Berater Jochen Kientz über Real-Star Pavón in Ingolstadt
»Schon saßen wir im Flieger«
Interview: Ron Ulrich Bild: Imago
Francisco Pavon spielte sechs Jahre für Real Madrid, nun trainierte er beim FC Ingolstadt. Pavons Berater Jochen Kientz, in der Bundesliga als Wandervogel und »Knochen-Jochen« bekannt, spricht über kuriose Transfers, Imageprobleme und das Arbeitsamt.
Herr Kientz, Ihr Schützling Francisco Pavon spielte lange für Real Madrid, gewann dort die Champions League und den Weltpokal. Jetzt mit 31 Jahren absolvierte er ein Probetraining beim FC Ingolstadt. Wie kam es dazu?
Jochen Kientz: Ich habe sowohl nach Deutschland als auch nach Spanien sehr viele Kontakte. Da bin ich darauf gestoßen, dass in Ingolstadt auf der Innenverteidigerposition Bedarf ist. Ich habe also mit Ingolstadts Sportdirektor Harald Gärtner gesprochen und er sagte: »Ok, bring den Jungen mal her.«
Und was sagte Pavon dazu? Mit Verlaub, Ingolstadt ist nicht der klangvollste Name im internationalen Fußball.
Jochen Kientz: Francisco will unbedingt Fußball spielen – ob vor 60 000 oder 6 000 Zuschauern. Das spricht für seinen Charakter. Außerdem konnte ich ihn davon überzeugen, dass Ingolstadt eine sehr gute Entwicklung genommen hat und ausgezeichnet geführt wird. Und schon saßen wir im Flugzeug.
Woran ist die Verpflichtung letztendlich gescheitert?
Jochen Kientz: Die Tage, die er in Ingolstadt verbracht hat, haben ihm gut gefallen. Er war auch sehr angetan von der Trainingsanlage und der Struktur im Verein. Allerdings ist er noch einmal nach Hause geflogen, um mit seiner Familie zu sprechen. Letztendlich hat er dann absagen müssen – aufgrund von persönlichen Problemen, zu denen ich nichts weiter sagen kann.
Ist damit das Thema Ingolstadt endgültig beendet?
Jochen Kientz: Das ist im Moment vom Tisch. Wir sondieren momentan den Markt weiter. Francisco ist noch voll im Saft, er hat letztes Jahr 27 Spiele in der französischen Liga absolviert und über seine fußballerischen Fähigkeiten brauchen wir nicht zu reden.
Wie kann man es erklären, dass ein ehemaliger Star von Real Madrid plötzlich bei einem deutschen Zweitligisten ein Probetraining absolviert?
Jochen Kientz: Nach seiner Zeit bei Real ist er nach Saragossa gewechselt, einer sehr gut besetzten Mannschaft, die eigentlich in den UEFA-Pokal hätte einziehen müssen. Doch das Ganze bekam eine seltsame Eigendynamik, in der Mannschaft stimmte es einfach nicht. Am Ende stieg Saragossa total überraschend ab. Danach hat Francisco vielleicht damals einige gute Angebote zu vorschnell abgelehnt, weil sie damals seinen finanziellen Vorstellungen widersprachen. Im Moment ist der Markt überflutet, das macht die Sache schwerer.
Steht manchmal der große Name im Weg?
Jochen Kientz: Klar, wenn man direkt von Real kommt, muss man sich erst einmal umstellen. Aber Francisco, wie ich ihn kenne, ist ein kluger Kerl, der seine Situation ganz realistisch einschätzt. Er ist auf dem Boden geblieben. Seine Bereitschaft, in die zweite Liga zu gehen, unterstreicht das.
Asamoah, zuletzt Hinkel und Hildebrand in Deutschland, Hargreaves in England, Pavon in Spanien – man hat den Eindruck, dass sich die Fälle von prominenten Fußballern ohne Verein häufen.
Jochen Kientz: Ich kenne die Situation auch. Ich habe mit dem HSV in der Champions League gespielt und fünf Monate später war ich arbeitslos. Da bin ich unter der Woche durch den Wald gelaufen und habe am Arbeitsamt in der Schlange gestanden – das ging fünf Wochen so. Wer hoch fliegt, der kann auch tief fallen. Wenn man einmal ein gewisses Image weghat, dann werden die Vereine skeptisch.
Kurz zuvor hatten Sie noch in der Champions League mit dem HSV gegen Juventus Turin gespielt. Ihr Gegenspieler war kein Geringerer als Zinedine Zidane.
Jochen Kientz: Aber auch nur bis zur 35. Minute ungefähr – bis dahin hatte er keinen Ball bekommen und wurde immer wütender. Dann hat er mir einen Kopfstoß verpasst, wie er es auch 2006 im WM-Finale gegen Materazzi getan hat. Zidane ist völlig ausgeflippt.
Er hat hinterher davon gesprochen, dass Sie ihn provoziert haben sollen. In der Bundesliga hatten Sie nach einem Ellbogenschlag gegen Aliaksandr Hleb den Spitznamen »Knochen-Jochen« weg.
Jochen Kientz: Ich habe Zidane nicht provoziert, er war einfach nur sauer, weil er komplett ausgeschaltet war. Über die Szene mit Hleb war ich selbst erschrocken, als ich sie im Fernsehen sah. Dabei war das alles keine Absicht. Ich war auf dem Platz ein harter Hund, aber es ging nie über die Grenzen hinaus. Doch in den Medien hatte ich nun einmal dieses Image weg, von dem ich gerade gesprochen habe.
Sie galten zudem als Wandervogel: Frankfurt, 1860, Mallorca, Logrones, Panionios Athen, Hamburger SV, St. Pauli, Rostock – wo war es am schönsten?
Jochen Kientz: Beim HSV, weil wir dort unter Trainer Frank Pagelsdorf in der Champions League gespielt haben. Mit Thomas Doll, Tomas Ujfalusi, Rodolfo Cardoso und und und – das war eine super Zeit. Ich muss aber sagen, dass ich von diesen vielen Stationen heute auch profitiere, da ich überall Leute kenne und viele Kontakte habe.
Einer Ihrer Wechsel soll gar in einer spanischen Kneipe arrangiert worden sein.
Jochen Kientz: Ja, das stimmt. Meine Mutter war nach Mallorca gezogen und klagte dem Wirt Vicente dort ihr Leid. Dass ihr Sohn ein talentierter Fußballspieler sei und wie sehr sie mich vermisse. Vicente hat dann tatsächlich bei RCD Mallorca angerufen und von mir erzählt. Die wiederum haben mich zum Probetraining eingeladen und drei Tage später habe ich dort einen Vertrag unterzeichnet. So kann es gehen.


Jochen Kientz spielte für Frankfurt, 1860 München, RCD Mallorca, CD Logrones, Panionios Athen, Hamburg, St. Pauli und Rostock.




