Ein Tratsch und seine Geschichte
Die Hetero-Combo
Text: Philipp Köster Bild: Imago
Im aktuellen »Spiegel« lässt Reporter Alexander Osang den Ballack-Berater Michael Becker über eine »Schwulen-Combo« in der Nationalelf lästern. Ohne Belege, ohne Sinn, ohne Anstand.
Die Arbeit von Sportjournalisten ist, entgegen der öffentlichen Meinung, in der Regel wenig aufregend. Sie findet statt auf Pressekonferenzen, in denen der Trainer umständlich die Neubesetzung der linken Abwehrseite erläutert und am Rande von Trainingsplätzen, auf denen stundenlang Eckballvarianten einstudiert werden.
Also vertreiben sich die Fußballjournalisten gerne die Zeit mit ein wenig Tratsch unter Kollegen. Besonders beliebt dabei, ist zu mutmaßen, welcher Spieler außereheliche Verhältnisse unterhält und vor allem, welcher Spieler möglicherweise und ganz eventuell schwul sein könnte. Die anderen Kollegen nicken dann und sagen, schon, um nicht als völlig ahnungslos dazustehen, mit Kennermiene: »Davon habe ich auch schon gehört!«
Nun ist das in der Regel ebenso dämlicher wie harmloser Tratsch, wie er in anderen Berufsgruppen auch vorkommt. Und er lebt davon, dass nichts von alledem je gedruckt, oder gesendet wird. Nur deshalb kann in solchen Runden auch hanebüchener Unfug behauptet werden, der weder logisch noch beweisbar noch besonders unterhaltsam ist. Das betrifft ganz besonders die Nationalmannschaft, weil die Auswahlspieler nicht nur Fußballer, sondern auch nationale Identifikationsfiguren sind. Und weil das so ist, gibt es kaum ein Mitglied des DFB-Kaders, den Trainerstab eingeschlossen, dem nicht schon einmal in kleiner oder größerer Journalistenrunde homosexuelle Neigungen nachgesagt wurden.
Dahingeredete Kolportage, substanzloser Tratsch
So weit so langweilig. Dabei hätte es bleiben können, hätte Reporter Alexander Osang es nicht für nötig gehalten, in einem ziemlich mauen Erlebnisbericht über die Fußball-WM im aktuellen »Spiegel« auch eine Begegnung mit Michael Ballacks Berater Michael Becker im Vorfeld des Turniers nachzuerzählen, in deren Verlauf Becker nicht nur über eine vermeintliche »Schwulen-Combo« in der Nationalelf schwadronierte, sondern auch darüber, dass ein ehemaliger Nationalspieler eben diese »Combo« bald »hochgehen« lasse.
Sollte sich Becker tatsächlich so geäußert haben, ist das alles wenig schmeichelhaft für den Ballack-Berater. Wer sich allerdings schon mehr als einmal mit Becker getroffen hat, weiß das Gerede über eine homosexuelle Seilschaft in der Nationalelf als das einzuschätzen, was es ist: dahingeredete Kolportage, substanzloser Tratsch. Und jeder, der diesen Quatsch weiterverbreitet, ist nicht viel besser als der, der ihn in die Welt gesetzt hat.
Osang hat ihn weiterverbreitet. Unter dem Vorwand, ein spezielles fußballerisches Milieu zu schildern, hat er das Geschwätz veröffentlicht und es vermeintlich schon halb verifiziert mit der wenig sensationellen Beobachtung, dass andere Sportjournalisten angesichts der Becker'schen Enthüllungen von der großen Schwulen-Verschwörung im DFB-Team eher gelangweilt reagierten. Eben schon viel zu oft gehört. Wahrer wird die Geschichte dadurch nicht.
Privatsache jedes einzelnen Nationalspielers
Nur Osang ging offenbar der Puls hoch. In der ganzen Aufregung vergaß er völlig, Becker nach Belegen für seine steile Thesen zu fragen oder sich vielleicht sogar die Frage zu stellen, ob es nicht die Privatsache jedes einzelnen Nationalspielers ist, ob er nun schwul oder hetero ist. Und erst gar nicht schien Osang zu interessieren, was die homosexuelle Seilschaft denn nun konkret im Mannschaftskreis angerichtet habe. Stattdessen raunte der Spiegel-Mann ebenso so geheimnisvoll wie inhaltsleer zum Abschluss: »Die Gerüchte sind auch mit nach Südafrika gereist.« Alle Wetter!
Was wird Osang wohl als nächstes aufdecken? Wie eine Hetero-Combo über viele Jahrzehnte die Nationalelf dominierte? Auch hier kann Michael Becker sicher mit Informationen weiterhelfen.





