Reggae-Legende Adrian Sherwood über West Ham United
»Wir werden von Porno-Baronen regiert«
Interview: Titus Chalk Bild: Promo
Adrian Sherwood ist einer der Pioniere der Reggae- und Dubbewegung in England. Er arbeitete mit Mad Professor oder Nine Inch Nails zusammen. Außerdem ist er Fan von West Ham United. Wir sprachen mit ihm über Pornos und Hooligans.
Adrian Sherwood, es heißt, Sie hätten mit Ihrem Herzensverein West Ham United gebrochen. Stimmt das?
Adrian Sherwood: Ich habe keine Dauerkarte mehr, das stimmt. Doch gebrochen? Sagen wir es so: Ich bin ziemlich desillusioniert, was den Verein angeht.
Wieso?
Adrian Sherwood: Da gibt es etliche Dinge. Wir haben etwa einen Spieler in unseren Reihen, Lee Bowyer, der früher oft durch rassistische Äußerungen aufgefallen war. Außerdem wird der Verein aktuell von zwei Porno-Baronen regiert: David Gold und David Sullivan. Am Anfang sagte ich: »Scheiß drauf!« Doch jedes Mal, wenn ich sie danach sah, dachte ich nur: Widerliche Typen. Die besitzen Magazine, die »Teenage Anal Weekly« heißen. Außerdem glaube ich, dass sie vergangene Saison glücklich waren, als wir abgestiegen sind. So konnten sie sehr günstig die letzten Anteile am Verein kaufen. Solchen Leuten will ich mein Geld nicht in den Rachen schmeissen.
Sind Sie trotzdem zuversichtlich, was die Zukunft von West Ham angeht?
Adrian Sherwood: Dazu mache ich mir keine Gedanken. Bei den derzeitigen Besitzer ist mir das sowieso herzlich egal. Es ist einfach falsch, Menschen wie Abramowitsch oder Sullivan und Gold die Fußballvereine zu überlassen. Manchmal wünsche ich mir, dass es in England ein wenig so wie in Deutschland geregelt wäre.
Erzählen Sie mal, wie sind Sie eigentlich ein »Hammer« geworden?
Adrian Sherwood: Ursprünglich kommt meine gesamte Familie aus dem Norden Englands. Sie waren Fans von Preston North End und Manchester United. Ich wurde allerdings in St. Pancras geboren, direkt neben Bow Bells. Später zogen wir nach East Ham und ich besuchte in den frühen achtziger Jahren an meine ersten Spiele von West Ham United. Damals konnte man sich eine Dauerkarte noch leisten. Wir wohnten so nah am Stadion, dass ich das Spiel anschauen konnte und zu Hause war, bevor der Endstand im Fernsehen gebracht wurde. (lacht)
Was faszinierte Sie an West Ham United?
Adrian Sherwood: Wir hatten einfach eine geile Mannschaft. West Ham United gewann die Weltmeisterschaft 1966.
Sie meinen England?
Adrian Sherwood: Alle vier Tore im Finale gegen Deutschland – oder von mir aus auch alle drei Tore – wurden von den West-Ham-Spielern Martin Peters und Geoff Hurst erzielt. Der Kapitän war Bobby Moore. Eine West-Ham-Legende.
War diese Sechziger Elf die größe West-Ham-Mannschaft aller Zeiten?
Adrian Sherwood: Wir hatten immer gute Spieler. Erinnern Sie sich nur an Trevor Brooking und Alan Devonshire, die zusammen beinahe 1000 Spiele für West Ham machten. Oder schauen Sie sich das Team an, das 2003 abgestiegen ist: Da haben Rio Ferdinand, Frank Lampard, Joe Cole und Michael Carrick gespielt, eine fantastische junge Mannschaft. Wir hatten von 1986 bis 1991 außerdem einen jungen Spieler namens Stewart Robson, der vom FC Arsenal gekommen war. Seine Karriere musste er aber tragischerweise im Alter von 21 Jahren wegen einer schweren Verletzung beenden. Er war drauf und dran, in die Fußstapfen von Paul Ince zu treten. Der Typ war der Don!
Welche Erinnerungen haben Sie an die Samstage in den siebziger und achziger Jahren?
Adrian Sherwood: Samstag war der Tag der organisierten Kämpfe. An diesem Tag zogen die Hooligans der ICF (Inter City Firm, d. Red.) oder der Canning Town Tigers in ihren Designer-Klamotten durch die Stadt und raubten die Läden aus. Einer ging stets als Köder in den Shop, zur Ablenkung, während die anderen innerhalb von wenigen Minuten Sachen im Wert von mehreren hundert Pfund klauten.
Wie wurden normale Fußballfans in der Zeit betrachtet?
Adrian Sherwood: Von oben. Sie waren der Abschaum, auch wenn sie überhaupt nichts mit Hooliganismus am Hut hatten. Dann kam das Pay-TV und das Einkommen der Leute stieg. Die Hooligans verschwanden aus den Stadien, aber auch die Leute aus der Arbeiterklasse. Fußball wurde eine Sache der Reichen.
Interessieren sich die Leute, die früher in den Stadien standen, heute überhaupt noch für Fußball?
Adrian Sherwood: Sie bevölkern heute die Pubs um die Ecke und gucken sich das Spiel auf einer beschissenen Leinwand an. Sie können sich den Eintritt nicht mehr leisten. Allerhöchstens einmal im Jahr sieht man sie im Stadion, wenn sie ihr erspartes Geld zusammenkratzen und ihren Kindern eine besondere Freude bereiten wollen.
Sie sind kein Freund vom Pay TV?
Adrian Sherwood: Wenn ich könnte, würde ich die verfluchten Satellitenschüssel vom Himmel schießen, damit niemand mehr im Pub gucken kann. Ich würde mich freuen, wenn Sky pleite geht, und die Spieler, diese verwöhnte Bastarde, wieder für ein normales Gehalt arbeiten müssten. Dem Fußball täte es gut, mal wieder auf dem Boden anzukommen.
Dass Fußballer ein wenig mehr als normale Arbeiter verdienen, ist allerdings kein Phänomen des modernen Fußballs.
Adrian Sherwood: Wenn John Barnes vom FC Liverpool damals 10.000 Pfund die Woche verdient hat, war das in Ordnung. Er war ein Superstar. Aber wir sind jetzt an einem Punkt, wo jemand wie Carlos Tevez 250.000 Pfund pro Woche verdient. Und so ein Typ weigert sich sogar zu spielen. Er sollte sich verdammt noch mal schämen. Und auch durchschnittliche Spieler verdienen das 500-fache von dem, was eine Krankenschwester bekommt. Ich liebe das Spiel immer noch, aber meinem Sohn beim Kicken zuzusehen, macht mir mehr Spaß.





