Wie ein Tschetschene Xamax Neuchatel umkrempelt
Die dunkle Bedrohung
Text: Bernhard Brunner & Peter B. Birrer Bild: Imago
Der Tschetschene Bulat Tschagajew hat im Mai den Schweizer Klub Xamax Neuchatel übernommen, seitdem reiht sich eine groteske Szene an die andere. Klubangestellte wurden gefeuert, fünf Trainer mussten gehen. Ein abschreckendes Beispiel für ganz Europa.
Es ist laut auf den Rängen, doch der Lärm dröhnt lediglich raumgreifend aus großen Boxen. Die menschlichen Stimmen, die wenigen, die noch da sind, gehen in diesem Gedröhne hilflos unter. Es ist ein Oktobertag am schönen Ufer des Neuenburger Sees, der traditionsreiche Schweizer Verein Xamax Neuchâtel spielt in der Ersten Liga der Schweiz gegen den FC Thun. Doch kaum einer will das sehen. Im Raum der Sponsoren, wo in den vergangenen Jahren reges Treiben und das Sich-Zeigen Gewohnheit war, brennt kein Licht mehr. Die Verträge mit den Geldgebern sind gekündigt worden. Später wird die Zuschauerzahl auf der Videowand eingeblendet: 2132. Das ist ein neuer Minusrekord.
Früher kamen 6000 Zuschauer, zu größeren Spielen vielleicht 10 000. Doch jetzt wollen die Einheimischen ihr Team nicht mehr sehen. Die Diagnose: Entfremdung.
Die Szene ist in der Fußballwelt wohl noch so etwas wie ein Unikat. Und doch könnte sie für eine Welt stehen, die finanziell auf dem Kopf steht – vieles ist nur noch verkehrt und undurchsichtig. Das Beispiel Xamax zeigt, was passieren kann, wenn sich Fußballklubs in die Hände derjenigen begeben, die mit Geldscheinen winken und eine große Zukunft versprechen.
Vorwurf der Geldwäsche
Der neue Besitzer des Klubs, der Tschetschene Bulat Tschagajew, sitzt in seiner Loge, manchmal in Wildlederjacken eingepackt, manchmal modisch zweifelhaft in rot-weiße oder schwarz-blaue Streifenpullis gewickelt, je nach Witterung. Um den angeblichen Milliardär kursieren wilde Gerüchte und Geschichten. Einige sind emotional überspitzt und übertrieben und neigen ins Fremdenfeindliche, andere sind von bizarrer Art, aber wahr. Und die meisten Geschichten, die wichtigsten wohl, liegen im Dunkeln.
Woher hat der Tschetschene sein Geld? Hat er tatsächlich so viel, wie gemunkelt wird? Und wenn ja: Hat er es rechtmäßig verdient? Tschagajew selbst sagt, dass er mit „agrochemischen“ Gesellschaften in den 90er Jahren reich geworden sei. Den Unterschied zwischen weißem und schwarzem Geld will er nicht kennen, wie er in einem TV-Interview zum Besten gibt: »Ich kaufe Schuhe, gebe mein Geld der Verkäuferin – und sie nimmt es.“ Und zum Vorwurf der Geldwäsche sagt er: „Wenn ich so etwas tun wollte, würde ich einen Nachtklub eröffnen.« In den letzten Tagen ließ der Geschäftsmann mit Firmensitz in Genf über Zeitungen in der französischen Schweiz verlauten, er habe »alle finanziellen Mittel«, um die sportliche Wende mit dem Klub zu schaffen.
Fünf Trainer in fünf Monaten
Als der Tschetschene vor fünf Monaten antrat, wollte er „sofort“ Schweizer Meister werden und fabulierte von der Champions League, als Trainer machte der Name Diego Maradona die Runde. Dieser hatte für Tschagajews früheren Freund, den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, auch schon mal Einladungen zu gut bezahlten Plauschspielen auf dem Fußballfeld angenommen. Kadyrow, mit dem sich Tschagajew inzwischen überworfen haben soll, werden Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.
Nun, Maradona kam nicht nach Neuenburg. Dafür nach dem Franzosen Ollé-Nicolle, der nur einen Tag im Amt war, der Schweizer Bernard Challandes; dann der Brasilianer Sonny Anderson im Gespann mit dem Franzosen François Ciccolini; dann die sechsköpfige Trainercrew des angesehenen Spaniers Joaquín Caparros, der in der Primera Divisón den FC Sevilla, La Coruña und Athletic Bilbao trainiert hatte; dann dessen Landsmann Victor Muñoz, ein ehemaliger Spieler des FC Barcelona. Fünf Trainer in fünf Monaten, es ging drunter und drüber. Zuweilen hat Tschagajew Trainer unmittelbar nach Spielschluss in der Kabine in der Begleitung von Bodyguards entlassen.




