Ukraines Megastar Andryi Shevchenko will zur EM 2012
Der Armani-Soldat
Text: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago
Andriy Shevchenko ist wohl der beste ukrainische Fußballer aller Zeiten. Derzeit quält sich der Megastar mit allen Mitteln zur Erfüllung seines großen Traums – die Teilnahme an der Heim-EM 2012. Ein Porträt eines treuen Dieners.
Am 8. November 2011, nach 17 Jahren im Konzert der ganz Großen geht es nun auf das Ende zu. Ganze 17 Jahre regierte Italiens Scarface Silvio Berlusconi sein Land nahezu totalitär – nun gab er seinen schrittweisen Rückzug bekannt. Italien, ach was, ganz Europa jubelt – ein Verrückter weniger. Man mag es Ironie des Schicksals nennen, dass im Schlagschatten von Berlusconis Rücktritt auch Andriy Shevchenko verkündete, der Fortgang seiner einzigartigen Karriere stehe auf der Kippe. Ukraines Fußballgott, mittlerweile 35 Jahre alt, lebt mit dem Traum, bei der Heim-EM 2012 für die Ukraine aufzulaufen. Shevchenko und Berlusconi sind gute Freunde, der Staatsmann ist der Patenonkel von Shevchenkos jüngstem Sohm Jordan, der Kicker und der Bunga-Bunga-Boy haben am gleichen Tag Geburtstag. Nun stehen beide am Scheideweg ihrer Karriere. Den Einen zwingen Lügen, Schulden und schöne Mädchen in die Leitplanke – ihn wird keiner vermissen. Den Anderen hält der eigene Körper auf. Der Unterschied: Mit Shevchenko hat ganz Fußball-Europa Mitleid.
Der Aufstieg des Andriy Mykolayovych Shevchenko ist die Geschichte eines ewig treuen Dieners, eines Jungen, für den Fußball nie große Kunst aber immer harte Arbeit war, eines Wanderers zwischen den Welten. Geboren als Sohn eines ehemaligen Rotarmisten muss er bereits im Alter von neun Jahren mit seiner Familie vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl aus seinem Heimatdorf fliehen. Er wird Zeit seines Lebens eine neue Heimat suchen. Halt gibt dem kleinen Andriy in dieser Zeit der Sport: Boxen, Leichtathletik, Eishockey – sein vielseitiges Talent kulminiert schlussendlich in einem überragenden Nachwuchsfußballer. Ein späterer Megastar, der um ein Haar durch das Raster gefallen wäre, als er im Alter von zehn Jahren durch eine Aufnahmeprüfung in der angesehen staatlichen Sportschule von Kiew fällt. Shevchenko war bei einem schlichten Dribblingtest zu langsam, der Weg in die Sportelite der damaligen UDSSR scheint ihm verwehrt. Erst als er wenig später bei einem Sichtungsturnier seine Gegenspieler in Grund und Boden rennt, schießt und köpft, öffnet ihm Dynamo Kiew die Tore zum vereinseigenen Jugendinternat.
Vaterfigur Valerie Lobanovski
Er durchläuft alle Jugendmannschaften und damit die militärähnliche Kaderausbildung des ukrainischen Vorzeigeklubs. 330 Tage im Jahr verbringen Dynamo-Spieler im Trainingslager. »Wenn du deine Frau siehst, muss Neujahr sein«, sagt man sich in den kargen Zimmern der Kiewer Spielerkaserne. Das strenge Regiment seiner Trainer und die Philosphie des Klubs, der keine Stars, sondern nur gleichförmige Maschinen duldet, formt und prägt Shevchenko für sein weiteres Leben. Nach der Systemfußball-Idee von Trainer-Standbild Valerie Lobanosvki bildet der Klub alle Spieler zu Allroundern aus. Das Motto: Kreativität ist lediglich die höchste Form von Organisation. Dynamo Kiew spielt fortan eine kaukasische Version des holländischen Voetbal total. Lobanovski wird zum Lehrmeister des lernwilligen Shevchenko, der wie ein Besessener trainiert und sich schrittweise vom schüchternen Angreifer mit dem Bärchenblick zum menschgewordenes Knallgas entwickelt. Der Ball ist sein Feuer.
Mit seinem kongenialen Sturmpartner Sergij Rebrow bringt er in den Jahren 1994 bis 1999 die Hegemonialstellung des europäischen Spitzenfußballs ins Wanken. Barca, Real, Bayern, Milan – sie alle stolpern ein ums andere Mal über Lobanosvkis Dynamo. Der größte Stolperstein: Andriy Shevchenko. Spätestens als er in der Saison 1997/98 den FC Barcelona per Hattrick im Alleingang zurück nach Katalonien schießt, steht der blonde Pfeil auf dem Zettel aller europäischen Großklubs. 1999 schaltet er mit drei Toren Real Madrid im Viertefinale der Champions Leauge aus. Dynamo scheitert erst im Halbfinale am FC Bayern. Im Hinspiel trifft Shevchenko doppelt, das Spiel endet 3:3. Nach dem Saisonende wird ihm mitgeteilt, dass er zukünftig für den AC Mailand spielen wird. Der Berlusconi-Klub hatte die Rekordsummer von 24 Millionen Euro nach Kiew überwiesen. Ob Shevchenko überhaupt gehen wolle, hat ihn nie jemand gefragt. Er ging. Sein Klub war ihm Befehl.






