Zu Gast bei Gastgebern
Ke Nako
Text: Imke Ankersen Bild: Imago
11FREUNDE-Frontfrau Imke Ankersen ist aktuell für drei Wochen in ihrem Exil in Südafrika. Aus dem Land des WM-Gastgebers berichtet sie für uns über Nazis, Lederhosen und eine Entschuldigung für Franz Beckenbauer.
Im Juli 2000, zwei Tage nach meinem Abiball in einer beschaulichen Flachlandgemeinde im Norden Deutschlands, landete ich als Au-Pairmädchen mitten in der Provinz im südafrikanischen Winter. Es war kein gutes Timing. Die südafrikanische Bevölkerung, die laut meiner schlauen Bücher so unüberbrückbar zerrüttet und unversöhnt sein sollte, befand sich in einer kollektiven Schockstarre. Ob Schwarz, Weiß oder Coloured, alle hassten einen Mann: Charles Dempsey.
Das neuseeländische Mitglied des FIFA-Exekutivkommitees hatte am Vorabend in Zürich mit seiner Enthaltung dafür gesorgt, dass die WM 2006 an Deutschland und nicht an Südafrika vergeben wurde. Im Fernsehen wurden auf allen Kanälen Bilder von weinenden Menschen gezeigt, die sich auf den Straßen in den Armen lagen. Es ist selten einfach, ein Deutscher im Ausland zu sein, doch in diesen Tagen war ich besonders froh, dass man mich für eine Schwedin hielt.
Froh darüber, als Schwedin durchzugehen
Die Südafrikaner reagierten wütend und enttäuscht. Sie waren der Überzeugung, dass ihnen dieses Turnier nach der langen Zeit der sportlichen Dürre zustand. Denn bis zur Entlassung Nelson Mandelas 1990 war die Kaprepublik vom internationalen Sportgeschehen nahezu ausgeschlossen gewesen. Sportler, die Kontakte mit Südafrika pflegten, wurden auf einer schwarzen Liste der Vereinten Nationen geführt. Nach den ersten freien Wahlen wurden die Sanktionen aufgehoben und 1995 gewann Südafrika die Rugbyweltmeisterschaft im eigenen Land. Im Jahr darauf wurde »Bafana Bafana« in Johannesburg Afrikameister. Beide Turniere brachten den Südafrikanern viel Respekt ein und wurden der professionellen Organisation wegen gelobt. Weltweit wurde davon jedoch nur wenig Notiz genommen.
Folgerichtig lautet das Motto der WM 2010 »Ke Nako« (»es ist Zeit«), was so viel heißen soll wie »Jetzt sind wir dran, dem Rest der Welt zu zeigen, dass Südafrika mehr zu bieten hat, als Robben Island und Pollsmoor.«
Das Thema Fußball-WM hat in meiner zehn Jahre andauernden Liebesbeziehung zu Südafrika eine zentrale Rolle gespielt. Hatte ich bei meinem ersten Aufenthalt noch ständig das Bedürfnis, mich für Beckenbauers Worte (»Gentlemen you can pack your bags and leave«) zu entschuldigen, wurde 2010 in den Jahren darauf zu einem Gradmesser des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts. Fiel in der Uni mal wieder für zwei Stunden komplett der Strom aus, schimpften die Pessimisten, so könne es ja nichts werden. Enttäuschte »Bafana Bafana« einmal mehr auf dem Platz war gleich von »national disgrace« die Rede. Die Südafrikaner maulen und motzen gerne, da sind sie den Deutschen ähnlich.





