Wie Mourinho seinen Triumph feierte
Der Angeber
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Inter Mailand hat mit 0:1 in Barcelona gewonnen. Ja, gewonnen: Denn die Defensivleistung in Unterzahl war ein Sieg des Catenaccio. Ein Sieg auch des Großtaktikers Jose Mourinho. Wie er ihn feierte, war jedoch eine Niederlage des Anstands.
»Ein lächerlicher Mensch, ein entsetzlich lächerlicher Mensch« – so bezeichnet Thomas Bernhard, der schlecht gelaunte Schriftsteller, der entsetzlich schlecht gelaunte Schriftsteller, in seiner Kurzgeschichte »Der Anstreicher« einen jungen Mann, der, hoch über allem und jedem, ein Haus bemalt.
»Der Anstreicher«, so heißt es dort, »ist auf ein Gerüst geklettert und sieht sich nun etwa vierzig oder fünfzig Meter vom Erdboden entfernt.« Das dürfte ungefähr der Flughöhe entsprechen, die Jose Mourinho gestern Abend nach dem Schlusspfiff im Camp Nou erreichte.
Seine Mannschaft Inter Mailand hatte soeben das Rückspiel im Champions-League-Halbfinale mit 0:1 gewonnen. Ja, gewonnen: Denn nach dem 3:1 im Hinspiel reichte dieses Resultat, und sie spielte ja über eine Stunde in Unterzahl, sie zog, angeführt von den Abwehrmonstern Lucio und Walter Samuel, einen eisernen Vorhang hoch, den Barca nur einmal (das heißt: einmal zählbar, hinzu kam die streitbare Aberkennung eines weiteren Tores aufgrund eines vermeintlichen Handspiels) überwinden konnte. Das muss man erstmal schaffen, gegen die mutmaßlich beste Offensive der Gegenwart, gegen Messi, Pedro, Xavi und einen Kraft-Irrwisch wie Daniel Alves, der eigentlich immer irgendwo eine Lücke findet.
Diesmal nicht. Im Kalten Krieg von Barcelona war kein Durchkommen. Jose Mourinho, der als Trainer in sagenhaften 135 Heimspielen hintereinander unbesiegt geblieben ist, war auch hier Herr im Haus – überdies im fremden: Ein Auswärtsspiel, das für die Mailänder »die Hölle« (Gerhard Poschner) bzw. die »totale Einsamkeit« (Sergi Busquets) werden sollte, wurde zum Heimspiel, in dem Inter diktierte, was möglich war – nämlich nichts.
»Inter hat mit dem Angriff nichts mehr zu tun!«
Ins Atelier der Schöngeister hatte sich ein 9-0-0-Elefant gesetzt, mitten drauf auf das allerschönste Kunstwerk. Lucio und und Samuel, Javier Zanetti und Maicon, dazu noch Cristian Chivu, kauten den Dribblern den Ball vom Fuß, und als in der Schlussphase auch noch Ivan Cordoba kam, der menschliche Pfosten, hätte an die Fernsehstuben der Barca-Fans weltweit auch gleich Moskau Inkasso klopfen können. »Inter hat mit dem Angriff nichts mehr zu tun!«, jammerte auch der feinsinnige Sky-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis. Hatte es das je? Dem geneigten Zuschauern schnürte es die Kehle zu.
Ja, Verzweiflung und Klaustrophobie erfüllte die Freunde offensiven Fußballs, der an diesem Abend von Inter mit horniger Pranke abgemurkst wurde. Die totale Defensive, die Destruktivität, das making nothing out of something, sie waren derart präsent, so dominant, dass sie schon wieder offensiv wurden: Verteidiger, die jubelten, wenn sie einen Ball ins Nichts schlugen, Grätschen in Super-Slomo, und ein Lucio, der sich vor Kraft selbst hochhob. Ein Sieg der Hässlichkeit, die in ihrer vollendeten Ausprägung wiederum Züge von Schönheit gewann.





