VVV-Venlo hofft auf deutsche Fußballfans
Die holländische Alternative
Text: Daniel Marx Bild: Imago
VVV-Venlo ist der Klub, bei dem Keisuke Hondas Stern aufging. Der Verkauf des Japaners sprengte alle Dimensionen des Grenzstadtklubs, der in der Eredivisie nach wie vor ein Außenseiter ist. Mit neuem Stadion und deutscher Hilfe will VVV sich nun etablieren.
Im Januar schien es für alle Kaderplaner der Bundesliga oberste Maxime zu sein, von irgendwoher einen Japaner zu verpflichten. Alleine der Hype um Shinji Kagawa schien seine Landsleute Shinji Okazaki (zum VfB), Hajime Hosogai (Leverkusen) und Tomoaki Makino (Köln) nach Deutschland gespült zu haben. Nachdem Japan im Januar diesen Jahres den Asien-Cup gewonnen hatte, waren sie den Herren Hasebe, Yano, Uchida und Kagawa in die Bundesliga gefolgt.
Zum besten Spieler dieses Turniers wurde allerdings einer ihrer Mannschaftskollegen gewählt, ein 24-Jähriger, der zwei Jahre lang völlig unbeachtet im Vorhof der Bundesliga auf Torejagd ging: In der niederländischen Eredivisie. Spätestens seit der WM 2010 kennt jedes Kind in Japan Keisuke Honda. Er erzielte in Südafrika zwei Tore für »Nippon« und wurde zum Superstar. Ein halbes Jahr vorher kickte er noch bei dem kleinen Verein VVV-Venlo, nur einen Steinwurf entfernt von der niederländisch-deutschen Grenze. Sein Verkauf sicherte dem Klub den Etat nahezu einer ganzen Saison.
Sechs Millionen +X für Honda
Während Honda mit seinem 30-Meter-Freistoß zum 1:0 gegen Dänemark am letzten Vorrunden-Spieltag Japans Anhänger in Ekstase versetzte, schwankte die Gefühlslage in der niederländischen Provinz Limburg zwischen Wehmut und Stolz. Robert Pinior lässt keinen Zweifel aufkommen: »Honda ist der beste Spieler, der jemals seine Schuhe für Venlo geschnürt hat.« Der 25-jährige Mönchengladbacher studiert BWL an der Universität in Düsseldorf und ist »Deutschland-Verantwortlicher« der Grenzstädter. Betriebswirtschaftlich war der Verkauf Hondas an ZSKA Moskau vor 13 Monaten eine Entscheidung ohne Alternative.
»Keizer Keisuke«, gerade 22 Jahre geworden, hatte Venlo 2008/09 mit 30 Scorerpunkten in 36 Spielen nach nur einer Zweitliga-Saison wieder in die Eredivisie zurück geschossen. Als er in den ersten acht Erstliga-Spielen sieben Tore folgen ließ, klopfte plötzlich der Hochadel an. Honda war dem VVV endgültig entwachsen: Abgesandte aus Liverpool, Chelsea und Arsenal fanden sich im Stadion »De Koel« 700 Meter hinter der Grenze ein, aus der Bundesliga hatten angeblich der 1. FC Köln und der VfL Wolfsburg Interesse.
Schließlich war es ZSKA Moskau, jener aus der Portokasse Roman Abramowitschs aufgehübschter Armeesportklub, der Venlos Kaiser im Januar 2010 aus seinem Vertrag bei VVV auslöste. Für sechs Millionen Euro plus weiterer Zahlungen im Erfolgsfall und einer Beteiligung bei einem Weiterverkauf des Japaners – für einen Klub, der in der vergangenen Saison mit einem Etat von acht Millionen kalkulierte, nicht weniger als eine finanzielle Revolution.
»De Koel« ist bald Geschichte
Was für den kleinen Verein ein Quantensprung darstellt, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein des Aufholbedarfs. 14 Jahre permanenter Zweitklassigkeit bis 2007 und ein weiterer Abstieg danach haben einen strukturell bedingten Wettbewerbsnachteil gegenüber Vereinen wie AZ Alkmaar, Twente Enschede, Heerenveen oder dem großen Rivalen Roda Kerkrade geschaffen, der nur schwer aufzuholen ist. Finanziell spielen diese Klubs dank regelmäßiger Europapokalteilnahmen in einer anderen Liga.
Hinzu kommt das heimelige, immer ausverkaufte, aber den Anforderungen des modernen Fußballs nicht gewachsene Stadion. Mit seiner Kapazität von 8000 Zuschauern wirkt das »De Koel« wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Ein infrastruktureller Nachteil, der ab der Saison 2013/14 Stück für Stück abgebaut werden soll. Dann soll im Herzen der 100.000-Einwohner-Stadt, direkt am Flüsschen Maas eine Multifunktionsarena fertig gestellt sein, in der 17.500 Zuschauer, also mehr als doppelt so viele Zuschauer wie bisher, die Spiele von VVV verfolgen können. Noch muss der Rat der Stadt die Finanzierung der wohl rund 40 Millionen Euro teuren Arena abnicken. Geschieht das wie geplant im April, sollen nach Ausschreibeverfahren und Vergabe ab Anfang 2012 die Bagger rollen.




