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27.01.2012

Gaddafi und Voodoo: Peter Ueberjahn über seine verrückte Karriere

»In Afrika bin ich eine Legende«

Interview: Gareth Joswig  Bild: Privat

Eigentlich war Peter Ueberjahns Karriere vorgezeichnet – als Offizier und Trainer der Bundeswehrnationalmannschaft. Doch dann lockte ein Angebot aus Westafrika. Wir sprachen mit ihm über Voodoo-Priester, rituelle Schlachtungen und das Abenteuer Afrika.

Gaddafi und Voodoo: Peter Ueberjahn über seine verrückte Karriere - »In Afrika bin ich eine Legende«


Jeder kennt Fußball-Weltreisende wie Rudi Gutendorf, Otto Pfister oder Dettmar Cramer. Doch wer sind eigentlich Jochen Figge, Peter Ueberjahn oder Burkhard Pape? Wie haben sie den Fußball in Afrika oder Asien geprägt und verändert? Holger Obermann, ebenfalls Trainer auf Weltreisen (über 50 Stationen, u.a. Afghanistan und Osttimor), kennt diese und zahlreiche andere Fußball-Entwicklungshelfer. Zuletzt schrieb er über seine Erfahrungen und Abenteuer eine Kolumne auf 11freunde.de. Und er fragte: »Warum macht ihr nicht mal was über all diese vergessenen Trainer?« Ja, warum eigentlich nicht? Wir starteten gemeinsam mit Holger Obermann die 11FREUNDE-Serie »Trainer-Globetrotter«.

Nachdem wir bereits mit Eckhard Krautzun, Jochen Figge und Burkhard Pape gesprochen haben, ist nun Peter Ueberjan an der Reihe. Ueberjahn war ursprünglich von 1977 bis 1980 Leiter der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Essen-Kupferdreh und verantwortlich für die Spieler der Bundeswehrnationalmannschaft. Unter ihm trainierten Spieler wie Klaus Allofs, Hansi Müller, Klaus Augenthaler, Frank Mill und Uli Stein. 1981 machte er sein Fußball-Lehrer-Diplom an der Sporthochschule Köln und ging 1982 nach Niger, um dort Nationaltrainer zu werden. Es folgten 33 Jahre als Fußballtrainer in Afrika und 236 Länderspiele in 36 verschiedenen Ländern. Heute wird er durch die FIFA und den DFB als Instructor bei Trainerausbildungs-maßnahmen in Ländern wie Ghana, Botswana, Marokko, Togo, Madagaskar und Südafrika eingesetzt. Zuletzt trainierte er die jordanische Frauennationalmannschaft während ihres Aufenthalts in der Sportschule Ruit bei Stuttgart.



Peter Ueberjahn, das Jahr 1981 markiert einen Wendepunkt in Ihrer Karriere und Ihrem Leben. Alles begann mit einem überraschenden Anruf vom DFB.

Peter Ueberjahn: Ich wurde gefragt, ob ich nicht Lust hätte, die Nationalmannschaft von Niger sechs Wochen lang in der Sportschule von Saarbrücken auf die WM-Quali 1982 vorzubereiten.

Wieso hat man ausgerechnet Sie angerufen?

Peter Ueberjahn: Ich war zuvor als Offizier und Trainer der Bundeswehrnationalmannschaft beschäftigt und hatte daher gute Kontakte zum DFB und den Bundesliga-Trainern. Diese mussten bei mir anfragen, ob ich meine Spieler wie Klaus Augenthaler, Hansi Müller, Klaus Allofs, Uli Stein und Frank Mill für Spiele freistelle.

Sie haben dem DFB zugesagt. Wie war es im Vergleich zur Bundeswehrnationalmannschaft, das Nationalteam aus dem Niger zu trainieren?

Peter Ueberjahn: Ich war sehr interessiert am Training mit einer afrikanischen Mannschaft. Die folgenden sechs Wochen brachten viele neue Erfahrungen. Aus der Bundeswehr war ich zum Beispiel keine nächtlichen Zaubereien gewohnt: Ich war gekommen, um die nigrische Nationalmannschaft auf das wichtige WM-Quali-Spiel gegen Algerien vorzubereiten. In der Nacht vor dem Spiel war natürlich absolute Bettruhe angesagt, nachdem die Mannschaftssitzung sowieso schon viel zu lange gedauert hatte, nämlich bis Mitternacht. Aber gegen drei Uhr nachts wurde ich von Lärm auf dem Flur geweckt. Als ich aufstand, sah ich Spieler die Flure entlang huschen. Also entschloss ich mich, der Sache auf den Grund zu gehen, folgte den Spielern unauffällig und kam schließlich zum Zimmer eines vermeintlichen Betreuers. Dieser Betreuer entpuppte sich als Féticheur (Féticheure treten in Volksreligionen vor allem als Wahrsager auf, d. Red.). Er sollte die Spieler durch Waschungen in einer Badewanne mit stinkender Kräuterbrühe unverwundbar machen.

In der Bundeswehr hätten Sie wahrscheinlich Disziplinarstrafen verhängen müssen. Wie reagierten Sie in diesem Fall?

Peter Ueberjahn: Ich habe Diplomatie walten lassen, obwohl die Szenerie absolutes Neuland für mich war. Nach einiger Zeit schaffte ich schließlich den Spagat zwischen angemessenem Training und Traditionen. Entscheidend war, es sich niemals mit den Féticheuren, Voodoo-Zauberern und Marabouts (Heiliger im Volksislam, d. Red.) zu verscherzen.

Krokodile und Rainer Bonhof: Fotos aus dem Privatarchiv von Peter Ueberjahn in der großen Bilderstrecke!


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Fühlt sich sichtlich wohl: Peter Ueberjahn beim gemütlichen Gin-Tonic in der Sonne. Nicht einmal durch die heiligen Krokodile vom Lac Sadou in Burkina Faso lässt sich Ueberjahn aus der Ruhe bringen.


Fotostrecke

  • Fühlt sich sichtlich wohl: Peter Ueberjahn beim gemütlichen Gin-Tonic in der Sonne. Nicht einmal durch die heiligen Krokodile vom Lac Sadou in Burkina Faso lässt sich Ueberjahn aus der Ruhe bringen.
  • Zwischen 1981 und 1986 übernahm Ueberjahn die Leitung und das Training der nigrischen Nationalelf. Hier gibt er, gemeinsam mit seinem Co-Trainer, taktische Instruktionen.
  • Training im Landesinneren. Mittendrin und auf Talentesuche: Peter Ueberjahn.
  • Er ist jedoch nicht alleine: Andere deutsche Trainer (siehe Adiletten) befanden sich ebenfalls im Auslandseinsatz als Sportentwicklungshelfer. Von links nach rechts: Karl-Heinz Weigang, Peter Schnittger, Otto Pfister, Peter Ueberjahn, Burkhard Pape und Bernd Fischer.
  • Sie sollten nicht nur helfen, Strukturen und Verbände aufzubauen, sondern auch als Coach für die jeweiligen Nationalmannschaften fungieren. Hier gibt Ueberjahn während der Mannschaftsbesprechung Anweisungen an der Taktiktafel
  • Es blieb nicht nur bei grauer Theorie, im Gegenteil: Ueberjahn kam sich oft vor wie das »Mädchen für alles.« Nicht nur die praktische Durchführung von Trainingseinheiten, wie wir sie hier sehen, oblag ihm, sondern auch viele Dinge abseits des Platzes. Wobei sich der Platz nicht immer in einem derart guten Zustand befand wie auf diesem Foto.


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Kommentare

  • User
  • 28.01.2012 17:22:27 wawerka

    Großartige Reihe, diese Interviews mit den Globetrotter-Trainern. Danke an 11-Freunde dafür.

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