Wie Fans ihre Nationalelf wählen
Die Elf des Volkes
Text: Lucas Vogelsang Bild: Imago
Auf der Internetseite www.wahl11.de beweisen deutsche Fans, dass sie durchaus demokratiefähig sind. Per Mausklick können sie ihre Nationalmannschaft aufstellen. Wir haben uns als Wahlbeobachter zur Verfügung gestellt.
Eigentlich ist Cristiano Ronaldo an allem schuld. Denn die Idee zu »wahl11« kam der Künstlerin Marion Pfaus an einem Champions-League-Abend, als sich der Portugiese wieder einmal über den Platz bewegte, als würde er in Arroganz schwimmen. Seine Übersteiger verhöhnten den Gegner, bei jedem Freistoß stand er breitbeinig vor dem Ball wie vor einem Duell um zwölf Uhr mittags. Marion Pfaus geht es wie vielen Fußballfans außerhalb Madrids. Cristiano Ronaldo wird eben entweder vergöttert oder verachtet.
So entbrannte auch im Wohnzimmer von Marion Pfaus schnell eine jener Grundsatzdebatten des Fußballs, die sich im besten Fall zu einem Streitgespräch entwickeln, aber meistens irgendwann im Stammtischniveau versumpfen. »Ich habe damals nur gesagt, wenn ich die Wahl hätte, würde ich ihn nicht aufstellen«, erinnert sich die Künstlerin. Doch die Meinung, der Portugiese sollte doch lieber auf der Bank sitzen, hatte sie schon damals relativ exklusiv. »Und dann habe ich mir überlegt, wie das wäre, wenn man wirklich die Wahl hätte.«
Einmal mitbestimmen, einmal die Aufstellung beeinflussen
Es ist der uralte Traum der Hobby-Bundestrainer, die an jedem Spieltag, vor jedem Länderspiel zu Tausenden zu Hause vor dem Fernsehgerät, in der Eckkneipe oder in der Fankurve schimpfen und sowieso alles besser wissen als der aktuelle Teamchef: einmal mitbestimmen, einmal die Aufstellung beeinflussen. Marion Pfaus hat diese fast kindliche Idee ein wenig weitergedacht. Und auch wenn sie heute noch nicht mit der Taktiktafel neben Hansi Flick sitzt, so hat sie diesem Gedanken zumindest ein Gesicht gegeben. Und den Hobby-Bundestrainern damit eine Spielwiese. Ein virtuelles Bälleland der simulierten Mitbestimmung. Einen Fußballstammtisch 2.0.
Seit sechs Wochen ist www.wahl11.de online. Auf der Plattform, die für die fußballbegeisterte Künstlerin gleichzeitig bewegliches Kunstwerk, Web-Satire und vor allem »Spaßprojekt« in einem ist, kann man die Nationalmannschaft auf demokratischer Grundlage wählen.
Noch ist die Seite etwas unübersichtlich, etwas zu bunt, etwas zu wirr. Dafür ist die Bedienung denkbar einfach. Um teilzunehmen, muss sich der User weder registrieren noch einloggen, wahlberechtigt ist jeder, Nationalität und Alter sind egal. Selbst Menschen ohne Fußballhintergrund dürfen sich hier ihre Lieblingsmannschaft nach unterschiedlichen Kriterien zusammenstellen. Nach Sternzeichen etwa. Und auch die Wahl selbst erfordert kein IT-Studium: Zuerst entscheidet man sich für ein Spielsystem, derzeit spielt die Demokratie-Elf im 4-4-2, und stellt die Spieler anschließend per simplem Drag&Drop-Verfahren auf ihre jeweilige Position. Derzeit kann man aus mehr als 200 Spielern wählen. Dabei sind der Fanstasie keine Grenzen gesetzt: ob mit den Bender-Zwillingen auf der Doppelsechs, Christian Vander im Tor oder einer reinen U 21. Alles kann, nichts muss. Seit Neuestem steht sogar Stürmer Michael Thurk vom Zweitligisten FC Augsburg zur Auswahl. »Den mussten wir in die Liste aufnehmen, weil die User das so wollten«, sagt Pfaus. Zumindest in diesem Fall ist wahl11 dem Bundestrainer schon einen Schritt voraus.
Ansonsten aber unterscheidet sich die Mannschaft, die die User gegen Argentinien auflaufen lassen wollten, nur unwesentlich von den Vorstellungen des Bundestrainers. Was Marion Pfaus auch nicht wirklich überrascht oder verunsichert. Ihr Ziel war es ohnehin nicht, die Autorität des Bundestrainers zu unterlaufen, der wie sie in Baden aufgewachsen ist. »Ich mag Joachim Löw«, sagt sie. »Die Seite sollte keine Kritik an ihm sein.«




