Die ungewöhnliche Karriere des Lucien Favre
Kunst des Zweifelns
Text: Pascal Claude Bild: Imago
In der vergangenen Saison rettete er Borussia Mönchengladbach vor dem Abstieg, nun spielt das Team des Bauernsohns Lucien Favre um die Meisterschaft. Ein Porträt eines ganz und gar ungewöhnlichen Trainers.
Es fließt ein kleiner Fluss durch St. Barthélemy, er heißt »Le Talent«. Le Talent, das Talent, bahnt sich seinen Weg in sanften Windungen erst süd- und dann nordwärts, wo er in einen größeren Fluss und dann bei Yverdon in einen See fließt, in den Lac de Neuchâtel. Von dort geht es weiter in den Bielersee und aus dem Bielersee in die Aare und mit der Aare in den Rhein, hinaus in die Welt. Lucien Favre hat als Trainer seinen Radius sachte, aber stetig erweitert, er hat die Arbeit im Nachbardorf seines Heimatortes St. Barthélemy aufgenommen, im zwei Kilometer entfernten Echallens, ist dann weiter flussabwärts nach Yverdon, von dort nach Genf, dann nach Zürich, schließlich nach Deutschland. Ist er vorsichtig? »Nein, nein. Das hat nichts mit Vorsicht zu tun.« Lucien Favre widerspricht ein erstes Mal. Er will präzise bleiben: »Sie haben vergessen, dass ich zwischendurch in Neuchâtel war, für 18 Monate. Nicht als Trainer zwar, doch die Arbeit dort hat mich geprägt.«
Das Kapitel Neuchâtel, wo Lucien Favre bei Xamax als Nachwuchsmanager arbeitete, mag das Bild des sich auch räumlich erweiternden Wirkungskreises etwas stören. Es ändert aber nichts daran, dass dieser Trainer, der am Morgen danach über das 5:0 seiner Gladbacher gegen Werder Bremen sagt »es war okay«, eine für einen früheren Nationalspieler ganz und gar ungewöhnliche Karriere gemacht hat. Er ist nicht in der ersten Liga eingestiegen, nicht in der zweiten und auch nicht in der dritten. Er hat 1991, wenige Monate nach dem Ende seiner Karriere als Profifußballer, die C-Junioren des FC Echallens übernommen. »Je voulais voir«, sagt er dazu in einer Dokumentation des Westschweizer Fernsehens, »ich wollte schauen, ob das etwas für mich ist.« »Wie es war?«, fragt Ludovic Magnin, 62-facher Schweizer Nationalspieler, Ex-Bremer, Ex-Stuttgarter und damals einer jener 13-jährigen Jungs beim FC Echallens. »Es war so, dass wir alle dastanden mit aufgerissenen Augen, offenem Mund und keiner einen Ton herausbrachte. So war es.«
»Zeit ist sehr wichtig, doch sie ist knapp«
Favre war damals angetreten, einen Fußballklub von Grund auf kennenzulernen. Um herauszufinden, ob er als Trainer geeignet ist, musste er Einblick erhalten in alle Tätigkeitsfelder, die sich einem Trainer öffnen. Nun sitzt er an einem Tisch in der Geschäftsstelle von Borussia Mönchengladbach, trinkt einen Latte macchiato, den er bei der Mitarbeiterin in einer Freundlichkeit bestellt hat, als würde er sich wegen der aufwendigen Zubereitung des Heißgetränks entschuldigen wollen, und sagt, das Beherrschen dieser vielen verschiedenen Tätigkeiten sei noch immer die größte Herausforderung in seiner Arbeit als Coach: »Mit dem Mitarbeiterstab, mit der medizinischen Abteilung, mit dem Vorstand, dem DFB, der Presse, den Schiedsrichtern, überall muss man Wege finden, um mit den Leuten gut zusammenzuarbeiten. Dazu braucht man einen Plan, und für einen Plan braucht man Zeit. Zeit ist sehr wichtig, doch sie ist knapp.«
All diese Nebentätigkeiten gehen auf Kosten seiner Kernaufgabe, der Arbeit mit der Mannschaft, mit guten Spielern, die er besser machen will, »individuell und im Kollektiv«, der Analyse der eigenen Spiele und jener der Gegner, dem endlosen Sichten von DVDs. Favre tut sich deshalb gerade mit Presseterminen schwer, steht meist nur einmal die Woche für Interviews zur Verfügung und lässt sich dann doch mit großer Selbstverständlichkeit auf sein Gegenüber ein. Die Zeit, die ihm so knapp ist, scheint er zu vergessen. »Das ist ein ganz guter Mann«, sagt ein Betreuer, der seit über vierzig Jahren in Diensten der Borussia steht. »Der arbeitet wie keiner vor ihm, und dann hat er noch für jeden ein freundliches Wort übrig.«
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