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26.10.2010

Hassgeliebte Neunziger

Spätrömische Dekadenz

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Die Neunziger waren ein ebenso sorg- wie ehrgeizloses Jahrzehnt: GZSZ, DJ Bobo, Pfahlsitzen im Freizeitpark. Auch der Fußball wurde ausgehöhlt: Bosman-Urteil, Krokodile im Stadion – und Aad de Mos in Bremen. Dirk Gieselmann blickt zurück.

Hassgeliebte Neunziger - Spätrömische Dekadenz


Die Neunziger, ein Jahrzehnt der Sorglosigkeit. Der atomare Regen war versickert, die Mauer gefallen, GZSZ kam ins Fernsehen. Helmut Kohl regierte vor sich hin, Scharping fuhr Rennrad, DJ Bobo erklomm die Spitze der Hitparade, und im Heidepark Soltau wurde die Weltmeisterschaft im Pfahlsitzen ausgetragen. Der Sieger hielt es 196 Tage aus. Offenbar hatte man in diesem Jahrzehnt sonst nicht viel zu tun.   



In der Rückschau muss uns das vorkommen wie die eigentliche spätrömische Dekadenz, die Dekadenzminister Guido Westerwelle in der Gegenwart vermutet, vielleicht an Bord seines Fliegers nach Süd-Amerika selbst.

Tatsächlich aber war damals schon vieles in der Auflösung begriffen (sonst wäre heute ja auch nicht alles so unangenehm disparat). Auch und vor allem im Fußball: Das so genannte Bosman-Urteil bewirkte die Explosion der Ablösesummen. Im Juli 1998 wechselte Jörg Heinrich für umgerechnet 11,5 Millionen Euro von Dortmund nach Florenz. Jörg Heinrich! In Madrid nahm Atletico-Potentat Jesus Gil y Gil ein lebendes Krokodil mit ins Stadion. Und in Kaiserslautern ließ sich Otto Rehhagel vom Besitzer einer Herrenboutique zum König der Pfalz krönen. 

Roembiak und Pfeifenberger


König war er bis 1995 auch in Bremen gewesen, doch als er abtrat, fiel sein Reich in sich zusammen. Seine Epigonen Aad de Mos, Dixie Dörner, Wolfgang Sidka, Felix Magath wurden Neunter bzw. Elfter mit Werder, erstaunlich genug eigentlich, dass nicht auch noch DJ Bobo sein Glück als Coach versuchen durfte. Oder Scharping!

Kurz bevor der ehrgeizlose Schluffifußball mit Männern wie Lody Roembiak und Heimo Pfeifenberger den ganzen Verein in den Abgrund reißen konnte, kam Thomas Schaaf, ein Mann aus der Generation Fridtjof Nansens, der auch zufällig dessen Jacke trug, und schaffte den Hedonismus ab, Interviews, gute Laune, die Loveparade, Fantasietransfers, Alf, Kirmestechno, »ranissimo«, rote Jeansjacken, Roembiak, Pfeifenberger, Scharping, Bobo und dieses ganze vermaledeite Jahrzehnt des Unernstes. Danke Schaaf, Mann aus ferner Zeit!   

Übrigens hörte auch das Pfahlsitzen im Heidepark auf. Die Kandidaten hatten wohl erkannt, dass sie den Weltrekord niemals würden brechen können: Symeon Stylites, der erste Säulenheilige, setzte sich 442 n. Chr. auf einen Pfahl und blieb dort 37 Jahre lang. Damals, in der einzig wahren spätrömischen Dekadenz.  

11FREUNDE SPEZIAL: DAS WAREN DIE 90ER – ab jetzt im Handel
 



Ergänzung zu 11 FREUNDE-Spezial: 90er

Das waren die Neunziger




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Kommentare

  • User
  • 17.03.2010 03:51:06 kulturistik

    hey dirk,
    war das etwa der ausloeser der dortmunder finanzkrise?
    kursiv formatierter TextIm Juli 1998 wechselte Jörg Heinrich für 11,5 Millionen Euro von Dortmund nach Florenz.

  • User
  • 17.03.2010 03:52:07 kulturistik

    Im Juli 1998 wechselte Jörg Heinrich für 11,5 Millionen Euro von Dortmund nach Florenz.

  • User
  • 17.03.2010 03:52:47 kulturistik

    ah ja, so geht's also...bin ja noch neu hier...

  • User
  • 17.03.2010 08:16:34 wallau

    Waren zwar nur Marks, da es Euronen erst seit 2001 gibt, aber definitiv immer noch zuviel für Jörg Heinrich....

  • User
  • 17.03.2010 08:18:34 saloth sar

    war das mit dem euro vlt sogar erst 2002?

  • User
  • 17.03.2010 08:48:32 unionchemiker

    seit wann gibts bei euch schlitzen euro!?

  • User
  • 17.03.2010 09:04:30 Hotte80

    Is die DM in Montenegro eigentlich immer noch offizielles Zahlungsmittel?

  • User
  • 17.03.2010 11:12:48 seabass

    nö, die sind auf euro umgestiegen, genau wie kosovo..

    is heinrich dann für 11,5 oder 23 mio mark gewechselt?

  • User
  • 17.03.2010 11:24:30 Chrischel9000

    Die Summe von 25 Millionen DM, die Florenz an den BVB zahlte, war die höchste Ablöse, die bis dahin für einen deutschen Spieler gezahlt wurde.

    sagt wikipedia

  • User
  • 18.03.2010 16:34:38 Bergkamp83

    Und er war jeden Pfennig wert, zumindest aus Dortmunder Sicht.

    Aber ernsthaft: Jörg Heinrich war einer der besten Spieler Dtls. in den 90ern. Zumindest hatte er das Potential dazu. Leider viel zu selten gezeigt, nicht zuletzt aufgrund von Verletzungen. Aber auch typisch für die Generation 97-02.

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