Horroszenario Katar? – »Es war unmenschlich«
Thomas Helmer über WM-Hitze
Interview: Alex Raack Bild: Imago
Spieler und Experten befürchten bei der WM 2022 massive Probleme wegen der extremen Hitze. Thomas Helmer, Teilnehmer der »Hitze-WM« 1994 in den USA, über Eismützen für Andy Möller und die Folgen einer WM im Winter.
Thomas Helmer, welche Erinnerungen haben Sie an die »Hitze-WM« 1994 in den USA, als in machen Stadien zeitweise 50 Grad gemessen wurden?
Richtig heiß wurde es für uns erst im dritten Gruppenspiel gegen Südkorea in Dallas. Vor dem Spiel tränkten wir Auswechselspieler unsere Mützen in Eiswasser, doch als wir den langen Weg von den Spielerkabinen bis zur Ersatzbank bewältigt hatten, waren die Mützen schon wieder trocken. Das Thermometer zeigte mehr als 45 Grad, es war unmenschlich.
Dabei hatten Sie es doch noch gut – Sie mussten schließlich nicht von Beginn an spielen!
Stimmt, wir hatten noch bessere Chancen die Partie nicht als Grillhähnchen zu beenden. Über unseren Köpfen an der Ersatzbank waren kleine Düsen angebracht, aus denen kaltes Wasser rieselte. Und trotzdem habe ich mich gefühlt, wie in der Sauna. Nach gut einer Stunde wollte Berti Vogts Andy Möller für Lothar Matthäus bringen, er rief: »Andy, lauf dich mal warm!« Andy hat Berti nur fassungslos angestarrt und geantwortet: »Trainer, ich bin warm!«
Trotz der Aufwärm-Verweigerung durfte Möller auf den Platz. Wie hat er sich geschlagen?
Kaum war er auf dem Feld, schrie er: »Spiel mich an, spiel mich an!« Er bekam auch den Ball, rannte nach vorne und schoss aufs Tor. Dann trabte er wieder in die eigene Hälfte und rief: »Ab jetzt bitte ganz langsam!« Die Hitze hat jeden fertig gemacht. Ganz schlimm war es bei Guido Buchwald. Der spielte gegen die Südkoreaner eine großartige erste Halbzeit, war dann in der zweiten Hälfte aber bald fix und fertig. Seine Bewegungen wurden langsamer, auch seine Gedanken. Das konnte man von draußen ganz deutlich beobachten.
In diesem Spiel kamen Sie zum Ihrem ersten Turniereinsatz.
Korrekt. Nach 74 Minuten winkte mich Berti ran, ich sollte für Effe kommen. Der sich dafür bei den Fans mit seiner legendären Mittelfinger-Aktion bedankte.
Hat ihm die Hitze die Sinne getrübt?
Möglicherweise. Bei fast 50 Grad fällt es dir irgendwann schwer, richtig zu denken. Ich will nicht sagen, dass man die Kontrolle verliert, aber sicherlich hätte man Stefan diese äußerlichen Bedingungen zugute halten können, als man seine Aktion bewertete. Das war leider nicht der Fall, aus einem gestreckten Mittelfinger wurde ein großer Skandal und Stefan musste nach Hause fahren.
Schon 1994 stießen die Anstoßzeiten auf Kritik. Wie haben Sie darauf reagiert, als Sie hörten, dass einige Spiele in der Mittagshitze angesetzt waren, um für die europäischen Zuschauer zur Prime Time empfangbar zu sein?
Natürlich stört dich das als Fußballer. Aber du kannst nichts dagegen tun. Der Spielplan wird von den Funktionären und Turnierorganisatoren festgelegt und als Fußballer hast du nicht die Macht, daran etwas zu ändern. Also musst du versuchen, dich auf das Wetter einzustellen.
War das in den USA 1994 möglich?
Nicht immer. Selbst wenn wir Monate zur Vorbereitung gehabt hätten, wäre die Hitze noch immer unerträglich gewesen.
Beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Bolivien in Chicago, sollen 70 Zuschauer wegen der Hitze zusammen gebrochen sein. Die WM als Gesundheitsrisiko?
Gesund ist so viel Sonne jedenfalls nicht. Ich erinnere mich: Teilweise trainierten wir mit langer Hose und Trainingsjacke, um uns vor den aggressiven Sonnenstrahlen zu schützen. 40 Grad in langen Klamotten – das hat doch erst richtig fertig gemacht!
2022 findet die WM in Katar statt. Schon jetzt fürchten sich die Spieler vor der drohenden Hitze von mehr als 50 Grad. Thomas Müller vom FC Bayern sagt: »Im Sommer bei diesen Temperaturen zu spielen, ist absolut grenzwertig.« Ihre Meinung?
Vollkommen nachvollziehbar. Ich war vor einigen Jahren während der Sommerzeit in Dubai, da ist jeder Schritt im Freien eine Qual. Eigentlich versucht man dann nur von Klimaanlage zu Klimaanlage zu hetzen. Hochleistungssport bei solchen Temperaturen muss eine Folter sein.
Thomas Helmer, inzwischen haben sich viele Profis für eine WM im Winter ausgesprochen, um bei halbwegs angenehmen Temperaturen zu spielen. Franz Beckenbauer fordert ganz offen, dass die Spielpläne »der großen westeuropäischen Ligen 2012 verändert werden«.
Die WM in die Wintermonate zu verlegen, ist vermutlich die einzig richtige Idee. Fußball in riesigen klimatisierten Hallen klingt ja ganz lustig, ist aber irgendwie auch bescheuert. Wenn die Winter-Trainingslager mit einer Spielplan-Änderung wegfallen, würden sich wahrscheinlich nur wenige Spieler daran stören. Sich gleich zweimal im Jahr im Lager schinden lassen – das fand ich schon als aktiver Spieler furchtbar.




