Was ist los mit der Grande Nation?
Leiden wie Fan in Frankreich
Text: Dominik Bardow Bild: Imago
Nach der 0:2-Vorführung gegen Spanien ist Frankreich am Boden. Die Atmosphäre zwischen Fans und Spielern ist vergiftet, Domenechs Rauswurf wird gefordert. Warum er sich immer noch hält, erklärt Valérien Ismaël.
Als die französischen Spieler vom Platz schlichen, ertrugen sie die Pfiffe mit Fassung. Nur einer verstand die Welt nicht mehr. »Sonst werde ich immer ausgepfiffen«, sagte Djibril Cissé, den die Fans schon oft unfreundlich in Paris empfangen hatten. »Doch heute war es eine verkehrte Welt: Mir haben sie applaudiert und Henry haben sie ausgepfiffen.«
Vielleicht war es eine versöhnliche Geste an den ehemaligen Marseille-Stürmer, dass die Pariser Fans ihn als Einzigen bei seiner Einwechslung gegen Spanien beklatschten. Oder es war purer Sarkasmus. Die Stimmung zwischen der Équipe Tricolore und ihren Anhänger ist jedenfalls nachhaltig vergiftet. »Normalerweise pfeift das Publikum Einzelne aus«, zitiert die französische Sportbibel L’Équipe einen niedergeschlagenen Thierry Henry. »Doch heute haben sie alle ausgepfiffen: mich, Ribéry, Anelka.« Der 32-jährige Welt- und Europameister klagt: »Die Leute erinnern sich an 1998, 2000, 2006 und erwarten genau das.«
Doch selten wirkte die Grande Nation so weit entfernt von Titeln und Finals wie am Mittwochabend gegen den Europameister aus Spanien. Erst in der 80. Minute kam Frankreich zu seiner ersten und einzigen Chance, ein Kopfball von Malouda, ansonsten musste man den verspielten Spaniern dankbar sein, dass der Freundschaftskick im St. Denis nicht in einem Debakel endete.
Für die schlechte Leistung der Bleus im WM-Test hat Valérien Ismaël eine ganze eigene Erklärung. »Während einer Qualifikation sind die Spieler konzentrierter«, sagt der ehemalige Bundesligaprofi aus Frankreich. »Danach denken sie: Ich habe meine Pflicht erfüllt und bin beim Turnier dabei.« Danach konzentriere man sich mehr auf die Ziele, die mit dem Verein in der Endphase der Saison zu erreichen seien. Frankreich könnte es also gerade zum Verhängnis werden, dass das Gros der Spieler bei europäischen Topklubs mit Titelambitionen spielt.
Warum nur hält sich Domenech?
Doch der Zorn der Fans richtet sich nicht nur gegen die Spieler. »Domenech démission«, hallte es durch das Nationalstadion, »Domenech raus.« Nicht zum ersten Mal. Dennoch hält sich der ungeliebte Trainer seit sechs Jahren im Amt. Trotz des EM-Vorrundenaus 2008, trotz einer WM-Qualifikation, die nur durch Henrys Handtor gegen Irland gelang. Doch warum ist der streitbare Raymond Domenech dann immer noch Trainer - trotz des Niedergangs der Grande Nation seit dem WM-Finale 2006?
»Er hat großen Rückhalt aus dem Verband«, sagt Ismaël, »gerade seit der WM 2006.« Doch nicht bei den Fans. »Er ist unbeliebt, daher pfeifen die Fans sofort, wenn er keinen Erfolg hat«, sagt der Elsässer, der heute bei Hannover 96 arbeitet. Domenech wird im eigenen Land vorgehalten, arrogant, launisch und schwer erreichbar zu sein. Vorwürfe, die Ismaël weitestgehend bestätigen kann: Domenech war sein U21-Trainer. »Damals musste man aufpassen, was man sagt«, erinnert sich der 34-Jährige. »Bei ihm wusste man nie, woran man gerade war: schwarz oder weiß.«





