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10.01.2011

Horroszenario Katar? – »Es war unmenschlich«

Thomas Helmer über WM-Hitze

Interview: Alex Raack  Bild: Imago

Spieler und Experten befürchten bei der WM 2022 massive Probleme wegen der extremen Hitze. Thomas Helmer, Teilnehmer der »Hitze-WM« 1994 in den USA, über Eismützen für Andy Möller und die Folgen einer WM im Winter.

Horroszenario Katar? – »Es war unmenschlich« - Thomas Helmer über WM-Hitze


Thomas Helmer, welche Erinnerungen haben Sie an die »Hitze-WM« 1994 in den USA, als in machen Stadien zeitweise 50 Grad gemessen wurden?

Richtig heiß wurde es für uns erst im dritten Gruppenspiel gegen Südkorea in Dallas. Vor dem Spiel tränkten wir Auswechselspieler unsere Mützen in Eiswasser, doch als wir den langen Weg von den Spielerkabinen bis zur Ersatzbank bewältigt hatten, waren die Mützen schon wieder trocken. Das Thermometer zeigte mehr als 45 Grad, es war unmenschlich.



Dabei hatten Sie es doch noch gut – Sie mussten schließlich nicht von Beginn an spielen!

Stimmt, wir hatten noch bessere Chancen die Partie nicht als Grillhähnchen zu beenden. Über unseren Köpfen an der Ersatzbank waren kleine Düsen angebracht, aus denen kaltes Wasser rieselte. Und trotzdem habe ich mich gefühlt, wie in der Sauna. Nach gut einer Stunde wollte Berti Vogts Andy Möller für Lothar Matthäus bringen, er rief: »Andy, lauf dich mal warm!« Andy hat Berti nur fassungslos angestarrt und geantwortet: »Trainer, ich bin warm!«

Trotz der Aufwärm-Verweigerung durfte Möller auf den Platz. Wie hat er sich geschlagen?

Kaum war er auf dem Feld, schrie er: »Spiel mich an, spiel mich an!« Er bekam auch den Ball, rannte nach vorne und schoss aufs Tor. Dann trabte er wieder in die eigene Hälfte und rief: »Ab jetzt bitte ganz langsam!« Die Hitze hat jeden fertig gemacht. Ganz schlimm war es bei Guido Buchwald. Der spielte gegen die Südkoreaner eine großartige erste Halbzeit, war dann in der zweiten Hälfte aber bald fix und fertig. Seine Bewegungen wurden langsamer, auch seine Gedanken. Das konnte man von draußen ganz deutlich beobachten.

In diesem Spiel kamen Sie zum Ihrem ersten Turniereinsatz.

Korrekt. Nach 74 Minuten winkte mich Berti ran, ich sollte für Effe kommen. Der sich dafür bei den Fans mit seiner legendären Mittelfinger-Aktion bedankte.

Hat ihm die Hitze die Sinne getrübt?

Möglicherweise. Bei fast 50 Grad fällt es dir irgendwann schwer, richtig zu denken. Ich will nicht sagen, dass man die Kontrolle verliert, aber sicherlich hätte man Stefan diese äußerlichen Bedingungen zugute halten können, als man seine Aktion bewertete. Das war leider nicht der Fall, aus einem gestreckten Mittelfinger wurde ein großer Skandal und Stefan musste nach Hause fahren.

Schon 1994 stießen die Anstoßzeiten auf Kritik. Wie haben Sie darauf reagiert, als Sie hörten, dass einige Spiele in der Mittagshitze angesetzt waren, um für die europäischen Zuschauer zur Prime Time empfangbar zu sein?

Natürlich stört dich das als Fußballer. Aber du kannst nichts dagegen tun. Der Spielplan wird von den Funktionären und Turnierorganisatoren festgelegt und als Fußballer hast du nicht die Macht, daran etwas zu ändern. Also musst du versuchen, dich auf das Wetter einzustellen.

War das in den USA 1994 möglich?

Nicht immer. Selbst wenn wir Monate zur Vorbereitung gehabt hätten, wäre die Hitze noch immer unerträglich gewesen.

Beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Bolivien in Chicago, sollen 70 Zuschauer wegen der Hitze zusammen gebrochen sein. Die WM als Gesundheitsrisiko?

Gesund ist so viel Sonne jedenfalls nicht. Ich erinnere mich: Teilweise trainierten wir mit langer Hose und Trainingsjacke, um uns vor den aggressiven Sonnenstrahlen zu schützen. 40 Grad in langen Klamotten – das hat doch erst richtig fertig gemacht!

2022 findet die WM in Katar statt. Schon jetzt fürchten sich die Spieler vor der drohenden Hitze von mehr als 50 Grad. Thomas Müller vom FC Bayern sagt: »Im Sommer bei diesen Temperaturen zu spielen, ist absolut grenzwertig.« Ihre Meinung?

Vollkommen nachvollziehbar. Ich war vor einigen Jahren während der Sommerzeit in Dubai, da ist jeder Schritt im Freien eine Qual. Eigentlich versucht man dann nur von Klimaanlage zu Klimaanlage zu hetzen. Hochleistungssport bei solchen Temperaturen muss eine Folter sein.

Thomas Helmer, inzwischen haben sich viele Profis für eine WM im Winter ausgesprochen, um bei halbwegs angenehmen Temperaturen zu spielen. Franz Beckenbauer fordert ganz offen, dass die Spielpläne »der großen westeuropäischen Ligen 2012 verändert werden«.

Die WM in die Wintermonate zu verlegen, ist vermutlich die einzig richtige Idee. Fußball in riesigen klimatisierten Hallen klingt ja ganz lustig, ist aber irgendwie auch bescheuert. Wenn die Winter-Trainingslager mit einer Spielplan-Änderung wegfallen, würden sich wahrscheinlich nur wenige Spieler daran stören. Sich gleich zweimal im Jahr im Lager schinden lassen – das fand ich schon als aktiver Spieler furchtbar.






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Kommentare

  • User
  • 05.01.2011 13:55:27 Ganna

    Deshalb war die WM in USA also so schlecht…

    Aber ehrlich gesagt ist das schon ziemlich unverantwortlich von „den Funktionären“, bei solchen Temperaturen spielen zu lassen. Nicht nur, dass Leute mit Kreislaufschwächen während der Spiele umkippen. Die Qualität der Spiele lässt doch deutlich nach, bei diesen Temperaturen.

  • User
  • 05.01.2011 17:19:59 Tobi123

    Blatter überlebt die Hitze doch dann da sowieso nicht. Das rafft den dahin.

  • User
  • 06.01.2011 00:49:37 Buschfräse

    Man kann nur hoffen, dass Blatter bis dahin von irgendeinem seiner afrikanischen Verbands-Warlords und deren Entourage umgelegt worden ist.

  • User
  • 06.01.2011 08:15:22 Flappen

    Jedes Land sollte seine Eigenarten auch präsentieren dürfen. Deshalb fordere ich:
    WM 2018 in Russland im Winter und
    WM 2022 in Katar im Sommer bitte

    Danke

  • User
  • 07.01.2011 09:54:42 EgilSkallagrimsson

    Und die WM 2026 dann bitte in den Anden auf 4000m Höhe. Sauerstoff? Was ist das?

  • User
  • 07.01.2011 13:02:05 suppenteller

    ich will gar nicht diesen elenden faktor hitze runterreden, aber erstens gibt es gegen katar hundert bessere gründe und zweitens müsst ihr euch dann über die kommende wm in brasilien auch aufregen. ein spielort dort ist nämlich Manaus. schonmal jemand da gewesen? tagestemperaturen zwischen 35 und 40 grad und dazu ne luftfeuchtigkeit (so 90% und gerne mehr), die jeden nicht-tropen bewohner garantiert aus den socken haut. dazu ist der juni noch regenzeit, im juli wirds minimal angenehmer, aber da dürfte der vorrundenspielort manaus schon nicht mehr dabei sein...

    das wird auch ne sause und auch dort hat das fifa wm exekutivkomitee mal wieder schöne scheisse gebaut, denn neben manaus hatte sich auch die amazonasmetropole belém beworben. dort ist es erstens etwas angenehmer was das klima betrifft, steht desweiteren schon ein 50.000 leute fassendes stadion (für ne wm natürlich zu renovieren), während man in manaus ein neues stadion in den regenwald kloppt. und der wichtigste aspekt: in belém wird fußball gelebt, drei brasilianische traditionsvereine (wovon zwei noch aktiv mitmischen), jedes wochenende lebendige fußballkultur und eine stadt die deswegen regelmäßig (positiv) durchdreht. in manaus dagegen ist das alles ne stufe niedriger anzusiedeln, aber dafür haste in manaus dank seiner steuerbegünstigten wirtschaftszonen viele schöne und reiche, entsprechende clubs, bars, hotels etc, man muss sich also nicht wundern, warum manaus erwählt wurde...

  • User
  • 10.01.2011 12:25:11 Rotorducks95

    Flappen, DAS hab ich mir auch schon gedacht und bin absolut dafür! Eine Winter-WM in Russland, was kann es Schöneres geben, als vor dem TV daheim zu sitzen und die Spieler zu bemitleiden......? :-)

  • User
  • 10.01.2011 17:48:36 Rafael Thunderfart

    Die Weltmeisterschaften 1970 und 1986 wurden auch bei großer Hitze ausgetragen, und sie zählen sie zu den besten in der Geschichte des Wettbewerbs - obwohl die Spieler, außer unter extremen Hitzegraden, unter der dünnen Höhenluft zu leiden hatten. Die Hitze an sich ist keine Erklärung für die Qualität (oder den Mangel daran) bei der 94er WM.

    Ich denke, die meisten Teams waren auf die große Hitze einfach nicht vorbereitet- und das, obwohl ein Jahr zuvor beim 3-3 der DFB-Elf gegen Brasilien und anderen Spielen des Vorbereitungs-Turniers bereits tropische Temperaturen geherrscht hatten.

  • User
  • 10.01.2011 18:04:24 Eisensack

    ....bitte alle nochmal in die WM-Bibliothek. Chile, Uruguay, Argentinien, Brasilien, 2mal Mexiko, USA, Spanien, sowie 2mal Italien alles ehemalige WM-Austragungsorte. In jeder Nachberichterstattung ist die Rede von unglaublicher Hitze, etc. während der Mittags- bzw. Nachmittagsspiele.
    Natürlich werden in Katar nochmals andere Verhältnisse herrschen, aber ich finde die Diskussion im Grunde überflüssig und von den Medien gemacht. Vom Suppenteller wurde es ja schon angedeutet, der Wirtschafts und Korruptionsfaktor ist viel entscheidender, aber auch das ist nichts wirklich verblüffend neues, auch hier reicht ein Blick auf die bisherigen Turniere (Stichwort João Havelange oder Argentinen).
    Ach und Herr Helmer (andere Spieler) für das bisschen Geld welches Sie verdienen können Sie ruhig mal 90 unmenschliche Hitzeminuten ertragen.

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