Wie sich die EM-Finalstadt Kiew auf Fußballtouristen vorbereitet
Globalisierung galore
Text: Nicole Selmer Bild: Imago
In knapp 200 Tagen beginnt in Polen und der Ukraine die Europameisterschaft. Was haben die Gastgeber den Massen von Fußballtouristen zu bieten? Wohin geht der Kosmopolit, wohin der Nostalgiker? Ein Ortsbesuch in der Finalstadt Kiew.
Abends glitzert und leuchtet die Innenstadt von Kiew, als wären wir am Times Square. Auf dem Khreshchatyk-Boulevard, der Kiewer Prachtstraße, reiht sich ein hochgewachsener Bau des Stalin-Klassizismus an den anderen, inzwischen geschmückt mit den Insignien des Kapitalismus: Samsung, Siemens, Chanel, Swarovski – Globalisierung galore.
Tagsüber sieht es zumindest ein wenig osteuropäischer aus, vor allem weil man nun erkennt, dass die Schrift der Schilder Kyrillisch ist. Aus touristischer Sicht ist dies nur in der Metro ein größeres Problem. Hat man es jedoch erst einmal in die U-Bahn geschafft, ist es einfach, wieder an der richtigen Stelle auszusteigen. In den Waggons sind die Stationen auf Bildschirmen auch auf Englisch ausgewiesen. Abgesehen von der Schrift orientiert und digitalisiert sich gerade die junge Ukraine längst am Westen. In Cafés und Restaurants hängen Fernseher, auf denen permanent Musikvideos laufen, fast überall gibt es kostenlosen Internetzugang. In den Straßen stehen kleine Wagen mit Espressomaschinen, die »Kawa to go« anbieten. Lokales Bier ist günstig, ebenso ukrainische Spezialitäten wie Borschtsch und Wareniki.
Das Stadion von Dynamo Kiew: Das Entmüdungsbecken ist ein Bottich
Deutlich verwurzelt in der Vergangenheit präsentiert sich der große Stadtverein Dynamo Kiew: Vom geschwungenen Eingangstor mit den weißen Säulen über die Statue zum Andenken an Trainerlegende Walerij Lobanowskyj bis zum Stadion selbst atmet auf dem Klubgelände alles Geschichte. Aus dem Rahmen fällt im Grunde nur der neu vor das Stadion gebaute Funktionstrakt mit Büros, Presseräumen und Museum. Aber auch hier strahlen die Umkleidekabinen eher bodenständigen Charme aus. Das Entmüdungsbecken ist ein Holzbottich und neben der Taktiktafel setzt man auch auf weniger irdischen Beistand: In der Ecke über dem Tisch mit den Wasserkochern hängen Ikonen.
Überragt wird das, selbstverständlich nach Lobanowskyj benannte, Stadion, ganz wie es sich gehört, von vier frei stehenden Flutlichtmasten. Rund 16.000 Plätze, natürlich ohne Dach, die Toiletten sind in einem kleinen Bunker außerhalb des Stadions untergebracht. Und hier wird in dieser Saison Europa League gespielt. Eine Saison-Dauerkarte für die Haupttribüne kostet etwa 80 Euro, das ist auch für die Ukraine nicht so viel.





