Haftstrafe für Italiens Fußball-Pate Luciano Moggi
Lucky Luciano?
Text: Julius Müller-Meiningen Bild: Imago
Luciano Moggi, die Hauptfigur des größten italienischen Wettskandals in der Geschichte der Serie A, muss in den Knast. Die Richter verurteilten ihn zu fünf Jahren und vier Monaten Gefängnis. In unserem »Nuller-Spezial« stellen wir »Lucky Luciano« vor.
Der Mann, der das Böse des Calcio personifiziert, lässt auf sich warten. Zwei Stunden nach dem verabredeten Termin betritt er seelenruhig die Hotellounge im Nobelviertel Posillipo von Neapel. »Buonasera Direttore!«, wispert der Hotelpage ehrfürchtig. Der kleine Mann grüßt nicht zurück, er wirft sich in ein sehr weiches Sofakissen. Seine beiden Handys platziert er in Reichweite. Es sind nur zwei Handys, nicht sechs wie noch vor ein paar Jahren.
Luciano Moggi ist gebräunt, trägt eine randlose Brille, Jeans, ein fliederfarbenes Poloshirt und zwei Perlenkettchen, an einem baumelt ein kleines Kreuz. Er sieht erholt aus. »Ich bin ein anständiger Mensch. Im Gegensatz zu denen, die schlecht über mich geschrieben haben.« Routiniert spult der Fußballteufel die Nummer vom Unschuldsengel ab. Er sagt: »Calciopoli ist ein großer Bluff derjenigen, die mich ausschalten wollten.«
Calciopoli – der Skandal, der Italien erschütterte
Calciopoli. So taufen die italienischen Zeitungen den Skandal, der im Frühsommer 2006 über Italiens Serie A hereinbricht. Eine Überraschung ist er für die Wenigsten, denn schon seit Jahren haben die Tifosi von Mailand bis Palermo das Gefühl, dass Juventus Turin nicht immer mit lauteren Mitteln gewinnt. Ihr Verdacht wird bestätigt, als Turiner Staatsanwälte während ihrer Ermittlungen wegen Dopingpraktiken und Bilanzfälschung auf ein weiteres Schattenreich beim italienischen Rekordmeister stoßen, in dem es noch finsterer zugeht. Ein einziger Mann hält darin alle Fäden in den Händen: Luciano Moggi.
Mühsam hat er sich nach oben gearbeitet. Er will nie wieder dorthin zurück, woher er kommt, dafür sind ihm alle Mittel recht. Als er noch Bahnhofsvorsteher in seinem toskanischen Heimatort Monticiano ist, rast er schon über die Dörfer, immer auf der Suche nach guten Kickern. 1994 wird er Generaldirektor von Juve, holt Dutzende Spieler und macht sie zu Stars, etwa Zidane, Trezeguet oder Henry. Juventus sichert sich mit Moggi nicht nur großen Sachverstand, sondern auch ein engmaschiges Netz an Beziehungen. Es klingt immer auch Ehrfurcht mit, wenn die Journalisten in ihren Artikeln, in Anlehnung an den berühmten Mafiaboss, von »Lucky Luciano« schreiben.
Ein tränenverquollenes Maulwurfsgesicht
Es ist Mitte Mai 2006, und der einst glückliche Luciano stapft mit einem tränenverquollenen Maulwurfsgesicht aus einer Kaserne in Rom, wo ihn ein Carabiniere-Offizier verhört. Die Staatsanwaltschaft hat in Neapel, Moggis Wohnsitz, ein Ermittlungsverfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Sportbetrug eingeleitet. Es ist die Zeit, in der Moggi noch sechs Handys benutzt. In dem Verhör erfährt er, dass seine Telefone zwischen November 2004 und Juni 2005 abgehört worden sind. Im Schnitt führt er 416 Telefonate am Tag, zehn Carabinieri sind für die Auswertung notwendig. »Ich habe diesen Calcio nicht erfunden, das System funktioniert seit Jahren so«, wehrt er sich im Verhör mit tränenerstickter Stimme.
Aus 11 FREUNDE-Spezial: 00er






