Winfried Schäfer über Baku und Aserbaidschan
»Ich bin anders als Berti«
Interview: Christian Lawendel Bild: Imago
Winfried Schäfer trainiert seit drei Monaten die aserbaidschanische Mannschaft FK Baku. Wir sprachen mit dem ehemaligen Bundesligacoach über die Qualität der Liga, Berti Vogts' Nationalelf und »einfach mal Tschüss sagen«.
Winfried Schäfer, Sie sind seit diesem Sommer in Aserbaidschan. Ist es schön in Baku?
Ja, Baku ist schön. Die Stadt befindet sich im Aufschwung. Aserbaidschan hat eine riesige Geschichte. Es gibt interessante Gebäude, nicht nur aus der Sowjetunion. Die Altstadt von Baku gehört zum Weltkuluturerbe.
Warum haben Sie sich denn für diesen Posten entschieden? War es nur die Architektur?
Nein, nein. Ich hatte ein Angebot als Nationaltrainer in Libyen bei Gaddafi – lehnte es aber ab. Ein Bekannter von mir ist Manager in Baku und mit dem habe ich mich oft über den Verein unterhalten. Der sagte mir auch, ich solle mal vorbei kommen. Das habe ich gemacht und mich mit dem Präsidenten getroffen. Der Herr hat so ein gewinnendes Etwas. Er sagte mir, dass er Großes mit dem Verein aufbauen wolle. Dann bin ich gleich hier geblieben. So einfach kann das gehen.
Welchen Eindruck haben Sie denn von der aserbaidschanischen Liga?
Die Liga ist besser, als ich gedacht habe. Vor drei oder vier Jahren hat Baku noch 6:0 gegen andere Mannschaften gewonnen. Mittlerweile haben sich die anderen Teams aber auch verstärkt. Man muss also höllisch aufpassen, dass man nicht gegen kleinere Mannschaften verliert. Die Teams haben aufgeholt und neue Trainer und Spieler geholt.
Mit Berti Vogts und Tony Adams arbeiten namhafte Trainer in Aserbaidschan. Was macht das Land so reizvoll?
Berti ist hier damals hingekommen, weil der Verband einen Trainer mit großem Namen haben wollte. Man wollte ein Signal setzen. Tony Adams ist jetzt Trainer in Gabala, gegen die wir erst kürzlich gespielt haben.
Sie haben 2:1 gewonnen.
Richtig, das war das erste Spiel, das wir gewonnen haben. Warum die Trainer jetzt hier arbeiten? Das Land entwickelt sich sehr gut, speziell Baku. Wenn ich schaffe, was wir uns vorgenommen haben, geht es mir sehr gut. Mein Vertrag ist auf Prämien aufgebaut.
Sie lebten vor Ihrer Zeit in Baku in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Wie hat sich Ihr Lebensstil gewandelt?
Baku ist eine Stadt im Aufbruch. Ich bin mir aber sicher, dass sich diese Region durch ihr Gas und Öl zu einer führenden Metropole entwickeln wird. In der Stadt habe ich eine sehr schöne Wohnung, direkt am Hafen am Kaspischen Meer.
Beschäftigen Sie sich mit den kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten eines Landes, bevor Sie einen Vertrag unterschreiben?
Dieses Mal habe ich mich nur über den Berti informiert. Ich habe mir überlegt, was er da macht. Ich war aber nicht so informiert, wie das beispielsweise bei Frankreich der Fall wäre.
Sie haben seit Ihrer Zeit in Berlin nur noch im Ausland gearbeitet. Wie haben Sie denn diese Aufenthalte persönlich verändert?
Ich habe viele Kulturen und Fußball-Kulturen kennen gelernt, beispielsweise in Kamerun, wo ich einen enormen Patriotismus erlebt habe. Das sind Erfahrungen, die unglaublich wichtig sind. Ich habe dort mit dem jungen Eto'o gearbeitet, der auch schonmal kurz vor dem Heimflug stand. Ich sagte ihm: »Entweder trainierst du richtig oder du fliegst nach Hause«. Auch die Art mit verschiedenen Menschen umzugehen – etwa mit dem Scheich in den Emiraten –, habe ich vor allem durch diese Aufenthalte gelernt. Solche Dinge lernst du nicht aus Büchern und auch nicht, wenn du nur in der Bundesliga arbeitest.
Wo haben Sie sich bisher am wohlsten gefühlt?
Das hängt natürlich auch davon ab, ob du erfolgreich bist. Ich habe mich zehn Jahre in Karlsruhe wohl gefühlt, bis der Verein den Manager gewechselt hat. Man konnte seit dem Tag schon sehen, dass es mit dem Verein bergab geht. Man muss in solchen Fällen auch wissen, wann man zu gehen hat. Das habe ich nicht getan. Das ist eines meiner Probleme: Ich identifiziere mich zu schnell mit einem Verein. Manchmal muss man einfach auch mal »Tschüss« sagen.
Warum können Sie das nicht?
Ich bin zu gerne Fußballer und Trainer. Ich bin in Gladbach groß geworden. Bei der Borussia wurde Fußball gelebt. In München ist es beispielsweise eher Highsociety und Fußball. Deshalb sind die Bayern auch so erfolgreich.
Heute Abend spielt Deutschland gegen Aserbaidschan. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der deutschen Nationalmannschaft?
Aktuell ist der deutsche Fußball auf einem hohen Niveau. Die Bundesliga arbeitet so gut, dass sich Spieler wie Bastian Schweinsteiger oder Mesut Özil extrem verbessern konnten. Bei der WM hat ja fast eine Fohlen-Mannschaft gespielt. Ich habe schon vor dem Turnier gesagt, dass Ballack gar nicht fehlt. So gut war er in Chelsea nicht. Das haben die Zeitungen oft anders dargestellt. Gegen Inter Mailand hat er eine katastrophale Leistung abgeliefert. Für die Nationalmannschaft war klar, dass das Team ohne ihn nicht schlechter ist. Andere Spieler mussten Verantwortung übernehmen und sind damit gewachsen.
Berti Vogts spricht von einer »kostenlosen Lehrstunde« für sein Team. Sehen Sie die aserbaidschanische Mannschaft auch so chancenlos?
Es kommt darauf an, was man erwartet. Natürlich haben sie keine Chance zu gewinnen, das ist klar. Sie können aber ein gutes Ergebnis holen. Ein 2:0 ist doch super. Berti kann natürlich nicht sagen, dass Aserbaidschan gewinnt. Er darf nur nicht zu negativ über den Fußball sprechen.
Was würden Sie ihm für heute Abend raten?
Ich bin ein bisschen anders als Berti. Er war immer Abwehrspieler. Ich würde sagen, dass die Jungs raus gehen und die Deutschen richtig unter Druck setzten sollen. Man muss der Mannschaft Selbstbewusstsein geben. Das macht Berti sicherlich, allerdings wird er defensiver aufstellen.





