Die unglaubliche Geschichte von Henri Francillon
Schöne Blume im fremden Garten
Text: Alex Raack Bild: Imago
Dies ist die Geschichte des haitianischen Torwarts Henri Francillon, der 1974, bei der WM in Deutschland, das Spiel seines Lebens machte, zum TSV 1860 München wechselte, hoffte, bangte, enttäuscht und für tot erklärt wurde. Seine unglaubliche Geschichte.
15. Juni 1974
Es ist 18 Uhr, als Schiedsrichter Vicente Llobregat aus Venezuela im Münchener Olympiastadion die Partie zwischen Italien und Haiti anpfeift. Im Tor der Italiener steht Dino Zoff. Eine Erscheinung zwischen den Pfosten, ein Weltklassemann. Seit 1100 Minuten ohne Gegentor. Im Tor der Haitianer steht Henri Francillon. Ihn kennt außerhalb von Haiti kein Mensch. In Port-au-Prince, Haitis Hauptstadt, sitzen die Menschen vor dem Fernseher oder haben die Ohren am Radio. Die Arbeiter von Francillons Import-Exportfirma drücken ihrem Chef die Daumen. Für die ebenso überraschende wie sensationelle Qualifikation zur ersten WM-Teilnahme Haitis überhaupt, hat Diktator Jean Claude Duvalier, genannt »Baby Doc«, den Nationalspielern eigene Firmen und Fabriken geschenkt.
Das Spiel beginnt. 51.000 Zuschauer wollen sich das Spektakel WM-Favorit gegen unbekannten Außenseiter ansehen. Die Italiener lassen den Ball durch die eigenen Reihen laufen. Spinosi, Burgnich, Facchetti, Mazzola, Capello, Rivera, Riva – eine Welt-Auswahl ist das, wenn auch etwas in die Jahre gekommen. 1970 besiegte ein Großteil dieser Mannschaft Deutschland im Jahrhundertspiel bei der WM in Mexiko und scheiterte erst im Finale gegen Pelés Brasilien. Spieler, Fans und Medien erwarten einen hohen Sieg gegen die No-names aus Haiti.
Die erste halbe Stunde ist vorbei. Noch immer steht es 0:0. Warum? Weil im Tor der Haitianer ein Wahnsinniger steht, ein Hexenmeister aus der Karibik. Henri Francillon macht das Spiel seines Lebens. Luigi Riva und Gianni Rivera haben es versucht, sogar mehrmals. Ohne Erfolg. Giorgio Chinaglia, der bullige italienische Mittelstürmer hat geköpft, geschossen, geschlenzt und ist doch immer wieder an Henri Francillon gescheitert. Die Zuschauer in München sind völlig aus dem Häusschen, jede Parade und jede Ballberührung von Francillon wird frenetisch gefeiert. Die Weltmeisterschaft 1974 hat ihren ersten Superstar.
19.45 Uhr, Llobregat beendet das Spiel mit einem lauten Pfiff, den Zeigefinger der rechten Hand Richtung Himmel gestreckt. Doch für ein echtes Wunder von oben hat es für Haiti nicht gereicht. Italien hat mit 3:1 gewonnen, irgendwann wusste auch Francillon kein Mittel mehr gegen die wütenden Angriffe des amtierenden Vize-Weltmeisters. Die Sensation ist dennoch perfekt: Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit hatte Emmanuel Sannon Italiens Torwart Dino Zoff umkurvt und zur 1:0-Führung getroffen. Der einmalige Rekord des Schlussmanns ist nach exakt 1147 Minuten gebrochen. Von Haitis neuem Nationalheld Emmanuel Sannon.
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Juni 1974
Der große Star für die deutsche Öffentlichkeit ist allerdings Henri Francillon. In München bricht in den Tagen nach dem Spiel ein regelrechter Henri-Hype aus. Francillons spektakuläre Flugeinlagen, sein Exotenstatus als Haitianer und das sympathische Image des Underdogs, der sich gegen die auf Sieg gedrillten Maschinen aus Italien gestemmt hat, machen aus dem bis dato unbekannten Torwart einen Münchener Fußball-Liebling. Da stört es auch nicht, dass Haiti vier Tage nach der Niederlage gegen Italien mit 0:7 gegen Polen verliert und auch im letzten Gruppenspiel gegen Argentinien (1:4) ohne Chance ist. Francillons Auftritt gegen die »Squadra Azzurra« bleibt in den Köpfen hängen.
Auch bei 1860 München macht man sich so seine Gedanken über den Torwart aus der Karibik. Seit dem Bundesligaabstieg 1970 sind die »Löwen« nur noch zweitklassig, für die neue Saison, der ersten Spielzeit in der neu gegründeten zweigleisigen 2. Bundesliga, sucht der Klub noch eine prominente Verstärkung auf der Torhüterposition. Seit dem Weggang von Vereinsikone Petar Radenkovic hat niemand die vakante Stelle zwischen den Pfosten adäquat ausfüllen können. Mit Henri Francillon, der WM-Überraschung, glauben die 1860-Entscheider, ist endlich ein würdiger Nachfolger für den auch als Publikumsmagneten so wichtigen Radenkovic gefunden. Abteilungsleiter Walter Kraus bekommt den Auftrag, Kontakt aufzunehmen. Der Münchener Steuerbevollmächtigte Kurt Renner, während der WM Mannschaftsbetreuer Haitis, ist der ideale Verbindungsmann.
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1973, der stolzeste Moment in der Geschichte des haitianischen Fußballs: Die Nationalmannschaft (mit Torwart Henri Francillon im hellen Trikot) feiert den Gewinn des CONCACAF-Nations-Cup, die nord- und mittelamerikanische Kontinentalmeisterschaft.





