Die Geschichte der Fußballfans

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18.06.2010

Südafrikas Starreporter Niren Tolsi

»Afrika hält zusammen«

Interview: Tim Jürgens  Bild: Imago

Reporter Niren Tolsi ist in Südafrika ein echter Star. Im Interview mit 11FREUNDE spricht er über das drohende Aus des Gastgebers, die Fankultur bei der Weltmeisterschaft und die strengen Regeln des Weltverbandes FIFA.

Südafrikas Starreporter Niren Tolsi - »Afrika hält zusammen«


Niren Tolsi, nach dem 0:3 gegen Uruguay stehen die Bafana Bafana vor dem Aus. Was bedeutet es für das Turnier?



Wer sagt denn, dass wir ausscheiden? Nach dem Spiel habe ich mit vielen Leuten gesprochen und nach den Momenten der Depression kam unser südafrikanischer Optimismus zurück. Die Menschen haben die Bereitschaft, nicht nur 12., sondern auch der 13. Mann des Teams zu sein. Wir müssen jetzt nur Frankreich schlagen.



Und wenn die Mannschaft doch ausscheidet?



Natürlich hätte es einen Einfluss auf die Stimmung im Land – und die Wahrnehmung des Fußballs. Aber die Fans haben eine Reihe von anderen Teams, die sie dann unterstützen: Brasilien, Portugal, die afrikanischen Mannschaften.

Der Kontinent hält also zusammen.



Das Spiel Ghana gegen Serbien war für mich höchst bemerkenswert. Denn ich hätte nie gedacht, dass die Stimmung so eindeutig aufseiten von Ghana sein würde. Ich verstehe es als Zeichen, dass die Länder Afrikas allmählich erkennen, wie viele Gemeinsamkeiten sie haben.

Ein Thema dieser WM ist das dauerhafte Dröhnen der Vuvuzela.



Die Wirkung des Instruments beruhte bislang auf dem Effekt, dass Fans rhythmisch und harmonisch miteinander kommunizieren. Beispielsweise gibt eine Gruppe ein kurzes »Ba« vor und die andere antwortet mit einem groovigen »Baa- Baba-Baaa«. Dieser Effekt ist bei der WM leider ein wenig verloren gegangen.

Inwiefern?



Beim Eröffnungsspiel in Soccer City hatte ich den Eindruck, dass es vielen nur darum ging, mit der Vuvuzela Lärm zu erzeugen. So lange sich das Match im Mittelfeld abspielte, erzeugten die Zuschauer nichts Musikalisches, sondern nur ein lärmendes Grundrauschen.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die WM hat dafür gesorgt, dass die Mittelklasse angefangen hat, sich für Fußball zu interessieren. Schauen Sie in die Stadien: Sehr viele Fans der Bafana Bafana sind weiß, aber das entspricht nicht dem Zuschauerquerschnitt bei Ligaspielen. Zu den regionalen Spielen in Johannesburg kommen sonst kaum Weiße.

Wie empfinden Sie denn das Dauerdröhnen?

Ich finde es schade, dass man bei dem Lärm gar nichts von den Gesängen der europäischen und südamerikanischen Fans hört. Das betrifft auch uns Südafrikaner, denn wir sind eine sehr musikalische Nation, wir tanzen und singen gerne. Wenn man dies aber aufgrund des dauernden Dröhnens aber gar nicht mitbekommt, geht ein wichtiger Teil der Fankultur verloren.



Das liegt nicht nur an den Tröten. Die WM-Stadien sind durch Polizei und Sicherheitsdienste hermetisch abgeriegelt.

Ich fühle mich derzeit wirklich unwohl, wenn ich zu den Stadien gehe. Es ist, als würden wir in einem repressiven Polizeistaat leben. Dahinter steckt letztlich eine positive Intention, denn kein Südafrikaner würde behaupten, dass Sie nachts in jedem Winkel des Landes sicher sind. Ein bisschen mehr Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein der Gesellschaft hätte es aber auch getan.

Was macht trotz der strengen Organisationsregeln diese WM zu einer südafrikanischen?

Wer ausschließlich bei den Spielen ist, wird sehr wenig entdecken. Stadien sind Fifa-Territorium, dort ist kaum etwas wirklich südafrikanisch. Wer aber genau hinsieht, der bekommt mit, wie glücklich die Südafrikaner sind, dieses Ereignis hier zu haben. Wenn Sie im Land unterwegs sind, wird Ihnen mit Sicherheit auffallen, wie herzlich Sie empfangen werden.

Ist Gastfreundschaft das Markenzeichen dieser WM?

Bestimmt. Aber Sie müssen wissen, dass diese Nation jahrzehntelang von der Welt isoliert war. Deshalb begreifen wir die WM auch als Möglichkeit, endlich von der Welt als Nation respektiert zu werden. Durch die festen Vorgaben erkennt die Welt, dass wir gar nicht so anders sind als ihr. Die WM macht uns zu Weltbürgern.






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Kommentare

  • User
  • 18.06.2010 19:14:42 Würzburger

    Schade, dass wieder gut die Hälfte des Interviews auf die Vuvuzela- Thematik draufgeht.
    Mit Hr. Tolsi wäre wohl ein wesentlich interessanteres Interview möglich gewesen.

  • User
  • 19.06.2010 02:28:54 Ganna

    Immerhin habe ich nun gelernt, dass es auch anders als mit einem „Grundrauschen“ gehen könnte und nur die weißen Mittelklasse-Fans sind schuld daran, dass die Stimmung getötet und die Kommunikation beeinträchtigt wird.
    In Wahrheit sind nämlich die eigentlichen Fußballfans durch die kapitalistische Intervention und Repression der FIFA unterdrückt und müssten befreit werden:
    „Ein Gespenst geht um in Südafrikas Fußballstadien – das Gespenst der Mittelklasse-Fans.“
    Und nach der WM sind alle Südafrikaner zu Weltbürgern geworden. Weil nämlich die vielen bösen Geschichten, die man von dort unten hört und liest, von heute auf morgen durch Bafana Bafana aufhören und alle Menschen nur noch Liebe machen.
    So ungefähr: „besuchst Du Südafrikaner, bekommst Du Liebe gemacht“
    Der lügt doch wie gedruckt!

  • User
  • 19.06.2010 08:01:25 Yaborian

    Interessant! Also kann man die Vuvuzela durchaus spielen. Schade, dass man Fankultur nicht durch Kurse stärken kann...

    Und ob Südafrika und seine Menschen gastfreundlich sind! Du musst aber auch richtig reisen, nämlich fair...
    fairunterwegs

    Es gibt auch super Material, wie es neben der gesteuerten FIFA-Realität wirklich aussieht:
    Soccer for Life
    Insofern war das Interview wirklich interessant, wenn auch kurz...

    Und bitteschön: Wer außer Mittelklasse-Fans kann sich die FIFA Preise und das Einloggen ins Ticketing System leisten?

    Der Vorwurf der Lüge ist schon hart. Da sage ich nur: Einfach besser informieren!

  • User
  • 19.06.2010 09:28:22 Donaldo

    Und bitteschön: Wer außer Mittelklasse-Fans kann sich die FIFA Preise und das Einloggen ins Ticketing System leisten?


    Die überwiegenden Kartenpreise unmittelbar vor den Stadien liegen umgerechnet zwischen 15 und 30 Euro. Viel Geld für einen Südafrikaner, aber machbar...

  • User
  • 19.06.2010 10:43:55 S Block

    Woher hast Du Deine Informationen? Sowohl das mit den Tickets ab 15€, als auch das mit dem machbar?

  • User
  • 20.06.2010 00:29:04 Ganna

    Yabo,
    was ich mit dem Vorwurf der Lüge unterschwellig zum Ausdruck bringen will ist, dass man in solchen Interviews niemals herauslesen kann, welche konkreten Vorschläge oder Vorstellungen jemand hat, um eine Situation zu verbessern. Oder vielleicht mal eine gescheite Analyse, welche mögliche Knackpunkte aufzeigt.
    So eine Feststellung, dass da halt nur Mittelklasse-Fans die Sache durcheinander bringen, nach dem Motto „es ist immer einer Schuld“ sind so simpel, dass man genauso gut alles dem Wetter zuschieben könnte.
    Natürlich hat der Mann recht, dass es schade ist, die Fans nicht mehr zu hören. Und es ist mit Sicherheit schwierig für Leute, die am öffentlichen Leben so beteiligt sind, die internationale Isolation von heute auf morgen zu vergessen und zu ignorieren.
    Vielleicht hat er ja recht, dass man die Sicherheitsmaßnahmen in den Stadien etwas übertreibt. Das kann ich ja gar nicht beurteilen. Aber der Tenor dieses leider zu wenig ausführlichen Interviews hört sich, meiner Meinung nach, irgendwie etwas zu sehr nach Platitüde an.
    Das Thema sollte man sicherlich ausführlicher behandeln, denn dann kann man sich auch ein besseres Bild von RSA machen.
    Also ungefähr solche Themen:
    „Würde es denn zu Konflikten kommen können, wenn die Sicherheitsmaßnahmen weniger rigide wären?“
    „Ist Fußball in Südafrika wirklich nur ein Wintersport?“
    Insgesamt ist Südafrika aber auch sehr weit entfernt. Wenn die WM zu Ende ist, dann wird kaum noch jemand solche Fragen wahrnehmen. Mal schauen, was die Leute so schreiben, wenn sie nach der WM von den Details berichten.
    Was die Gastgeberschaft angeht, waren wir in D. letztes Mal aber auch nicht schlecht, oder?

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