Wie sich Brasilien auf die WM vorbereitet
Der normale Größenwahn
Text: René Wildangel Bild: René Wildangel
Gibt es eigentlich ein Land, das noch mehr dem Fußball-Wahnsinn im Vorfeld der WM verfallen ist, als Deutschland? Gibt es: In Brasilien haben selbst Katzen und Hunde einen Lieblingsverein. Und dann gibt es ja noch Breitner Overath.
Brasilien im WM-Fieber. Überall im Land werden wie verrückt Paninibildchen gekauft, gesammelt, getauscht. »Bei den Kids geht es noch«, sagt mir eine befreundete Lehrerin. „Aber am schlimmsten sind die brasilianischen Väter, die sind richtig süchtig.« Vor der Schule treffen sie sich, um doppelte Bildchen zu tauschen. Wie überall ist die bevorstehende WM auch in Brasilien eine geballte Werbeoffensive. Kein Shampoo, kein Gefriergemüse, kein Softdrink und schon gar kein Bier, das nicht mit Fußball und der »Copa« wirbt. Im Grunde fehlt nur noch Toilettenpapier – mit Kaka und Co. als Werbeikonen.
Eine Serie von Fernsehwerbespots veräppelt die Argentinier. Nach einer versehentlichen Lieferung von brasilianischem Skol-Bier mutieren sie zu Sambatänzern und schneiden sich ihre beeindruckenden Vokuhila-Frisuren ab. Dann schreien sie: »Brasilien – der beste Fußball der Welt.« Die Argentinier sind sozusagen die Holländer der Brasilianer.
Der ganz normale Fußball-Größenwahn
Dass Brasilien Weltmeister wird, ist für die meisten Brasilianer selbstverständlich. Den ganz normalen Fußball-Größenwahnsinn der Brasilianer zeigt ein Werbespot der Großbank Itaú. Schauplatz Jerusalem. Muslimische und jüdische Bewohner beäugen sich feindselig, die Welten sind getrennt. Bis zwei Kinder sich den Ball zukicken. Ein israelischer, ein palästinensischer Junge – aber beide im Trikot der »Seleção«. »Denn wir glauben, dass unser Fußball die Menschen zusammenbringt«, heißt es in der Werbung. Es dürfte also nur eine Frage der Zeit sein, bis die brasilianische Nationalmannschaft nicht nur den Weltmeistertitel, sondern auch noch den Friedensnobelpreis bekommt.
Beim Fußball zählen die Brasilianer griechisch. Tricampeão, Dreifachweltmeister klang noch nachvollziehbar. Mittlerweile sind sie bei »Penta«, fünf, angelangt und ganz Brasilien redet jetzt über die »Hexa«. Und danach? Hepta! Sieben also, am besten 2014 im eigenen Land.
Dabei gibt das aktuelle WM-Team wenig Anlass zu Begeisterung. Real-Star Kaká soll es richten, viele andere Stars bleiben zu Hause: Ex-»Phänomen« Ronaldo ebenso wie Stürmerkollege Adriano, der vor allem durch Partyexzesse auf sich aufmerksam machte. Mit Ronaldinho hat der deutschstämmige Nationaltrainer Carlos Dungo schließlich einen weiteren Superstar aussortiert. Dunga, lange beim VfB Stuttgart zu Hause, wird in Brasilien auch »o alemão« genannt, der Deutsche. Mit seiner Berufung brachte er ganz Brasilien gegen sich auf.
Vor allem aber weil er die Jungstars vom legendären Pelé-Verein FC Santos zu Hause lässt. Der gerade 18-jährige Stürmer Neymar glänzte in der Saison 09/10 mit unglaublichen 40 Toren. Und der bereits von Real Madrid umworbene, 20 Jahre junge Spielmacher Ganso hat dort eine ganze Saison lang die Fans verzaubert. Nicht genug für Dunga: »Wenn es nur darum ginge, Erfahrungen zu sammeln würde ich meinen Sohn mitbringen«, meinte er lapidar bei der Vorstellung des Teams. Jetzt fährt Brasilien mit der ältesten Mannschaft aller Zeiten zur WM.





