Wie Matthäus seine Ehe retten will
Zettels Albtraum
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Lothar Matthäus kämpft um seine Ehe. Ein kompliziertes Unterfangen, also hat er sich Notizen gemacht. Diese Notizen kennt jetzt die ganze Welt. Die »Bild« hat sie veröffentlicht – und den Weltmeister endgültig zerstört.
Lothar Matthäus wollte vorbereitet sein. Er schrieb seine Gedanken auf kariertes Papier. »TRÄUME – OK aber Realität«, steht auf dem aus einem Ringbuch gerissenen Blatt. »RAUCHEN – mehr Krebs«, »ABNEHMEN – trotz essen Mama«, »KINDISCH – Schwimmflügel«, »SCHREIEN – Wahrheit nicht hören«.
Einfache Kausalitäten, letzte Wahrheiten. Als wäre ein ganzes Leben auf diesem Papierchen zusammengeschrumpft, das, was wirklich stimmt, steht in Blockschrift wie die zehn Gebote. Fundamental, naiv, archaisch, aber deshalb auch seltsam anrührend. Es könnten die Gedanken eines Greises und eines kleinen Jungen sein, des ersten Menschen und des letzten. »LÜGEN – Wahrheit nicht sehen«.
An diesen Ellipsen wollte der Rekordnationalspieler sich festhalten, in seinem vielleicht letzten großen Finale gegen die verfließende Gattin Liliana. Aufräumen, Ordnung schaffen, auf diesen Zettel linsend, wie der Trainer, als der er so gern gesehen würde, wie Ewald Lienen. Dinge klären, etwas richtig machen. Einmal. Endlich. »Er machte genau das, was Paar-Therapeuten raten – und will offenbar um seine Ehe kämpfen...«, weiß das Ehekampf-Fachblatt »Bild«.
Und dass »Bild« das weiß, macht das Richtige falsch. Das Anrührende peinlich berührend.
Denn der Redaktion liegt besagter Zettel vor, und – was in diesem Fall ein und dasselbe ist – sie hat ihn veröffentlicht.
Es ist traurig. Allzu traurig.
Ob ihn ein schnüfflerhafter Reporter aus dem Aschenbecher geklaubt oder Matthäus den Zeitungsleuten persönlich zugesteckt hat – man weiß es nicht, wie man nicht weiß, welche von diesen Varianten unerträglicher wäre: Als Journalisten verkleidete Bluthunde – oder ein Weltmeister, dem nichts mehr peinlich ist.
Der einstige Weltklassespieler, der Trainer, der eigentlich besser ist als sein Ruf, sie verschwinden endgültig hinter einem Mann, der seiner kaum erwachsenen Frau die Schwimmflügel verbieten will. Darüber zu lachen ist selbst mit gewollter Energie kaum noch möglich. Es ist traurig. Allzu traurig.
Man liest es und will es nicht gelesen haben. Zu spät. Die vage Hoffnung, Lothar Matthäus würde seinen Pakt mit dem Boulevard beenden und endlich umkehren, sie hat getrogen. »REALITÄT – verloren«, hat er selbst geschrieben. Zettels Albtraum. Wann wachen wir auf?





