Nach der WM ist vor der EM
Wir bringen euch Liebe!
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Kurz nach Lena Meyer-Landruts Sieg beim Eurovision Song Contest reiste die deutsche Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft. Auch sie gewann durch ihre Unbekümmertheit die Herzen. Was bleibt vom Sommerflirt?
Sie habe sich die Haare gemacht und neue Unterwäsche gekauft. Mit dieser Information, die sie mehr knödelte, als dass sie sie sang, gewann Lena Meyer-Landrut am 29. Mai dieses Jahres den European Song Contest in Oslo und versetzte damit die halbe Nation in Verzückung. Sie wurde am Flughafen von Hannover empfangen, als hätten die Deutschen eine neue Königin, und sie trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein, in dicken, abiturientinnenhaften Edding-Kringeln steht dort nun für immer: »Wow! Verdammte Axt, ist das geil. Dankeschönst! Leni.« Und eines Tages werden unsere Urenkel, die das lesen, sich fragen, was zum Teufel eigentlich mit uns los war, im Sommer 2010.
Sie werden auf den Fotos von damals einen Mann sehen, der immer dicht hinter diesem koketten Mädchen stand und der so aussieht, als wüsste er es. »Lena hätte mit jedem Lied gewonnen. Die Leute lieben Lena«, sagt Stefan Raab – und beschreibt damit ein Phänomen: Die Verehrung einer öffentlichen Person nicht für ihr Können, sondern für ihr Sein. Genauer gesagt: für das, was sie zu sein scheint. Lena ist im Grunde ein Niemand, aus dem Nichts gekommen, nahezu geschichtslos – und deshalb die perfekte Projektionsfläche für Phantasien. Sie ist alles, was die Leute sich wünschen, weil sie es selbst nicht sind: jung, frech und fröhlich, hübsch. Die Leute lieben diese Lena, weil sie sie lieben wollen. Weil sie so gern überhaupt irgendwas lieben wollen.
Es bietet sich ja sonst nichts an. Vieles macht Angst: Staatsschulden, Wirtschaftskrise, Steuerlast. Was bleibt im Portemonnaie? Geht der Kollege mit mehr Netto nach Hause? Sozialneid, Mobbing, kein Kita-Platz. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, und Wölfe lieben einander nicht. Aber sie wollen lieben, auch im Sommer der Probleme. Sie suchen. Sie finden: Lena – und Schland.
Einig, Party zu machen, alles ist recht, die Freiheit nehm‘ ich mir
Es ist kein Zufall, dass Stefan Raab nicht nur Lena erschaffen hat, sondern auch diesen Sehnsuchtsort. Schland, das ist ein Akronym für Deutschland. Raab hat es von den Lippen derer abgelesen, die zu betrunken oder zu begeistert sind, um zwei Silben hintereinander zu grölen. Auch Schland ist eine Projektionsfläche, wie Lena. Deutschland einfach zu lieben, das fällt schwer – Hitler und Goethe, da müsste man arg viel differenzieren. Schland aber kann man lieben, einfach so, wenn man unbedingt will. Denn Schland, das ist Deutschland ohne historische Schwere, Deutschland im Hier und Jetzt. Schland ist Einigkeit und Recht und Freiheit, aber ohne verfänglichen Patriotismus: Man ist sich einig, Party zu machen, alles ist recht, die Freiheit nehm‘ ich mir. Schland, das ist mein Laden. Schland, das ist mein Verein. Schland, das ist Lena als Mannschaft.
Lenas Sieg bei der Liedchen-WM und der Beginn der Fußball-WM lagen gerade einmal 13 Tage auseinander. »Jungs, jetzt müsst ihr die Lena machen«, japste die »Bild«-Zeitung den Nationalspielern hinterher, als sie in den Airbus A 380 stiegen und über den Äquator flogen. Das war prinzipiell die richtige Idee, nur kann man die Lena nicht einfach machen. Man ist die Lena, oder man ist es nicht. Thomas Müller etwa ist es. Michael Ballack ist es nicht.
Dass der Kapitän nach einem Foul von Kevin-Prince Boateng im FA-Cup Finale am 15. Mai für das Turnier ausfallen würde, könne sich als Vorteil herausstellen, meinten manche Experten. Das klang noch wie das Pfeifen im Walde, und entsprechend unsicher war man sich: Schon nach dem 0:1 gegen Serbien wurde Ballack wieder vermisst. Freilich wäre die Mannschaft mit ihm nicht schwächer gewesen. Aber der Mann ist alt, und das nicht in athletischer, sondern in existentieller Hinsicht. Ein bald 34-Jähriger eignet sich nun mal nicht als Projektionsfläche. Ihn liebt man, oder man liebt ihn eben nicht. Einen Neuanfang gibt es mit ihm nicht mehr.
Und so hätte Ballack, der Erwachsene, dem emotionalen Triumphzug dieser jungen Mannschaft nur im Wege gestanden. Schon 2006 war er, wenn man Sönke Wortmanns Dokumentarfilm »Deutschland – Ein Sommermärchen« glaubt, ein Fossil: Ein Individualist mit eigener Biografie inmitten eines Kollektivs, das seine Geschichte erst noch schreiben musste. Wortmann hielt die Kamera drauf, aber der Regisseur war Jürgen Klinsmann.
Aus Heft#105 Sonderheft 2010/11






