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10.08.2010

WM 1930: Finale der Angst

Mit Knickerbocker ins Kolosseum

Text: Stephan Stegmann  Bild: Imago

Mittwoch, 30. Juli 1930, 15:30 Uhr im Estadio Centenario in Montevideo. Im ersten Finale der WM-Geschichte wetzen der Ausrichter Uruguay und Argentinien nicht nur sportlich die Messer. Wir blicken zurück.

WM 1930: Finale der Angst - Mit Knickerbocker ins Kolosseum


Die herrschende Rivalität im südamerikanischen Fußball-Mekka gipfelte zum erstmöglichen Zeitpunkt der WM-Historie im Showdown damaliger Titanen. Beide Teams, Argentinien und Uruguay, inklusive dem belgischen Schiedsrichter John Langenus kauten bereits vor Anpfiff Fingernägel.



Knickerbocker-Fan John Langenus, der übrigens simultan als Referee und WM-Berichterstatter für den Kicker fungierte, wusste um die Brisanz dieses Spieles. Nicht ohne Grund bestand der Belgier vor Spielbeginn eindringlich auf »keine Revolver in Centenario«. Daraufhin konfiszierte die Polizei nach 68.346 mehr oder minder erfolgreichen Leibesvisitationen 1600 Schusswaffen und gab zusätzlich dem expliziten Wunsch des Schiris nach, für ihn eine persönliche Leibgarde hinter jedem Tor zu positionieren.

»Die Uruguayer wollten uns umbringen«

Im Stadion ist die Stimmung durch die frenetischen Charruas (die Himmelblauen) und Gauchos inzwischen derart explosiv, dass selbst Michael Buffer keinen Ton mehr herausbekommen hätte. Der argentinische Angreifer Francisco Varallo erlebt sein jüngstes Gericht: »Es war die Hölle, wie im Krieg. Die Uruguayer wollten uns umbringen. Mein Vater war auch im Stadion, und er musste sich eine uruguayische Fahne kaufen und Uruguay anfeuern. Aus purer Angst.«

Doch damit nicht genug. Langenus hatte vor dem Anpfiff noch weitaus drastischere Probleme zu lösen. Er hatte zu entscheiden, mit welchem Ball das Finale denn nun ausgetragen wird, denn beide Teams bestanden auf eigens mitgebrachte Spielgeräte. Um beiden Kontrahenten seine Unparteilichkeit zu verdeutlichen und in einem Stück das Stadion verlassen zu können, ließ Diplomat Langenus die Teams in der ersten Halbzeit vor die argentinische, die zweite vor die uruguayische Pille treten.

40.000 wollten nichts weniger als das

Mit der Führung der Himmelblauen durch Pablo Dorado in der zwölften Minute verwandelte sich der Hexenkessel in ein Tollhaus. Peucelle und Turnier-Torschützenkönig Stábile ließen die Heiterkeit mit ihren Gegentreffern jedoch nur einige Minuten später in diabolische Tiefen gleiten. Die Halbzeit kam den Spielern wohl gerade gelegen, um sich die aktuelle Situation nochmals bewusst zu machen. Für Argentinien war der Weltmeisterpokal greifbar nah und genauso nah 40.000 die nichts weniger wollten als das. Kaum wieder aus den Katakomben Centenarios hinein ins tageslichtgeflutete Kolosseum Montevideos sahen die wackeren argentinischen Gladiatoren das, was auch ihr Mittelfeldspieler Louis Monti sah: »Als wir zur zweiten Hälfte auf den Platz kamen, standen da ungefähr 300 Milizen mit gezücktem Bajonett. Uns hätten die nicht verteidigt. Wenn ich einen Gegenspieler berührt hätte, dann wäre es losgegangen. Ich habe meinen Mitspielern gesagt: Macht ihr, ich kann nicht mehr. Oder soll ich mich wegen eines Fußballspiels in einen Helden verwandeln? Wenn wir heute gewinnen, dann bringen sie uns um.«

Diese Ansage schien Früchte zu tragen, denn in der zweiten Hälfte legten die Uruguayer noch satte drei Treffer nach, was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht allein dem Spielball zu verdanken war. Uruguay verlässt nach einem militant anmutenden Finalduell mit aus argentinischer Sicht leicht bitterem Beigeschmack die Arena als erster Weltmeister der Geschichte.

Zur einhundert Jahre währenden Selbständigkeit ihres Landes gab es also nun einen zweiten Anlass mehrere Nächte zu Tagen zu machen oder umgekehrt. Zudem wurde ein entsprechender nationaler Ehrentag in den Kalender eingeführt um die landeseigenen Helden jedes Jahr aufs Neue zu ehren. Feierlaune dürfte wahrscheinlich auch beim schweißgebadeten Langenus aufgekommen sein, der unmittelbar nach Abpfiff die Beine in die Hand nahm um mit der Fähre endlich sichere heimatliche Gefilde anzusteuern.






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Kommentare

  • User
  • 10.08.2010 11:09:40 GoPanse

    Da es in der Tat "Knickerbocker" heißt solltet Ihr das mal in der Überschrift korrigieren. Sonst sehr interessant.

  • User
  • 15.08.2010 20:10:53 www_möbius_de

    Die Nationalmannschaft von Uruguay wird in der Regel "La Celeste" („Die Himmelblauen“) genannt oder es wird von "Los Charrúas" gesprochen (von den Spaniern ausgerotteter Indianerstamm im Gebiet von Uruguay).

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