Die Geschichte der Fußballfans

11FREUNDE-Spezial: Nr. 1

Die Geschichte der Fußballfans

Neu hier? Alle Infos zu 11Freunde Community
04.06.2010

ZDF-Mann Figgemeier über Heysel

»Kollegen, hier passiert was«

Interview: Alex Raack  Bild: Imago

Heyselstadion, Brüssel, am 25. Mai 1985. Als die Fans von Liverpool und Juventus Turin vor dem Endspiel im Europapokal aufeinander losgehen, kommt es zur Katastrophe. Und Eberhard Figgemeier muss für das ZDF kommentieren.

ZDF-Mann Figgemeier über Heysel - »Kollegen, hier passiert was«


Eberhard Figgemeier, vor 25 Jahren saßen Sie im Brüsseler Heyselstadion, um für das ZDF das Europapokal-Endspiel zwischen Liverpool und Juventus Turin zu kommentieren. Wie haben Sie sich auf diese Partie vorbereitet?

Eigentlich so wie immer. Wir waren zu zweit, der Filmemacher Hans-Joachim Gally und ich. Wir haben die Technik überprüft, mit den Kollegen in Mainz telefoniert, und ich habe meine Unterlagen noch einmal durchgesehen.



Wissen Sie noch, was auf den Zetteln stand?

Ganz genau kann ich Ihnen das nicht sagen. Aber die Notizen passten zum Fußball – und zu nichts anderem. 

Wann haben Sie bemerkt, das etwas auf den Tribünen passiert?

Zwischen 19 Uhr und 19.20 Uhr. Im ZDF lief da gerade das »heute journal«, die Zuschauer hatten also noch kein Bild aus Brüssel. Ich habe in Mainz angerufen: »Kollegen, hier passiert was.«.

Wann waren Sie live auf dem Sender?

Um kurz vor halb acht, nach dem »heute journal«. Inzwischen hatte ich auch Agenturmeldungen zu den ersten Krawallen vorliegen – ich konnte ja nicht von meinem Platz.

Was haben Sie den Zuschauern gezeigt?

Die Szenen auf den Rängen, ohne allerdings mit Großaufnahmen ins Detail zu gehen. Und trotzdem konnte jeder Mensch sehen, dass offensichtlich Schreckliches passierte.

Die Katastrophe wurde angeblich auch deshalb ausgelöst, weil Liverpool-Fans auf dem Schwarzmarkt an Karten der Italiener gelangt waren.

Richtig. Noch schlimmer war allerdings, dass beide Lager nur von einem offenbar provisorisch aufgestellten Maschendrahtzaun getrennt wurden. Die Liverpooler hatten keine Schwierigkeiten, das Teil in wenigen Minuten niederzureißen. Hunderte Engländer sind also auf die Juve-Fans losgegangen, und als die Massenpanik ausbrach, wurde uns auf der Pressetribüne klar, dass dort auf den Rängen gleich etwas Furchtbares geschehen würde.

Woran haben Sie das erkannt, es war doch sicherlich nicht das erste Mal, dass Sie Massenschlägereien beim Fußball beobachten mussten?

Aber das hier war etwas ganz anderes! Das war eine Massenflucht, das war echte Panik. Wir konnten es an den Schreien der Flüchtenden hören, an den Reaktionen der Ordner und der anderen Fans, die sofort nach Sanitätern riefen. Glücklicherweise wurden relativ schnell die Stadiontore geöffnet, so dass die meisten Menschen in den Innenraum fliehen konnten. Sonst hätte es noch mehr Tote und Verletzte gegeben. 

Sie haben das alles live kommentieren müssen. Was haben Sie den Zuschauern in Deutschland erzählt?

Wir haben versucht, mit Augenzeugen zu sprechen, und dank der hervorragenden Arbeit vom Kollegen Gally klappte das auch. Ich sprach unter anderem mit einem deutschen Busfahrer, der ganz in der Nähe stand, als die ersten Menschen niedergetrampelt wurden. Er hatte vor dem Spiel noch italienische Fans zum Stadion gebracht. Gleichzeitig wurde ich von meinem Sender informiert: Was macht das ZDF, was schreiben die Agenturen, gibt es Verletzte, gibt es Tote? Und dann bekam ich einen Anruf von Harry Valerien, der damals das »Aktuelle Sportstudio« moderierte.

Was hat er Ihnen gesagt?

Dass ich weiter beschreiben soll, was da in Brüssel passiert. Dass ich meine Betroffenheit zeigen darf, denn genauso wie ich fühlten ja auch die Zuschauer vor dem Bildschirm.

Zu welchem Zeitpunkt wussten Sie, dass Menschen auf den Rängen gestorben waren?

Spätestens nach 15, 20 Minuten war uns allen klar, dass es Tote gegeben haben musste. Kurz danach kam die Bestätigung über die Agenturen. Das Ausmaß der Katastrophe konnte zu diesem Zeitpunkt aber noch keiner ahnen. Das Schlimmste für mich war, den Toten ins Gesicht blicken zu müssen. Auf der Tribüne waren wir alle noch relativ weit entfernt vom Geschehen, aber die Situation änderte sich gewaltig, als ich meinen Platz verlassen hatte und vor dem Stadion stand. Ich bin 47er-Jahrgang, Nachkriegsgeneration – so ähnlich wie vor dem Stadion in Brüssel habe ich mir ein Feldlazarett immer vorgestellt: Eine riesige Zeltstadt, überall lagen Leichen, überall schrien Verletzte. Es war einfach nur furchtbar.


weiterlesen [1] [2]





Ähnliche Artikel

Kommentare

  • User
  • 04.06.2010 18:45:16 Ganna

    Hab grad bei Wikipedia gelesen: "Bei einem Massenansturm auf einen verschlossenen Ausgang kamen am 23. Juni 1968 in einem Fußballstadion in Buenos Aires 74 Menschen um, 150 wurden verletzt".
    Man kennt vielleicht die ein oder andere Doku über die Rivalität zwischen den Bocca Juniors und River Plate.
    So ist das halt mal. Später hört man dann die bekannten Sätze:
    "Was muss denn noch alles passieren?", oder:
    "Es muss erst einmal sowas passieren, bevor etwas unternommen wird".
    Naja. Heutzutage können schon die Leute auf bloße Diffamierung hin aus'm Fanblock gezogen werden und landen auf der Wache ohne was gemacht zu haben.
    Ich habe mal auf'm Betze gesehen, wie ein vielleicht angetrunkener Typ (so genau war das aus meiner Entfernung zum Geschehen nicht auszumachen) die Bedienung vom Würstchenstand dumm angelabert hat, weil irgendwas nicht ganz okay war. Die Frau hat irgendwie Angst bekommen und ihrem Chef gewunken, sich um den Typ zu kümmern. Dem Budenbesitzer war die Diskussion zu blöd (und er selbst war auch zu blöd, um den Kerl zu beruhigen) und machte einen Wink zu den gepanzerten Rambos, die da überall rumlungern, die Leute böse anschauen und für eine beklemmende Atmosphäre sorgen. Der pöbelnde Kunde wurde sodann schnell, dezent und effizient abgeführt. Das Spiel wird er wohl nicht mehr gesehen haben, aber gewalttätig war er auch in keiner Weise (im Gegensatz zu den Rambos).
    Vielleicht sind solche Verhältnisse mittlerweile die Konsequenz aus der Scheiße, die damals im Heysel-Stadion passierte, oder ist das nur in Kaiserslautern so?

  • User
  • 04.06.2010 23:17:39 philos

    Kleiner Fehler im Artikel. Nicht die englischen Fans hatten sich Karten für einen neutralen Block besorgt, sondern die Juvefans.

    Wikipedia hierzu: "Die italienischen Fans hatten die Tickets in Block Z von einem italienischen Reisebüro erhalten, das sie wiederum von einem korrupten UEFA-Offiziellen bezogen hatte. Die Fans hätten eigentlich nicht in Block Z stehen dürfen, dort hätten sich nur neutrale Zuschauer befinden sollen. Das Stadion erfüllte die Anforderungen der UEFA für ein Europapokal-Endspiel nicht. Zudem war Block Z nur unzureichend gesichert. Es gab als Abgrenzung lediglich einen schwachen Maschendrahtzaun, den man ohne größeren Kraftaufwand problemlos niederdrücken konnte. Die später eingestürzte Mauer war brüchig. Polizisten waren im Block Z nicht anwesend."

    Ohne die Randale der Hooligans rechtfertigen zu wollen so hatte die UEFA an diesem Abend eine riesige Mitschuld am Desaster.
    Das Stadion war baufällig und für ein solches Spiel niemals geeignet; Eintrittskarten wurden verschoben und das Risiko potenziert und es waren viel zu wenige Sicherheitskräfte anwesend (in verschiedenen Artikeln ist von 14 Polizisten die Rede).
    Auszubaden hatte diesen Schlendrian der englische Fussball...
    Man kann froh sein, dass die Juvespieler damals ihre Fans auf der anderen Seite des Feldes beruhigt haben, ansonsten hätte alles noch viel schlimmer werden können...

  • User
  • 07.03.2011 20:34:53 Rafael Thunderfart

    Angeblich war der Angriff der Hooligans auf die Tifosi eine Art Revanche für die Vorgänge beim Finale des Vorjahres, als nach der Niederlage der Heimmannschaft die römischen Busfahrer sich weigerten, englische Fans zu befördern, und Familiengruppen, die (notgedrungen zu Fuß) auf dem Rückweg vom Stadion in ihre Hotels waren, von Scooter-Gangs angegriffen und Dutzende lebensgefährlich verletzt wurden. Die Turiner Fans wurden für das Verhalten der Römer im Jahr zuvor sozusagen in Sippenhaftung genommen.

    Wir waren 2 Tage vor dem Brüsseler Finale mit einer Busreisegruppe aus Liverpool heimgekehrt, und 2 unserer Liverpooler Freunde, die das Spiel angucken wollten, waren bis Dünkirchen bei uns im Bus mitgefahren. Als dann die ersten Meldungen von der Randale uns erreichten, befürchteten wir, sie könnten unter den Opfern sein. Gottlob hat sich diese Befürchtung als unbegründet erwiesen.

  • User
  • 08.03.2011 10:22:21 gelsenkirchen

    Die Liverpooler hatten keine Schwierigkeiten, das Teil in wenigen Minuten niederzureißen. Hunderte Engländer sind also auf die Juve-Fans losgegangen, und als die Massenpanik ausbrach, wurde uns auf der Pressetribüne klar, dass dort auf den Rängen gleich etwas Furchtbares geschehen würde.

    in anbetracht solcher augenzeugenberichte fällt es mir persönlich schwer hier noch irgenddwie eine teilschuld bei korrupten offiziellen oder offensichtlich baufälligen stadien suchen.
    das niederreissen von trennungszäunen und "losgehen" auf fussballfans hat einfach nichts damit zu tun. da mache ich es mir eeinfach: idioten. sogar ganz schlimme idioten.

  • User
  • 08.03.2011 10:35:32 sgu07

    rückblickend betrachtet, war das die geburtsstunde all dessen, was ich heute so dermaßen scheiße finde:
    zäune wie käfige, fantrennung, leibesvisitationen, taschenkontrollen, polizei wohin man auch schaut, und vor allem so gut wie keine stehplätze mehr.
    dafür gehören einige von diesen deppen heute noch am sack aufgehängt.

  • User
  • 08.03.2011 11:13:48 zausell

    Hat nicht der Hornby in "Fever Pitch" gemeint, dass damals das Durchstürmen von gegnerischen Blocks, also links rein und rechts wieder raus, "Sitte" bei den englischen Hooligans bzw. in der englischen Liga war. Die Juve-Fans kannten diese "Kultur" nicht und fühlten sich zu Recht bedroht / verfolgt und dann kam eins zum anderen. So hab´ ich das jedenfalls in Erinnerung.

  • User
  • 08.03.2011 11:22:35 gelsenkirchen

    ich frage mich manchmal ob mit diesen entschuldigen wie "stadion nicht geeignet", "ist ja so sitte gewesen", "alles korrupte schweine bei der uefa" da eine ganz schwere katastrophe teilweise versucht wird zu rechtfertigen, auf kosten der opfer.

  • User
  • 08.03.2011 11:29:27 zausell

    Tragödien sind ja selten nur auf eine Person oder Begebenheit zurückzuführen. Wenn du dann Erklärungen z.B. für Heysel suchst, landest du schnell bei einem Wirkungskomplex, der im Zusammenwirken von verschiedenen Ursachen die Sache (halbwegs) erklärbar macht. Das sind keine Entschuldigungen sondern kleine Teilchen im großen Puzzle.

  • User
  • 08.03.2011 11:32:48 gelsenkirchen

    ich geb dir ja grundsätzlich recht. nur bedingt in meinen augen die baufälligkeit eines stadions nicht das totale danebenbenehmen eines ganzen menschenmobs.
    abgesehen davon ist die herleitung für mich nicht schlüssig. wenn die stimmung ohnehin aggressiv war, wer beweist es wäre in einem anderen stadion nicht dazu gekommen? das ist mir irgendwie zu hypothetisch.

  • User
  • 08.03.2011 11:35:48 saloth sar

    gelse ich versteh dich nicht ganz, es gibt keinen einzigen schuldigen in dem fall. es sind, wie zausell schreibt, viele faktoren.

  • User
  • 08.03.2011 11:42:09 gelsenkirchen

    ich sehe da immer noch den faktor "mutwilligkeit", der mir da viel zu wenig beachtet wird bzw. zu wenig gewicht beigemessen wird. deswegen frage ich mich dann, dass, wenn alle faktoren korrekt verlaufen wären die im nachhinein so als diskussionsgrundlage aufkamen, ob dann nichts passiert wäre. fällt mir persönlich schwer zu glauben.

  • User
  • 08.03.2011 11:49:07 Hotte80

    sally, das verstehe ich jetzt nicht. wie meinst du das, "es gibt keinen einzigen schuldigen"?

  • User
  • 08.03.2011 11:50:08 Haensgen vom Deich

    Also die Hauptschuld liegt eindeutig bei den Hools, die den anderen Fanblock gestürmt haben. Die Sache ist doch eindeutig. Allerdings hätte man bei den Veranstaltern schon wissen können, dass da ein ganzer Haufen Idioten anreisen und Scheiße bauen wollen. Da hätte besser vorgebeugt werden müssen/können/sollen. Auf der einen Seite also mutwilliges Verhalten (Hools) auf der anderen fahrlässiges ("Organisatoren").

  • User
  • 08.03.2011 11:52:37 saloth sar

    hotte, ich meine das im sinne, der is schuld, wenn der es richtig gemacht haette, dann waere nix passiert. das sind tragoedien, aber so ist nun mal das leben.

zum Forum

Logge Dich ein, um einen Beitrag zu schreiben!

VON DEN LESERN EMPFOHLEN



DIE AKTUELLE UMFRAGE

Thema: Fußballfans. Eure Wunschgäste für Maischberger, Lanz, Plasberg und Co.?

Werner Schulze-Erdel
Charly Steeb
Alf
Bono
Frank Zander
Zini
Max Power
Johannes B. Kerner
Günter Wallraf
Campino
Andreas Elsholz
Alfred Biolek
Vera Int-Veen
Marius Müller-Westernhagen
Ich




Jiri Stajner über Tschechien und Hannover


Rekordtorschützen in der U21

  • Pierre Littbarski (21 Spiele, 18 Tore)
  • Heiko Herrlich (20 / 17)
  • Benjamin Auer (23 / 15)
  • Mike Hanke (26 / 14)

11Freunde Liveticker

11FREUNDE @ TWITTER