Mit Holger Obermann um die Welt
Wo nur der Fußball bleibt
Text: Holger Obermann (Protokoll: Lukas Föhres) Bild: Holger Obermann
Weiter geht die Reise mit unserem Kolumnisten, dem Trainer und Weltenbummler Holger Obermann. Diesmal begleiten wir ihn nach Kaschmir, eine vom Erdbeben zerstörte Region, in der der Fußball wieder Hoffnung stiftet.
Am 8. Oktober 2006 zerstörte ein gewaltiges Erdbeben weite Teile des pakistanischen Teils der politisch und militärisch heiß umkämpften Region von Kaschmir. Wie jetzt in Haiti war in den ersten Tagen die ausländische Hilfe nur schleppend angelaufen. 100.000 Menschen verloren ihr Leben.
Die Provinzstadt Muzafarrabad, das Epizentrum, war durch die gewaltige Wucht des Erdbebens dem Boden gleichgemacht worden. Es glich schon einem Wunder, dass sechs Monate nach dem Erdbeben bei den vom Unglück verschont gebliebenen Menschen wieder Hoffnung aufkam.
Am Beispiel des 15-jährigen Safer Gilani möchte ich heute den Aufbäumungswillen der vom Schicksal hart getroffenen Menschen schildern.
Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, der mit dem Schrecken davon kam, weil er an diesem Tag bei einen Grosseltern in Vadi Valeem, einem kleinen Dorf, das verschont geblieben war, die Nacht verbracht hatte.
Safer Gilani war Klassensprecher in seiner Schule, von der nur noch Mauerreste übrig geblieben waren. Seine Mitschüler vertrauten ihm aufgrund seiner Ehrlichkeit und auch deshalb, weil er ein toller Fußballspieler war. »Fußball ist mein Leben«, hatte er immer wieder gesagt, als er auf seine große Leidenschaft angesprochen wurde. Und jetzt, nach dem Verlust seiner Eltern und drei Geschwistern, hörte sich das so an: »Nur der Fußball ist mir geblieben, um noch ein bisschen Lebensfreude zu haben!«
Wenn zwei Trümmergrundstücken ausreichen
Tatsächlich bedeutete der Fußball in den Monaten nach der Katastrophe die einzige Freizeitbeschäftigung, die den jungen und leidgeprüften Menschen geblieben war. Zwar war auch der Sportplatz in Muzafarrabad verwüstet worden, doch wenn junge Menschen Fußball spielen wollen, reicht auch der Raum zwischen zwei Trümmergrundstücken aus, um ihre Künste zu zeigen.
Der Bürgermeister der Stadt animierte die Jugend, wieder dem Ball nachzujagen. Er sagte mir: »Fußball ist wirklich das Einzige, was wir den traumatisierten Kindern anbieten können, und mit Hilfe ausländischer Hilfsorganisationen werden wir bald einen Platz finden, wo sie wieder ihrer Leidenschaft nachgehen können!«
Mit Hilfe einer türkischen Hilfsorganisation wurden Zelte aufgebaut, in denen die jungen Menschen morgens wieder unterrichtet werden konnten, obwohl viele Lehrer umgekommen waren und oft 100 Schüler auf einmal zum Unterricht erschienen. Safer Gilani betätigte sich als Organisator, legte die Terminpläne fest und war trotz seines noch jugendlichen Alters so etwas wie die Leitfigur für seine vom Unglück mit dem Schrecken davongekommenen Mitschüler.
Was heißt schon Normalität im Katastrophengebiet?
Auch der Fußball-Weltverband, die FIFA, bot mit Hilfe seines weltweiten »Goal«-Programms Hilfe an, stellte ebenfalls Zelte zur Verfügung und schickte Lehrer in das Erdbebengebiet, um Hilfestellung auf dem Weg zurück zur Normalität zu leisten. Aber was heißt schon Normalität, wenn nach wie vor Muzafarrabad und die umliegenden Dörfer so sehr zerstört sind, dass ausländische Entwicklungsexperten der Meinung waren, ein Leben wie vor dem Erdbeben würde wohl nie wieder möglich sein?
Mir war von der FIFA die Aufgabe erteilt worden, Fußballschulen aufzubauen. Safer war mein bester Helfer, immer zuverlässig. Auf ihn war einfach Verlass. Natürlich, auch er war vom Leid gezeichnet, hatte aber doch bereits den Blick wieder nach vorn gewandt hatten. »Es muss ja weitergehen!«, sagte er mir einmal, als wir bei einer Tasse Tee zusammensaßen und nachdem er mit großen Augen die Bälle inspiziert hatte, die aus Zürich eingetroffen waren.
Für Safer gab es aber auch Augenblicke, in denen seine Erinnerung an seine Familie und das ganze Leid zurückkehrten. Dann war er verschlossen und sprach auch nicht über sein großes Hobby, den Fußball. Minutenlang versank er dann in Schweigen und wurde so nachdenklich, dass er alles um sich herum vergaß. Die Begegnung mit Safer Gilani zählten zu den traurigsten, aber auch eindruckvollsten Erlebnisse meiner langen Zeit als Fußballtrainer in Kriegs- und Krisenländern.
Hin und wieder schreiben wir heute uns E-Mails. Immerhin das funktioniert schon wieder im so arg betroffenen Muzafarrabad.




