Was bedeutet eigentlich »Public Viewing«?
Rudelbildung, öffentlich
Text: Stefan Wallasch Bild: Imago
Die einen freuen sich aufs »Public Viewing«, andere wissen Schreckliches davon zu erzählen. Was darf man sagen? Muss ich einen schwarzen Anzug tragen? 11FREUNDE-Autor Stefan Wallasch gibt Entwarnung.
»Wenn man einem Amerikaner erzählt, dass man zum ›Public Viewing‹ gehe, kann es sein, dass dieser einem kondoliert. Genauso wenig wie ›Handy‹ die englische Bezeichnung für ›Mobiltelefon‹ ist, hat ›Public Viewing‹ übersetzt etwas mit öffentlichem Fernsehgucken zu tun. In Großbritannien kennt man den Begriff gar nicht, in Amerika bedeutet er ›öffentliche Leichenschau‹.«
So wie hier bei einem Trierer Nachrichten-Portal klingt es, wenn pünktlich zur Weltmeisterschaft in Zeitungen, Blogs und im Nachbarbüro der Lehrsatz hervorgeholt wird, englische Muttersprachler würden aus dem genannten Grund entweder zusammenzucken oder sich schlapplachen, wenn irgendwo in der nicht-englischsprachigen Welt Menschen zum »Public Viewing« beliebter Ereignisse sich versammeln. Das Wort »Pseudo-Anglizismus« fällt.
Vor ziemlich genau zwei Jahren (pünktlich zur Europameisterschaft) hat der Anglist Anatol Stefanowitsch von der Universität Bremen eigentlich schon alles dazu gesagt: »Diese Interpretation des Begriffs ist mir zwar vertraut, aber es ist nicht unbedingt die erste, und mit Sicherheit nicht die einzige Bedeutung, die mir in den Sinn kommt«, schrieb er in seinem Sprachblog. »Viel häufiger ist im englischen Sprachraum die Bedeutung ›Akteneinsicht durch die Öffentlichkeit‹, aber auch jede andere Art von Ereignis, bei der es öffentlich etwas zu sehen gibt, kann im Englischen mit public viewing bezeichnet werden – etwa öffentliche Theater- und Filmvorführungen, Vorführungen in Sternwarten, Kunstausstellungen, und natürlich auch die Übertragung von Fußballspielen auf Großbildleinwänden.«
Weltgewandte Sprachkenner in Blogs und Nachbarbüros
Nun ist das Ärgerliche ja nicht, dass jemand Dinge behauptet, obwohl es schon vor zwei Jahren in einem Bremer Sprachblog ganz anders stand. Nicht jeder liest das Bremer Sprachblog – viele wissen nicht einmal, was Blogs sind. Manche kennen noch nicht einmal Bremen. Außerdem ist natürlich das Zitierte zunächst auch nur eine Behauptung, und man muss selbst Sprachwissenschaftlern, die über Sprache reden, nicht automatisch alles glauben.
Nein, ärgerlich daran ist, dass man in Zeitungen, Blogs und Nachbarbüros den weltgewandten Sprachkenner gibt, obwohl es so himmelschreiend leicht ist, sich binnen weniger Sekunden selbst und ganz allein vom Gegenteil zu überzeugen. Man muss noch nicht einmal richtig googeln. Es genügt schon, den Begriff in die Suchmaske nur einzugeben, um sich anhand der erscheinenden Suchvorschläge zumindest einen ersten Überblick über populäre Verwendungen zu verschaffen.
Die Ergänzungen der britischen und amerikanischen Google-Varianten zum Thema »public viewing« reichen von »screening license«, »movies« und »dvds« über »space shuttle« bis zu – hört, hört! – »areas for 2010« und »Teddy Pendergrass«. Letzterer ist dabei der einzige der Vorschläge, der unmittelbar etwas mit der Bedeutung »öffentliche Aufbahrung eines Toten« zu tun hat: Der Musiker Teddy Pendergrass starb Anfang dieses Jahres, und da sechs Platin-Alben in der Regel weder zur Anonymität noch zur Unbeliebtheit beitragen, gab es gewiss viele Menschen, die beim public viewing noch einmal einen letzten Blick auf den Mann werfen wollten. Das schlägt sich auch in den Suchanfragen nieder, sei es, dass man vor Ort dabeisein möchte, sei es, dass man nach Fotos von dem Ereignis sucht.




