Rooney walzt alles platt
Fuck off!
Text: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago
Er ist klein. Er ist hässlich. Die Leute lieben ihn. Wayne Rooney ist in der Form seines Lebens. Gestern überrannte er Milan fast im Alleingang. Dabei hatte Rooney nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für eine große Karriere.
Manchmal sagt eine Tätowierung weit mehr über einen Menschen aus, als ein Potpourri seiner buntesten Lebensgeschichten. Ein gestochenes Tribal knapp oberhalb des Steißbeins heißt nicht umsonst Arschgeweih und schreit laut nach Wasserstoffperoxid, Autoscooter und Großraumdisco. David Beckham ließ sich einst Engelsflügel auf den Rücken seines ohnehin schon vollgetinteten Körpers ritzen und allen war klar, dass er sich als zarten Heilsbringer des Fußballs sieht. Wayne Rooney hat auch eine Tätowierung.
Auf seinem Unterarm prangen die Worte »Just enough education to perform«. Ein Albumtitel seiner Lieblingsband Stereophonics, aber auch so etwas wie Rooneys Karma. Der Sohn eines Preisboxers wuchs im Liverpooler Vorort Croxeth auf, zog früh mit seinem Vater durch die örtlichen Pubs und schiss ganz gepflegt auf die Schule. Er wollte Fußballspielen, wollte raus auf den Rasen und grätschen, schießen, laufen. Egal wie groß der Gegner war, egal wie schön sein neues Trikot glänzte. Er, der kleine, pummelige, hässliche Vorort-Rowdy wollte spielen, statt zu lernen. Mit zehn Jahren ging er zum FC Everton um Fußballprofi zu werden, ganz wie sein Vorbild Duncan Ferguson. Schule? Fuck off!
Er walzt, schimpft und spruckt
Viel hat sich an der Rooneys kindlicher Art Fußball zu spielen bis heute nicht geändert. Das war auch gestern Abend beim Champions League-Spiel gegen den AC Mailand zu sehen: Er walzte wie eine Lokomotive durch die Milan Defensive, grätscht am eigenen Sechzehner, schimpft, spuckt und sprintete nahezu 90 Minuten in einem Tempo über das Feld, dass Nesta und Co. sich nun wirklich wie alte Männer vorkommen mussten. Rooney arbeitet Fußball wie kaum ein zweiter. Nur ist er nicht mehr auf den matschigen Wiesen rund um Liverpool unterwegs, sondern auf der ganz großen Bühne. Er der kleine, dicke, hässliche Junge, der Sohn eines trinkenden Taugenichts, ist oben angekommen. Fuck off!
Getriebene Walze
Deswegen scheint jede Aktion Rooneys laut zu schreien: »Seht her aus mir ist was geworden.« Ein Rooney in dieser Form bringt sogar Englands Nationaltrainer Fabio Capello dazu, Sir Alex Ferguson anzubetteln, seinen 24-jährigen Angriffsbullen auch mal zu schonen. Capello braucht genau diesen energiegelandenen Rooney, der derzeit auf die Fußballwelt losgelassen wird für die WM. Doch Rooney spielt jedes Spiel für United, weil er es will, weil er getrieben ist. Er will raus und walzen, sprinten und schießen. Das ist seine Welt. Rooney erzielte 21 von 62 Ligatreffern Uniteds und damit mehr als deren Lebensversicherung. »Er ist der beste Spieler der Welt«, sagt Carlo Ancelotti, immerhin Trainer von Manchesters ärgstem Rivalen Chelsea London.
Rooney ist der Gegenentwurf zu den Glamourkickern vom Schlage Ronaldo, Beckham und Totti. Seine Knubbelohren, seine Sommersprossen und seine Arbeiter-Attitüde machen ihn nicht zum Lieblingsobjekt der Werbekampagnen für Kleidung, Parfum und Autos. Er ist kein Model, niemand für den roten Teppich, sondern jemand für den Strafraum. Er spielt als würde er in jeder Sekunde für den Ball sterben. Ein Tag ohne Fußball? Fuck off!
Held der Arbeiter
Er weiß, dass er ohne den Sport nichts wäre. Und die Briten lieben ihn dafür. Er ist der Held der Arbeiter, der einfachen Leute, die täglich rausgehen und sich dreckig machen, um ihr Geld zu verdienen. Sie glauben ihm, auch wenn er heutzutage in einer Woche das verdient, was sie in einem Jahr nach Hause schaffen - wenn überhaupt. Solange er rausgeht und sich in jedem Spiel für United, für England, für sie in den Dreck wirft, werden sie ihn auf Händen tragen. Ihn, den kleinen, hässlichen Jungen aus Croxeth. Der Sohn eines Taugenichts, mit »Just enough education to perform.« Fuck off!





