Nach dem Panini-Raub in Brasilien
Begehrte Schnauzer
Text: Alex Raack Bild: Imago
In Brasilien hat eine professionelle Diebesbande 135.000 Panini-Bildchen gestohlen und dafür kurzzeitig 30 Menschen als Geisel genommen. Der Bildchen-Klau – es geht auch friedlicher, wie Alex Raack weiß.
Diese bunten Bildchen und ihr ganz besonderer Reiz. Wer schon einmal Unmengen an Münzgeld über Wochen hinweg für Panini-Sticker verloren hat, der wird wissen, wovon die Rede ist. Die Sammelleidenschaft bringt Rotznasen aus der Grundschule dazu ihr Taschengeld zu verkloppen und erwachsene Männer dazu einen Großhändler mit schweren Waffen zu überfallen.
In der brasilianischen Stadt Santo Andre stürmte am Wochenende eine schwer bewaffnete Bande das Lager eines Großhändlers, nahm 30 Menschen als Geiseln und verschwand mit 135.000 Panini-Bildern für das aktuelle WM-Sammelheft. Der Wert der Ware wird auf 15.000 Euro geschätzt – eigentlich zu wenig für solch einen Aufwand. Das vermuten auch die heimischen Medien und spekulieren auf fanatische Sammler, denen die Auslieferung der fehlenden Sticker zu langsam vorangeschritten sein soll. Tatsächlich hatte es in den vergangenen Wochen Engpässe bei besonders begehrten Klebe-Gesichtern gegeben. Auch deutsche Sammler kennen dieses ganz besondere Phänomen.
Plüsch-Sticker-verseuchte Hände
Nicht ganz so dramatisch, aber mit womöglich ebenso viel Herzblut ereignete sich vor Jahren ein Diebstahl, der noch heute in meinem Bekanntenkreis beim Panini-Tütchen-Schnüffeln aufgewärmt wird: Ein Freund, sagen wir Henning, war als Zweitklässler Mitte der achtziger Jahre selbstverständlich vom Sammler-Virus angesteckt worden. Das schwer beschützte Album: Stets am Mann, um es vor den Plüsch-Sticker-versuchten Händen der kleinen Schwester zu schützen. Hennings Problem: Schon wenige Tage nach Erhalt des schmalen Taschengeld war das bisschen Bares für ein paar Tüten Bildchen eingetauscht. Viel zu wenig für einen ehrgeizigen Grundschüler mit einer Vorliebe für Fußball-Götter mit dichtem Schnäuzer.
Wie aber nun Geld beschaffen? Den kleineren Mitschülern das Pausengeld klauen? Nicht mehr möglich, die Schulschläger waren schneller gewesen. Der kleinen Schwester die heiligen Fußball-Schuhe verkaufen? Schwierig, weil die Schwester noch nicht liquide war. Henning entschied sich für den einfachsten Weg, öffnete die Brieftasche seiner Mutter und griff sich den erstbesten Schein. Auf zum nahen Supermarkt und den kleinen Pappkisten, in denen die eingeschweißten Bilder fein säuberlich gestapelt lagen.
Tütchen und ein dicker Schein
Ein beherzter Griff und vor der Kassiererin lagen Tütchen und ein dicker Schein. 100 D-Mark. Wenig überraschend, dass die gute Dame Zweifel an der finanziellen Versorgung ihres Kunden hatte. Dumm auch für unseren Dieb, dass die Verkäuferin ziemlich gut mit der bestohlenen Mutter bekannt war, die arbeitete nämlich als Lehrerin – und unterrichtete auch die Tochter der Supermarkt-Kassiererin. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Panini-Schwindel versagte auf ganzer Linie, Henning versuchte sich noch heldenhaft im heimischen Garten zu verstecken, doch jegliche Fluchtgedanken kamen zu spät. Die Strafe war knüppelhart: Taschengeldentzug, zwei Wochen lang kein einziges neues Bildchen. H
Heute arbeitet Henning als Polizist, er hat quasi die Seiten gewechselt. Vielleicht der richtige Mann für die Panini-Ermittler in Brasilien – dort fehlt von den Tätern noch immer jede Spur.





