Ajax Amsterdam wird 110
Kollaps totaal?
Text: Bertram Job Bild: Imago
Ajax Amsterdam feiert heute großes Jubiläum: 110 Jahre sind eigentlich Grund genug die Korken knallen zu lassen. Doch dem Klub geht es schlechter denn je. Bertram Job hat einen Verein vorgefunden, der nur noch Durchlauferhitzer ist.
An dem großen, gerahmten Foto müssen sie alle vorbei. Es hängt gleich bei der Rezeption des AFC Ajax in der Amsterdam Arena und hält einen Moment des kollektiven Fußballglücks fest. Tausende von Fans stehen dicht gedrängt am Leidseplein im Stadtzentrum, ausgerichtet auf das im Renaissancestil erbaute Stadttheater; und dort, auf dem breiten Balkon, zeigen sich die Spieler im feinen Klubanzug mit der Meisterschale: Heitinga, Grygera, de Jong, Maxwell, Sneijder, van der Vaart, Ibrahimovic und all die anderen, die in jenem Frühjahr die heimische Eredivisie dominierten. So ein Bild mag eine Zeitlang die Strahlkraft haben, die Mitarbeiter und Führungskräfte eines weltberühmten Traditionsklubs mit subtilem Stolz zu erfüllen. Inzwischen aber kehrt sich seine einstige Wirkung ins Gegenteil um: Je länger der darin eingefrorene Moment zurückliegt, desto schmerzlicher wird ein aktuellerer Anlass zum Feiern vermisst. Seit jenem perfekten Sonntag im Mai 2004 ist der holländische Rekordmeister, der bereits 29 Titel sammeln konnte, nicht wieder landskampioen geworden – von neuerlichen Triumphen auf europäischer Ebene ganz zu schweigen.
»Wir hoffen natürlich alle, dass wir hier bald ein neueres Foto aufhängen können«, sagt die freundliche Mitarbeiterin der Presseabteilung fast entschuldigend. In dieser Saison aber ist das eher unwahrscheinlich. Mit ungefähr zehn Punkten Rückstand auf die ungeschlagenen Teams aus Eindhoven und Enschede war Ajax bald nach Beginn der Rückrunde zum Außenseiter geworden. Kein anderer Verein in Europas größeren Ligen hatte bis dahin mehr Tore in den Pflichtspielen erzielt, dennoch muss die von Martin Jol trainierte Elf als Tabellendritter auf die Fehler anderer lauern – und aufpassen, dass sie selbst keine weiteren begeht. Je drei Punkte in Eindhoven, Enschede und Utrecht gelassen, in Kerkrade und Breda sowie gegen Sparta Rotterdam nur Remis: Homers stolzer Krieger, der dem Klub einst seinen Namen verlieh, ist nicht mehr der unangefochtene Anführer früherer Tage in den Niederlanden.
Und in Europa, wo Ajax einst Maßstäbe setzte, erschreckt der Verein heute kaum noch wen. In den 14 Spielzeiten seit dem bitteren Champions-League-Finale 1996 in Rom, als Davids und Silooy gegen Juventus im Elfmeterschießen verschossen, ist Ajax gerade dreimal über die Gruppenphase hinausgekommen. Oft scheiterte man schon in der Qualifikation oder landete direkt im UEFA-Cup, ohne dort groß etwas ausrichten zu können; Vereine wie Slavia Prag, Dinamo Zagreb oder der FC Kopenhagen wurden früh zur Endstation.
Endstation Slavia Prag
»Kollaps totaal« wäre möglicherweise eine kleine Übertreibung für die Misere, die der 110 Jahre alte Verein gerade durchlebt. In den letzten fünf Spielzeiten waren die Ajacieden am Ende immer unter den ersten Vier in der Liga platziert; zweimal konnten sie auch wieder den beker für den Pokalsieger holen. Gemessen am eigenen Anspruch und der Historie ist das aber bei weitem nicht genug. Der Mannschaft und ihren fordernden Fans ist het Ajax-Gevoel abhanden gekommen, das sie in den besten Zeiten beinahe von alleine trug – jenes unverschämte Ajax wint altijd (»Ajax gewinnt immer«), das noch heute auf Schals und Spruchbändern zu lesen ist. »Wir sind in einem Prozess des Umbaus«, sagt Urby Emanuelson, der in der Mannschaft auf der linken Seite spielt – und inzwischen fast schon ein Dinosaurier ist. Als er vor fünf Jahren sein Debüt in der ersten Elf gab, gehörte er mit Hedwiges Maduro (jetzt Valencia) und Ryan Babel (FC Liverpool) zu den hoffnungsvollsten Youngstern aus der berühmten Ajaxschule. Seine beiden Freunde aber wechselten ebenso zu ausländischen Großvereinen wie andere Führungsspieler von Wesley Sneijder bis Rafael van der Vaart, so dass der 23-jährige Nachfahre surinamesischer Zuwanderer nun von Mitspielern umgeben ist, die in der Regel nicht deren Qualität aufweisen.
Aus Heft#100 03/2010





