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10.06.2010

Willi Lemke über die WM in Südafrika

»Bad news are good news«

Interview: Roland Wiedemann  Bild: Imago

Seit 2008 ist Werders Aufsichtsrat-Vorsitzender Willi Lemke auch als UN-Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden tätig. Wir sprachen mit ihm über die WM, neue Chancen für Afrika und Partys ohne Schnapsleichen.

Willi Lemke über die WM in Südafrika - »Bad news are good news«


Willi Lemke, mit welchen Gefühlen fliegen Sie als UN-Sonderberater für Sport nach Südafrika?

Mit einer sehr großen Vorfreude. Nicht nur die Südafrikaner, sondern eine Milliarde Menschen auf dem afrikanischen Kontinent fiebern dem Ereignis entgegen. Ich habe die große Hoffnung, dass die Weltmeisterschaft Südafrika positive und nachhaltige Impulse verleiht. Die WM kann dafür sorgen, dass die Nation enger zusammenwächst. Es gibt nicht weniger als elf Landessprachen, der Unterschied zwischen ganz reich und ganz arm ist extrem und die Folgen der Apartheid-Politik sind immer noch nicht gänzlich überwunden. Darüber hinaus erwarte ich einen Schub für ganz Afrika.



Warum soll der gesamte Kontinent von einer Fußball-WM in Südafrika profitieren?

Die Menschen in den anderen Ländern können Mut fassen, wenn sie sehen, dass die Südafrikaner ein Ereignis wie die Fußball-WM organisieren. Es wird Zeit, dass die Welt endlich einmal gute Geschichten über Afrika liest und hört. Es gibt wunderbare Länder, aber die Zahl der Afrika-Touristen ist dramatisch zurückgegangen. Hier sehe ich ein riesiges Potenzial. Zudem besteht eine berechtigte Hoffnung, dass Investoren nach Afrika gelockt werden, wenn die WM gut läuft. Es würde zeigen, dass es dort gut ausgebildete Leute gibt.

Die Skepsis in Europa ist immer noch groß, ob es richtig war, eine Fußball-Weltmeisterschaft erstmals an ein afrikanisches Land zu vergeben.

Das hat sicher mit der Berichterstattung in den Medien zu tun. Es gilt der Grundsatz: Bad News are good news. Schlechte Nachrichten lassen sich anscheinend einfach besser verkaufen. Und so werden die eifrig verbreitet. In wie vielen Berichten ist bezweifelt worden, dass Südafrika überhaupt in der Lage ist, fünf neue, WM-taugliche Stadien zu bauen? Es sind phantastische Stadien entstanden und man lag perfekt im Zeitplan. Jetzt wird schon wieder darüber geschrieben, was wohl mit den Stadien nach der WM passiert.

Die hohe Kriminalität und das Sicherheitsproblem lassen sich nicht leugnen.

Es gibt bestimmte Spielregeln, an die ich mich als Tourist einfach halten muss. Man sollte nachts nicht alleine in ein Township gehen. Aber ich kenne auch Städte in den USA, in denen man nach Einbruch der Dunkelheit bestimmte Viertel dringend meiden sollte.

Im Fokus der Fußball-Weltmeisterschaft könnten die eigentlichen Sorgen Afrikas in Vergessenheit geraten.

Diese Gefahr sehe ich nicht. Es gibt riesige Reportagen, die sich nicht nur mit Fußball beschäftigen. Man erfährt in den Medien so viel wie noch nie über Südafrika und andere Länder auf dem Kontinent. Diese Aufmerksamkeit kann einen positiven Schub auslösen.

Die Scheinwelt der Ronaldos, Messis und Rooneys ist für vier Wochen so nah, aber dennoch so weit weg von der Realität in den Townships.

In deutschen Zeitungen wird darüber geklagt, dass Township-Bewohner es sich nicht leisten können, WM-Spiele im Stadion anzusehen. Aber war die WM 2006 in Deutschland für die Hartz IV-Empfänger bestimmt? Es ist nicht fair, den Südafrikanern vorschreiben zu wollen, auf was sie sich freuen sollen. Ich habe in Kapstadt mit 100.000 Menschen gefeiert, als Südafrika als Ausrichter der WM 2010 bekannt gegeben wurde. Die Begeisterung war einfach riesig, ohne Schnapsleichen und Randale.

Der Fußball erscheint als Möglichkeit der Armut zu entfliehen. Welcher Junge in Afrika träumt nicht von einer Karriere à la Drogba oder Eto’o. Besteht nicht die Gefahr, zugunsten dieses utopischen Ziels die schulische Ausbildung zu vernachlässigen?

Das ist in der Tat ein ernsthaftes Problem. Ich schätze, die Chance, als Profifußballer in Europa Karriere zu machen, liegt bei 1:13.000.000. Sie ist ähnlich groß wie ein Sechser im Lotto. Ich sage den Jungs immer wieder: hört auf von einem Leben wie Drogba oder Eto’o zu träumen.

Und was raten Sie stattdessen diesen Nachwuchskickern?

Träumt besser davon, Lehrer, Arzt oder Anwalt zu werden. Ich versuche immer wieder, jungen engagierten Afrikanern mit Hilfe meines Netzwerkes Praktikumsstellen oder Ausbildungsplätze zu vermitteln, wo sie Erfahrungen sammeln können, die sie ihr Leben lang nicht vergessen. Diese jungen Menschen sind die wirklichen Vorbilder. Die anderen sehen dann: Der war fleißig, der hat die Schule zu Ende gemacht, der hat aufgehört zu klauen und hat stattdessen bei einem Sportprojekt mitgearbeitet.

Ist Sport und damit Fußball nicht Luxus angesichts des Elends in vielen afrikanischen Ländern.

Das sehe ich nicht so. Der Sport ganz allgemein hat unglaublich viele Werte für den Menschen. Man kann durch ihn die Menschen positiv verändern, ihnen zeigen, dass man hart arbeiten muss, um etwas zu erreichen. Ich bin als UN-Sonderberater nicht dazu da, den Elitesport zu fördern. Ich will den Sport dazu nutzen, um Entwicklungsprozesse anzustoßen. Und Fußballspielen ist nun einmal in Afrika die Freizeitbeschäftigung schlechthin, weit mehr noch als bei uns in Europa. Über den Fußball kann man an die Kinder und Jugendlichen herankommen, mit ihnen über HIV/Aids sprechen oder auf die Bedeutung einer schulischen Ausbildung hinweisen. Da ist ein Ball aus Lumpen, eine halbwegs ebene Fläche, ein Acker oder einfach nur eine staubige Straße und schon wird gekickt.






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