr über Daum erfährt als in 30 Jahren Momentaufnahme-Presse.

    Was an seiner Meinung zur medialen Vorgehensweise bei Wulff und Guttenbert - und nur darum ging es - angeht, weiß nicht, was daran naiv sein soll. Er sagt es, wie es ist.

    Wie hat Bayern gespielt ?

  • User
  • 07.03.2012 02:16:00 Yvy

    Guttenbert, Dagobert

  • User
  • 07.03.2012 07:07:54 currygoi

    22.02.2012 20:03:06 von AntiMöller
    Emerson. Noch ein paar Leverkusener? Lucio? Bernd Schneider? Placente?



    ... Ballack (wenn auch nur recht kurz), Kovac-Brüder, Nowotny, Beinlich...
    Waren alles Spieler, die Daum "entdeckte", oder die sich deutlich bei ihm entwickelten.
    (Sogar Ze Roberto könnte man fast noch dazu zählen)


    Eigentlich auch Carsten Ramelow. Aber der zählt aus Prinzip nicht.

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