Neuseeland bei der WM 1982
Keine Chance und Spaß dabei
Text: Wynton Rufer, Protokoll: Alex Raack Bild: Imago
1982 in Spanien hat das kleine Neuseeland seinen ersten Auftritt bei einer Weltmeisterschaft. Der blutjunge Wynton Rufer ist der einzige Star des Teams. Hier erinnert er sich an Brennstoff Alkohol und Erinnerungsfotos mit Pele.
Die WM 1982 in Spanien – für uns Kiwis war das ein einziger Traum. Kein Mensch wusste etwas mit unseren Namen anzufangen, wir waren absolute Nobodys. Schon die Qualifikation war unvergesslich. Anders als heute bestand unsere Mannschaft aus vielen eingebürgerten Schotten und Engländern – ein total verrückter Haufen! Zum Auswärtsspiel gegen Saudi-Arabien hatten die Jungs extra einen Koffer voll mit Hochprozentigem mitgenommen und mit Hilfe eines UN-Aufklebers durch den Zoll geschmuggelt. Totaler Wahnsinn! Abends im Hotel wurde unser Koffer natürlich in Rekordzeit plattgemacht und am nächsten Morgen standen die Kerle alle wie aus dem Ei gepellt auf dem Trainingsplatz. Manche Fußballer von der Insel brauchen offenbar Alkohol als Brennstoff für Höchstleistungen.
In Spanien hatten wir die schwerste Gruppe erwischt: Schottland, Sowjetunion und Brasilien. Dieses Land, die Sonne, diese Gegner – für mich 19-jährigen Jungspund von Norwich City war das wirklich atemberaubend. In Malaga trafen wir zum Eröffnungsspiel auf die Schotten, die mit Kenny Dalglish und Graeme Souness zwei echte Superstars aus der englischen Liga in ihren Reihen hatten. Der englische Fußball war Anfang der achtziger Jahre in Neuseeland so populär wie heute die Bundesliga: Jeder kleine Kiwi kannte die großen Namen. Wir verloren schließlich mit 2:5, aber nach dem Schlusspfiff staubte ich noch mal so richtig ab: Das Trikot von Dalglish, ein echter Schatz. Die zweite Partie fand gegen die Sowjets statt – und Oleg Blochin machte uns im Alleingang fertig. Auch ich hatte meine Chancen, aber Torhüter Rinat Dassajew hatte seine langen Arme überall. Der Kerl schien unbezwingbar. Wir verloren mit 0:3.
Wir fühlten uns wie verliebte Teenager
Den Höhepunkt hatten wir uns für ganz zum Schluss aufgehoben: Im dritten Gruppenspiel trafen wir in Sevilla auf Brasilien. Welch eine Mannschaft! Socrates, Eder und natürlich der große Zico. Ich behaupte noch heute, dass diese brasilianische Auswahl in eine Reihe mit Ungarn 1954 und Holland 1974 eingeordnet werden muss. Sie spielten so wunderbaren Fußball, in den Tagen vor dem Match fühlten wir uns wie verliebte Teenager. Mir war es glücklicherweise später noch vergönnt, mit Werder gegen so Ausnahmespieler wie Roberto Baggio, Maradona, Baresi oder Koeman zu spielen – aber für die meisten Jungs aus unserem Kader war die Begegnung mit den Brasilianern der größte Moment ihres Lebens.
Noch vor dem Anpfiff musste ich allerdings eine kleine persönliche Tragödie verkraften: Ich war mit meiner Kamera ins Stadion gerannt, um die ganzen brasilianischen Fans zu fotografieren und meine Eltern zu begrüßen, die in Sevilla vor Ort waren. Als ich wieder in die Kabine kam, musste ich Hohn und Spott ernten. Während ich mir die Sehenswürdigkeiten im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán angesehen hatte, waren die Kollegen von einem Ehrengast überrascht worden: Pelé, der große Pelé, hatte der Mannschaft viel Glück wünschen wollen und sich natürlich auch genügend Zeit für Erinnerungsfotos genommen. Der Held meiner Kindheit war in unserer Kabine, während ich mit meiner Kamera auf dem Rasen herumgeturnt war! Meinen Spitznamen hatte ich natürlich schnell weg: »der Tourist«. Mir konnte das egal sein, später durfte ich noch Fotos mit Maradona, Maldini und ja, sogar Pelé machen. Das Turnier war gerettet.




