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16.01.2012

Die unglaubliche Geschichte von Henri Francillon

Schöne Blume im fremden Garten

Text: Alex Raack  Bild: Imago

Dies ist die Geschichte des haitianischen Torwarts Henri Francillon, der 1974, bei der WM in Deutschland, das Spiel seines Lebens machte, zum TSV 1860 München wechselte, hoffte, bangte, enttäuscht und für tot erklärt wurde. Seine unglaubliche Geschichte.

Die unglaubliche Geschichte von Henri Francillon - Schöne Blume im fremden Garten


15. Juni 1974

Es ist 18 Uhr, als Schiedsrichter Vicente Llobregat aus Venezuela im Münchener Olympiastadion die Partie zwischen Italien und Haiti anpfeift. Im Tor der Italiener steht Dino Zoff. Eine Erscheinung zwischen den Pfosten, ein Weltklassemann. Seit 1100 Minuten ohne Gegentor. Im Tor der Haitianer steht Henri Francillon. Ihn kennt außerhalb von Haiti kein Mensch. In Port-au-Prince, Haitis Hauptstadt, sitzen die Menschen vor dem Fernseher oder haben die Ohren am Radio. Die Arbeiter von Francillons Import-Exportfirma drücken ihrem Chef die Daumen. Für die ebenso überraschende wie sensationelle Qualifikation zur ersten WM-Teilnahme Haitis überhaupt, hat Diktator Jean Claude Duvalier, genannt »Baby Doc«, den Nationalspielern eigene Firmen und Fabriken geschenkt.



Das Spiel beginnt. 51.000 Zuschauer wollen sich das Spektakel WM-Favorit gegen unbekannten Außenseiter ansehen. Die Italiener lassen den Ball durch die eigenen Reihen laufen. Spinosi, Burgnich, Facchetti, Mazzola, Capello, Rivera, Riva – eine Welt-Auswahl ist das, wenn auch etwas in die Jahre gekommen. 1970 besiegte ein Großteil dieser Mannschaft Deutschland im Jahrhundertspiel bei der WM in Mexiko und scheiterte erst im Finale gegen Pelés Brasilien. Spieler, Fans und Medien erwarten einen hohen Sieg gegen die No-names aus Haiti.

Die erste halbe Stunde ist vorbei. Noch immer steht es 0:0. Warum? Weil im Tor der Haitianer ein Wahnsinniger steht, ein Hexenmeister aus der Karibik. Henri Francillon macht das Spiel seines Lebens. Luigi Riva und Gianni Rivera haben es versucht, sogar mehrmals. Ohne Erfolg. Giorgio Chinaglia, der bullige italienische Mittelstürmer hat geköpft, geschossen, geschlenzt und ist doch immer wieder an Henri Francillon gescheitert. Die Zuschauer in München sind völlig aus dem Häusschen, jede Parade und jede Ballberührung von Francillon wird frenetisch gefeiert. Die Weltmeisterschaft 1974 hat ihren ersten Superstar.

19.45 Uhr, Llobregat beendet das Spiel mit einem lauten Pfiff, den Zeigefinger der rechten Hand Richtung Himmel gestreckt. Doch für ein echtes Wunder von oben hat es für Haiti nicht gereicht. Italien hat mit 3:1 gewonnen, irgendwann wusste auch Francillon kein Mittel mehr gegen die wütenden Angriffe des amtierenden Vize-Weltmeisters. Die Sensation ist dennoch perfekt: Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit hatte Emmanuel Sannon Italiens Torwart Dino Zoff umkurvt und zur 1:0-Führung getroffen. Der einmalige Rekord des Schlussmanns ist nach exakt 1147 Minuten gebrochen. Von Haitis neuem Nationalheld Emmanuel Sannon.

>>> Henri Francillons Karriere in der Bildergalerie

Juni 1974

Der große Star für die deutsche Öffentlichkeit ist allerdings Henri Francillon. In München bricht in den Tagen nach dem Spiel ein regelrechter Henri-Hype aus. Francillons spektakuläre Flugeinlagen, sein Exotenstatus als Haitianer und das sympathische Image des Underdogs, der sich gegen die auf Sieg gedrillten Maschinen aus Italien gestemmt hat, machen aus dem bis dato unbekannten Torwart einen Münchener Fußball-Liebling. Da stört es auch nicht, dass Haiti vier Tage nach der Niederlage gegen Italien mit 0:7 gegen Polen verliert und auch im letzten Gruppenspiel gegen Argentinien (1:4) ohne Chance ist. Francillons Auftritt gegen die »Squadra Azzurra« bleibt in den Köpfen hängen.

Auch bei 1860 München macht man sich so seine Gedanken über den Torwart aus der Karibik. Seit dem Bundesligaabstieg 1970 sind die »Löwen« nur noch zweitklassig, für die neue Saison, der ersten Spielzeit in der neu gegründeten zweigleisigen 2. Bundesliga, sucht der Klub noch eine prominente Verstärkung auf der Torhüterposition. Seit dem Weggang von Vereinsikone Petar Radenkovic hat niemand die vakante Stelle zwischen den Pfosten adäquat ausfüllen können. Mit Henri Francillon, der WM-Überraschung, glauben die 1860-Entscheider, ist endlich ein würdiger Nachfolger für den auch als Publikumsmagneten so wichtigen Radenkovic gefunden. Abteilungsleiter Walter Kraus bekommt den Auftrag, Kontakt aufzunehmen. Der Münchener Steuerbevollmächtigte Kurt Renner, während der WM Mannschaftsbetreuer Haitis, ist der ideale Verbindungsmann.


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1973, der stolzeste Moment in der Geschichte des haitianischen Fußballs: Die Nationalmannschaft (mit Torwart Henri Francillon im hellen Trikot) feiert den Gewinn des CONCACAF-Nations-Cup, die nord- und mittelamerikanische Kontinentalmeisterschaft.


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  • 1973, der stolzeste Moment in der Geschichte des haitianischen Fußballs: Die Nationalmannschaft (mit Torwart Henri Francillon im hellen Trikot) feiert den Gewinn des CONCACAF-Nations-Cup, die nord- und mittelamerikanische Kontinentalmeisterschaft.
  • Der Sieg von 1973 hat auch noch einen weiteren äußerst erfreulichen Vorteil: Haiti qualfiziert sich erstmals für eine Weltmeisterschaft. 1974 bezieht die Nationalelf Quartier in München. Francillon sitzt in der mittleren Reihe ganz links.
  • Das erste WM-Spiel Haitis wird zwar standesgemäß mit 1:3 gegen Italien verloren, doch lange Zeit ist Haiti drauf und dran für eine Sensation zu sorgen, geht nach der Pause sogar in Führung. Bis die italienischen Stürmer Henri Francillon (rechts mit Italiens Torwart Dino Zoff) doch noch überwinden können.
  • 54 Minuten hält Francillon wie der Teufel und als ihn Gianni Rivera dann doch bezwingen kann, ist der Torwart längst zum Publikumsliebling der Münchener Zuschauer aufgestiegen.
  • Giorgio Chinaglia jubelt, doch getroffen hat einer seiner Kollegen. Der Bann ist gebrochen, Italien wird das Spiel gewinnen.
  • Henri Francillon am Boden, einer seiner Mitspieler eilt zu Hilfe.


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Kommentare

  • User
  • 14.01.2012 13:18:58 Kaffchris

    kann über den Artikel bitte nochmal wer drüber lesen?! Bin erst bei der Hälfte und es waren schon zwei ein/en-Fehler drin +

    Öffentliche Verkehrsmittel, so erfährt es die Presse, würde der Fußballer aufgrund von Verständigungsmöglichkeiten meiden.

    Danke m)

  • User
  • 14.01.2012 17:48:04 Don Paul

    Sehr interessanter und endlich auch mal wieder ausreichend langer Artikel.
    Gerne mehr!

  • User
  • 14.01.2012 18:41:32 Jonathan Niva

    Sehr interessanter Artikel. Auf Seite 2 hingegen steht, dass er der bis dato einzige Haitianer im deutschen Fussball sei. Dies ist nicht richtig, denn 1978/79 spielte beim FC St. Pauli mit Frantz Mathieu eine weiterer Nationalspieler Haitis.

  • User
  • 15.01.2012 15:28:06 kesh

    Diese Haitianer waren 74 mit den leuchtend orangenen Trikots allein schon optisch der Hit und Francillon war besonders, man sprach bei den Torhütern geheimnisvoll von schwarzen Katzen oder Panthern. War damals so. Riesenlob für diese Idee, die Recherchen, die Qualität und die Emotion.

  • User
  • 15.01.2012 17:40:03 mehmetwirdankendir

    Auch ich danke. Die Löwen sind halt doch ein spannender Verein mit ebensolcher Geschichte. Gerne mehr davon!

  • User
  • 15.01.2012 18:37:03 AntiMöller

    Der Münchener Steuerbevollmächtigte Kurt Renner

    Ich hoffe, hier liest Eckhard Henscheid mit!

  • User
  • 16.01.2012 10:16:45 Yvy

    man wird richtig rührselig..

    irgendwie kommt nicht so 100%ig rüber, was genau das Problem war. Gehalten hatte er ja gut. Max Merkel vermutlich

    ein weiteres Kapitel im Peinlichkeiten-Kabinette unserer Funktionäre

  • User
  • 16.01.2012 20:41:56 weltraumasi

    Richtig toller Artikel. In heutiger Zeit wäre er wohl von Club zu Club gereicht worden. Oder er hätte sich bei einem wirklich durchgesetzt.

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