Die Geschichte der Fußballfans

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19.08.2011

Mein Lieblingsspieler (2): Diego Armando Maradona

Sorry, Gunther!

Text: Karol Herrmann  Bild: Imago

Für die neue 11FREUNDE-Serie hat sich Karol Herrmann lange überlegt, welchen seiner früheren Helden vom Wildpark er nehmen sollte. Zur Auswahl standen Gunther »Magic« Metz und »Euro-Eddy« Edgar Schmitt. Am Ende wurde es, nun ja, jemand anderes...

Mein Lieblingsspieler (2): Diego Armando Maradona  - Sorry, Gunther!


Es ist mir bewusst, dass an dieser Stelle Spieler wie Katsche Schwarzenbeck, Jürgen Kohler oder Uli Borowka erwartet werden und viele werden mir vorwerfen, dass ich es mir mit meiner Auswahl allzu einfach gemacht habe. Doch in der Rubrik »Mein Lieblingsspieler« kann kein Zerstörer seinen Platz finden, nein, es muss ein Künstler sein. Und somit kann es zu Diego Armando Maradona keine Alternative geben. Diese Entscheidung hat auch wenig mit einem viel gezeigten Tor aus dem Jahr 1986 zu tun, denn als Maradona in der sengenden Hitze im Aztekenstadion zum Solo ansetzte, zählte ich noch nicht einmal zwei Lenze.  



Das erste, an das ich mich in meinem Leben überhaupt erinnern kann, war Italia 90, die WM am Stiefel. Schon damals strahlte der kleine Dribbler auf einen Fünfjährigen wie mich eine ungeheure Anziehungskraft aus. Matthäus, Brehme, Illgner und Berthold wirkten dagegen irgendwie blass. Heute sagt man, Maradona war 1990 bereits über dem Zenit. Wikipedia schreibt, er war weitaus weniger dominant, als noch vier Jahre zuvor. Schaut man sich ein paar Videoschnipsel dieser WM an, ist es schwer verständlich, was die Online-Enzyklopädie damit eigentlich meint. Hat er denn den Ball 1986 wirklich noch eleganter angenommen? Hat er die Pässe wirklich noch filigraner gespielt? Hat er mit seinen dynamischen Dribblings noch mehr Gegenspieler verzweifeln lassen? 

Unmöglicher Pass auf Caniggia

An genialen Momenten mangelte es ihm in diesem Turnier beiweilen nicht. Eine Aktion im Achtelfinale war dabei vom Niveau des Sololaufs von Mexiko-City. Die Brasilianer hatten Argentinien lange Zeit am Rande einer Niederlage. Bis sich Maradona zehn Minuten vor Schluss in der eigenen Hälfte den Ball schnappte, vier Gegenspieler stehen ließ, um dann im Fallen einen nahezu unmöglichen- wie genialen Pass auf Caniggia zu spielen, der nur noch zum 1:0 Endstand einschieben musste. 

Natürlich hat Maradona 1990 kein Jahrhunderttor erzielt und im Finale nahm ihm Guido Buchwald mit der Perfektion deutscher Verteidigungstugend auch den letzten Spaß am Fußball. Deutschland wurde Weltmeister. Ich habe mich trotzdem gefreut. Ich weiß nicht mehr, wie der Kaiser nachdenklich über den Platz geschlendert ist, aber ich weiß noch genau, wie der kleine Argentinier geweint hat.  

Wie ein Kind am Geburtstagstisch

Es war der Wendepunkt seiner Karriere. Kurze Zeit danach wurde er fett, drogenabhängig, pflegte Kontakte zur Mafia und schoss mit einem Luftgewehr auf Journalisten. Ich habe ihn lange aus den Augen verloren. Erst als ich mich vor einigen Jahren in einem Touristenladen in Buenos Aires eine DVD mit den 120 schönsten Toren Diegos kaufte, wurde mir die komplette Tragweite dieses Genies bewusst. Vor allem, während seiner Zeit beim SSC Neapel, wirkten alle Gegenspieler wie unbeteiligte Statisten in einer billigen Komödie. Maradona war seiner Zeit meilenweit voraus. Er hat sich selbst bei jedem verwandelten Elfmeter gefreut wie ein kleines Kind am Geburtstagstisch.  

Nach Italia 90 habe ich meine bescheidene Vereinslaufbahn beim FV Haueneberstein gestartet. Ob es Zufall war, dass ich nie eine andere Position wie Maradona gespielt habe? Im Jahr 2004 ging plötzlich ein Raunen durch die Welt. Der Argentinier wurde mit Herzinfarkt in eine Klinik eingewiesen, unklar, ob er überleben würde. Es war an der Zeit, meine aktive Karriere zu beenden.






Heute kaum mehr vorstellbar, aber es gab eine Zeit...


Fotostrecke

  • Heute kaum mehr vorstellbar, aber es gab eine Zeit...
  • ...da galt die gemeine Schwalbe noch als schlitzohrig.
  • Maradona flog genauso elegant durch die Lüfte...
  • ...wie er mit dem Ball umgehen konnte.
  • Oft genug musste er dafür auch einstecken. Der Kameruner Viktor N'Dip verwechselt beim Eröffnungsspiel der WM 1990 die Sportart.
  • Zurück zum Fußball: Nachdem Maradona bei den Argentinos Juniors bereits für Furore gesorgt hatte, wechselte er 1981 zu den Boca Juniors. Den richtigen Ausrüster für Fußballschuhe sollte er noch früh genug finden.


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Kommentare

  • User
  • 19.08.2011 11:23:02 Yvy

    Naja 1986 war er ca. 10x besser...

  • User
  • 19.08.2011 11:24:20 gelsenkirchen

    eine ATARI-werbebande. schön!

  • User
  • 19.08.2011 11:29:54 gelsenkirchen

    ich finde eines seiner schönsten tore war das bei der wm 1994 gegen griechenland mit anschließendem brunftschrei in die kamera.

  • User
  • 19.08.2011 12:12:38 MarcRamone

    Welche DVD ist das mit den 120 schönsten Toren? Wie heißt der Titel? Vielleicht gibts die auch hier?!

    Ich habe auch Dokus von ihm und bin jedes Mal gefesselt. Er hat schon Ausstrahlung, finde ich zumindest. Er ist außergewöhnlich.

    Dass er in Dubai verwielt war mir neu, bin überrascht.

  • User
  • 19.08.2011 12:25:29 Karol Herrmann

    Die DVD heißt »Los mejores 120 goles de Diego«.

  • User
  • 19.08.2011 12:37:13 MarcRamone

    Muy bien, muchas gracias!

  • User
  • 19.08.2011 12:53:28 gelsenkirchen

    ich möchte nochmal darauf hinweisen:

    ich suche die DVD der arte dokumentation "maradona, der goldjunge" und weiss nicht, ob da auch der deutsche untertitel mit drauf ist. kann mir das jemand bestätigen bzw. widerlegen?

  • User
  • 19.08.2011 13:16:20 Capocannoniere

    Mit 5 Jahren hast Du das Besondere an Maradona intuitiv erfaßt...erstaunlich !

    Ich hab am Teutonengrill zu Cattolica/Adria mit meinen Eltern manches Spiel der WM 1974 mitverfolgt (mitverfolgen müssen), aber ich kann mich an garnichts erinnern.

  • User
  • 19.08.2011 15:00:40 BerndB

    Finde ich auch erstaunlich - ich war vier Jahre älter und kann mich zwar sehr genau an die Ergebnisse und was ich währenddessen gemacht habe erinnern, aber kaum an irgendeinen Spieler, der kein weißes Trikot mit schwarz-rot-goldenem Zacken trug.

    Zu dem gezeigten Tor gegen Brasilien:
    Schönes Dribbling, aber das Tor resultiert hauptsächlich aus dem absolut dämlichen Abwehrverhalten der Braslianer, die Caniggia allein lassen und dem Glück, dass der Pass zwischen den Beinen des Verteidigers hindurch geht.

  • User
  • 19.08.2011 22:58:46 LowerRhenania

    Dass Brasilien Argentinien am Rande einer Niederlage gehabt haben soll, habe ich irgendwie anders in Erinnerung. War meiner Meinung nach eher eines der schwächeren Spiele der WM, in dem beide nicht viel gebacken bekamen.

  • User
  • 19.08.2011 23:47:22 MarcRamone

    Ich habe zur arte Doku nix bzgl. Untertitel gefunden.
    Bei amazon gibt es diese arte DVD, vielleicht kann der Marketplace Händler dazu Auskunft geben?

    arte Doku Outtakes

    Davon kannte ich noch nix:

    Freestyle

    Wirklich lässig.

    Der war eins mit dem Ball und liebte es, an merkt ihm den Spaß an. Da schaut man gern zu.

  • User
  • 20.08.2011 00:25:02 Capocannoniere

    Nachträglich Angelesenes oder sonstwie aus zweiter Hand Erfahrenes geht mit Erlebtem in der Rückschau mitunter eine unentwirrbare Verbindung ein. Wer sich an Maradona als Star der WM zu erinnern glaubt, kann, was er für seine Erinnerung hält, auch nicht einem Buch entnommen haben (sondern höchstens einer "tricks and skills"-Video-Kompilation).

    Daß Maradona nicht der Star der WM in Italien war, unterliegt keinem Zweifel.

    Er war so übergewichtig, daß die Boulevardpresse ihn als "Maratonna" verspottete, und der Paß auf Caniggia war seine einzige wirklich große Szene während des gesamten Turniers. Argentinien spielte während der WM eine ähnliche Rolle wie 4 Jahre zuvor die DFB-Elf: Zweimal setzte es sich im Elfmeterschießen durch: gegen die spielstärkeren Jugoslawen und gegen die Italiener, die einen schlechten Tag erwischt hatten. Gegen Italien in Normalform wäre für Argentinien bei diesem Turnier nichts zu bestellen gewesen. Maradona mag daran seinen Anteil gehabt haben, weil er das neapolitanische Publikum in ein patriotisches und in Lager von Maradona-Verehrern spaltete.

    Beckenbauer hat im Jahr vor der WM Videoanalysen von Maradona anfertigen lassen, aus denen tatsächlich hervorging, daß Maradona seit 1986 an Spritzigkeit und "Handlungsschnelligkeit" eingebüßt hatte; wobei freilich nicht vorherzusehen war, daß Maradona sich bei der WM körperlich in einem derart schlechten Zustand befinden würde. Ohne Buchwalds Leistung zu schmälern, muß doch gesagt werden, daß Maradona in einem seinem Alter entsprechenden körperlichen Zustand von einem einzelnen Gegenspieler sowenig aus dem Spiel zu decken gewesen wäre, wie 4 Jahre zuvor in Mexiko.

    Aus der Tatsache, daß Maradona vermutlich auch bei diesem Turnier hier und da Dinge gezeigt hat, die er, und nur er, beherrschte, darf man nicht schließen, daß er die dominante Spielerpersönlichkeit des Turniers gewesen wäre. Die Finalniederlage Argentiniens hatte auch nichts Tragisches an sich, dazu war die Spielweise der Argentinier bei jenem Turnier einfach zu zynisch und destruktiv gewesen. Was gegen eine individuell brillante, aber schlecht organisierte Jugo-Mannschaft und gegen die Italiener irgendwie gutging, ist im Finale nicht mehr gutgegangen.

  • User
  • 20.08.2011 17:50:16 gelsenkirchen

    die anahme, dass maradona 1990 der absolute toppstar gewesen sei kann man ja nicht bestätigen, schreibt man dieses prädikat doch gemeinhin matthäus zu. ich glaube aber man dachte besonders im vorfeld von italia 1990, er würde wie 1986 noch genauso zaubern. die dünne medienlandschaft liess es eben damals noch nicht so genau zu, sich vor der wm ein umfassendes bild von diego machen zu können wie das heute möglich wäre. serie a konnte man ja allerhöchstens beim italiener seines vertrauens über satellit anschauen, dem gemeinen fussvolk blieben wohl meist nur gelegentliche ausschnitte in der sonntagssportschau sowie die europapokalspiele gegen deutsche mannschaften.
    dass der maradona-zauber von 1986 nicht wiederkehren würde war dann spätestens beim eröffnungsspiel klar, wo er zwar rüde zusammengetreten wurde, aber dennoch im spiel keine nennenswerten aktionen zeigte. der kleine gelse saß vorm tv und fragte sich wo DER maradona hin ist, umgab ihm doch damals immer eine aura des unantastbaren ("da spielt maradona mit!" -"booooooooor, echt jetzt? huuuuuuuuiiii!" prädikat: unschlagbar!). die kameruner haben das direkt mal zerstört, im wahrsten sinne des wortes.
    ein grund für den leistungsabfall dürfte der in dieser zeit eingesetzte lebenswandel gewesen sein. koks, organisiertes verbrechen und gute parties...

  • User
  • 21.08.2011 00:44:21 Capocannoniere

    Es ging dann irgendwann schnell abwärts mit Maradona: Zwischen 1988 und 1990 hatten in internationalen Wettbewerben Stuttgart, Bayern und Werder gegen den SSC Neapel gespielt, und Maradona schien nochganz der Alte.



    Dann kam die WM in Italien, und gegen Ende der Saison 1990/91 wurde Maradona in Neapel suspendiert. Nach Ablaufen seiner Sperre heuerte er in Spanien beim FC Sevilla an, wo er - ohne weltbewegende Leistungen, aber auch ohne Skandale - bis ans Ende der Saison 1992/93 blieb.

    Von seiner Zeit in Sevilla ist mir ein Freundschaftsspiel in München in Erinnerung, bei welchem Maradona für die Bayern auflaufen wollte, was aber von der UEFA untersagt wurde. Kurz zuvor war Matthäus aus Italien zurückgekehrt - Maradona und Matthäus fielen einander nach dem Einlaufen um den Hals ("DIEGOOO !""Looothaaarrrr !") Seit ihrem ersten Zusammentreffen bei der Südamerikatournee der Nationalmannschaft 10 Jahre zuvor war das Duell Maradona/Matthäus ein der Klassiker des Weltfußballs, unter denen, die sich an einer Bewachung Maradonas versuchten, war Matthäus bei weitem der erfolgreichste.

  • User
  • 21.08.2011 08:50:15 AntiMöller

    "DIEGOOO !""Looothaaarrrr !")

    *Schenkel* Sehr schön erinnert, Capo!

    @Gelse: MEINE Erinnerung mag mich täuschen, aber hatte ein Kameruner nicht derart zugetreten (gg. Caniggia?), daß dabei ein Schuh meterweit wegflog?

  • User
  • 21.08.2011 12:08:11 EuroNoise

    MEINE Erinnerung mag mich täuschen, aber hatte ein Kameruner nicht derart zugetreten (gg. Caniggia?), daß dabei ein Schuh meterweit wegflog?


    www.youtube.com/watch?v=KeRlJJbtdHc

  • User
  • 24.08.2011 14:56:19 Lios

    Sein El Clasico-Tor ist auch der Wahnsinn, Cojones so gross wieder der Fussball selbst:


    http://www.youtube.com/watch?v=5Hx97wTyiGU

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