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27.01.2012

Gibt es bald wieder Stehplätze in England?

»Das ist eine Win-win-Situation«

Interview: Andreas Bock  Bild: Imago

In England sind Stehplätze seit 1989 verboten. Fußballfan Jon Darch kämpft mit einer mobilen Stehplatz-Ausstellung für die Wiedereinführung. Ein Gespräch über seine Roadshow, VIPs im Stadion und astronomische Ticketpreise.

Gibt es bald wieder Stehplätze in England? - »Das ist eine Win-win-Situation«


Jon Darch, seit Jahren monieren Fußballfans die schlechte Stimmung in englischen Stadien. Wie ist es denn wirklich?

Jon Darch: Die Kritiker haben recht, die Stimmung ist mitunter erbärmlich. Die Eintrittspreise sind exorbitant hoch und es gibt keine Stehplätze mehr. Fans der alten Schule gucken die Spiele also vornehmlich in den Pubs. Roy Keane sagte einmal, die Leute auf den Rängen seien nur noch damit beschäftigt, ihre Scampis zu futtern und in ihren VIP-Logen gut auszusehen. Das klingt vielleicht ein wenig übertrieben, aber komplett aus der Luft gegriffen ist es nicht.



Sie kämpfen seit längerer Zeit für die Wiedereinführung der Stehplätze in englischen Stadien. Wird sich dadurch die Stimmung bessern?

Jon Darch: Ich hoffe es. Wobei ich vielleicht gleich am Anfang klar stellen sollte, dass ich kein Gegner von Sitzplätzen bin. Doch ich glaube, dass jeder Fan im Stadion die Wahl haben sollte, wie er Fußball gucken möchte. Das Stehen sollte dabei ein Option sein. Nicht nur, weil ich mir dadurch eine bessere Stimmung erhoffe.

Sondern?

Jon Darch: Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Auswärtsfans stehen häufig das gesamte Spiel hindurch, 90 Minuten vor ihren Sitzen....

...was sie nicht dürfen.

Jon Darch: Eine Grauzone. Im entsprechenden Gesetz heißt es, dass man das Spiel im Sitzplatzbereich verfolgen muss. Was man dort tut, ob man sitzt oder steht, ist nicht beschrieben. Wenn also ein älterer Anhänger seinen Klub, sagen wir Manchester United, zum FC Arsenal begleiten will, bekommt er nur Karten für den Gästebereich. Dort wird er zwangsweise stehen, weil er sonst nichts sieht. Was passiert also? Fans, denen das Stehen schwerfällt, kaufen sich heutzutage keine Tickets für Auswärtsspiele.

Sie sind seit Mai 2011 mit der »Safe Standing Roadshow« in England unterwegs. Erklären Sie uns: Was ist das?

Jon Darch: Darf ich ein wenig ausholen?

Bitte.

Jon Darch: Lange Zeit waren englische Fußballanhänger ziemlich ignorant, was andere Fankulturen anging. Man hat nur auf sich geschaut. Zur WM 2006 hat sich das geändert, mit einem Mal rückte Deutschland in den Fokus. In den deutschen Stadien sahen die Engländer eine wirklich lebhafte Fankultur. Bunte Kurven, laute Supporter, Choregraphien, Gesänge. Und man sah Stehplatzbereiche, die überhaupt nichts mit dem gemein hatten, was man bis dahin in England darunter verstand.

In England waren Stehplätze seit 1989 eng mit der Hillsborough-Stadionkatastrophe verknüpft.

Jon Darch: Lord Taylor, der 1989 von der Regierung und FA mit der Aufarbeitung von Hillsborough beauftragt wurde, sprach damals zahlreiche Empfehlungen aus. Im Fokus stand dabei die Umstellung auf reine Sitzplatzstadien. Stehplätze waren fortan stigmatisiert, sie waren das Böse schlechthin. Da spielte es keine Rolle, dass es im Hillsborough-Stadion nicht wegen Stehplätzen sondern aufgrund der Überfüllung und des schlechten Stadionmanagements zur Katastrophe kam. Die Empfehlungen wurden damals also falsch interpretiert. Lord Taylor selbst hatte gesagt, dass Stehplätze müssen nicht per se gefährlich sein müssen.

Sie stützen Ihre These auf den Erfahrungen in Deutschland?

Jon Darch: Richtig. In deutschen Stadien gibt es seit einigen Jahren ausklappbare Vario-Seats, etwa in Hoffenheim oder Stuttgart. Diese Plätze sind durchnummeriert und lassen sich je nach Wettbewerb als Sitz- oder Stehplätze benutzen. Im Gegensatz zu klassischen Stehterassen gibt es hier alle zwei Reihen eine Stange, eine Art Wellenbrecher. Ich habe im Mai 2011 von der Firma, die diese Vario-Seats für die neue Arena in Stuttgart produziert hat, ein Ausstellungsstück bekommen.

Ein Ausstellungsstück?

Jon Darch: Man gab mir fünf Stufen mitsamt vier Vario-Seats und einem kleinen Aufgang. In Einzelteile zerlegt passt das wunderbar in einen kleinen Transporter. Mit diesem fahre ich von Klub zu Klub. Vor Ort baue ich dieses Stück dann zusammen, so dass die Verantwortlichen und Fanklubs es testen können. So bekommen sie ein Gefühl für diese sichere Art des Stehens. Im Grunde ist es eine mobile Ausstellung zum Mitmachen. Eine Roadshow.


(Fans der Wolverhampton Wanderers testen Jon Darchs Safe Standing.
Bild: Safe Standing Roadshow)

Die Klubs laden Sie ein?

Jon Darch: Die Initiative geht oft von den Fans der jeweiligen Vereine aus. Im Gegensatz zu früher ist es heute nicht mehr so, dass sie mit ihrem Anliegen bei den Verantwortlichen auf taube Ohren stoßen. Die Vereine wissen ja selbst, dass die Stimmung im Stadion schlecht ist. Haben Sie mal ein Arsenal-Spiel im Emirates Stadium geschaut? Dort kommt man sich ja vor wie in der Oper.


weiterlesen [1] [2]





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Kommentare

  • User
  • 27.01.2012 14:36:53 Don Paul

    40 Euro!?

    Und ich hab mich schon aufgeregt, als hier in Freiburg vor zwei Jahren der Preis auf knapp 9 Euro angehoben wurde (und damit die magische Grenze überschritt, teurer als Theater oder Oper zu sein).
    Andere Welt …

    Bei den Preisen kommt doch auch keine andere Klientel ins Stadion. Das geht vielleicht, wenn der Preis von 30 auf 15 Euro sinkt. Aber in den Dimensionen sind es doch dann eh die gleichen Leute, die sich das leisten können.

    PS. Die klassischen Stehplätze mit riesigen Stufen sind immer noch um einiges besser als diese neumodischen Alibistehplätze, aber besser als gar nix isses wohl ;-) Auch in den neuen deutschen Stadien gibts ja fast nur noch die «falschen» Stehplätze.

    Fazit des Beitrags: Ach was solls.

  • User
  • 27.01.2012 14:39:54 Walter Baseggio

    Stehplätze für 10 Pfund, das wärs. Dann können es sich auch Geringverdiener wieder leisten, ins Stadion zu gehen.
    Sie sind ja derzeit meist ausgeschlossen vom Stadionbesuch.
    Man bedenke, dass ein Engländer im Durchschnitt nur 67% von dem verdient, was ein Deutscher verdient.

  • User
  • 27.01.2012 15:06:42 Buthelezi

    Stehplätze für 10 Pfund wärs tatsächlich, aber wie schon im Interview anklingt, ist das leider ziemlich unrealistisch, wenn die Stadien der großen Vereine auch zu deutlich höheren Preisen gut gefüllt sind - eine Entwicklung die wohl tatsächlich nicht mehr zurück zu drehen ist.

    Aber überhaupt wieder Stehplätze einzuführen, halte ich für eine gute Idee. Vielleicht ergibt sich daraus dann ja auch noch mehr.

    @ Walter

    Wo genau hast du die Zahlen bzgl. des Durchschnittseinkommens her? Unglaube meinerseits führte zu einer kurzen Google Recherche und auch wenn ich keine klaren Angaben finden konnte, so deuten die ersten Spuren doch eher auf ein ziemlich gleiches, teils in UK etwas höheres Einkommen hin.

  • User
  • 27.01.2012 22:00:28 Würzburger

    40 Pfund sind sogar knapp 50 Euro.

    Krass.

  • User
  • 28.01.2012 13:41:16 CoolMcCall

    Kein Zwanni fürn Steher!

  • User
  • 28.01.2012 14:23:47 suppenteller

    man sollte eine dvd zusammenstellen mit stimmungsaufnahmen aus englischen stadien und dahinter dann szenen aus deutschland, belgien, frankreich etc, halt aus all den ländern wo es noch eine lebendige fankultur gibt und die dann den verantwortlichen schicken, die mal wieder contra stands unterwegs sind und einfach fragen "wollt ihr das?"

    man muss sich auch nur die begeisterten kommentare unter videos von gastspielen kontinentaler mannschaften/fans in englischen stadien anschauen, um zu wissen wie auch die fans dort die stimmung ankotzt

  • User
  • 29.01.2012 12:45:59 gelsenkirchen

    der support von uniteds anhang im letztjährigen halbfinale der champions league beschränkte sich auch eher auf das vortragen diverser bereits häufiger gehörter weltkriegssprüche. auch ein grund warum ich englischen fussball von grundauf zum kotzen langweilig finde.

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