Van Gaal will Bundestrainer werden
Angst in Frankfurt/M.
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Auf dem Posten des Bundestrainers droht durch die Querelen um Löw ein Machtvakuum zu entstehen. Van Gaal schlüpft geschickt hinein. Ob er das Amt nun übernimmt oder nicht: Einer wie er würde den DFB in die Sinnkrise stürzen.
Nun ist die Frage, wer Nachfolger des urplötzlich ungeliebten Bundestrainers Joachim Löw wird, also geklärt. Vorbei an allen Gremien. Nicht der DFB hat ihn ins Amt gehoben, kein Veto von Oliver Bierhoff hat ihn verhindert, nicht einmal eine Trainerfindungskommission (TFK) hatte noch die Gelegenheit, eilig zu tagen.
Es ist niemand Geringerer als... Louis van Gaal!
Der »General« selbst war es, der in einem Interview mit der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« prophezeite: »Ich denke, dass Bayern mein letzter Klub ist. Und dann gehe ich nach Portugal, und dort warte ich auf ein schönes Angebot von einer guten Nationalmannschaft.« Beinah ängstlich fragten die Interviewer nach, ob er denn auch die deutsche in Betracht ziehe, darauf van Gaal: »Abwarten. In zwei, drei Jahren bin ich vielleicht Deutscher.«
So lange muss Löw also noch durchhalten bzw. Hansi Flick den Laden interimsmäßig zusammenhalten, bis ER aus dem Alpenvorland herabsteigt, um Weltmeister mit Deutschland zu werden. In die vage Zeitspanne von »zwei, drei Jahren« fällt – unausgesprochen, aber selbstverständlich – der Gewinn aller Titel mit dem FC Bayern und – geheimnisvoll angedeutet – Louis van Gaals Verwandlung vom Niederländer zum Deutschen. Ob es sich dabei um eine bürokratische Formalität handeln wird oder gleich um eine kulturelle Metamorphose? Abwarten.
Ein wunderbar schrecklicher Job
Van Gaal zieht hier, wie es so seine Art ist, den nur halbtransparenten Vorhang vor das innere Wesen seiner Absichten. Gleichwohl hat seine Ankündigung etwas derart Bestimmtes an sich, dass uns wohl nichts übrig bleibt, als uns ihr zu fügen. In ihr schwingt die Frage mit: Wer soll es denn sonst machen, bitteschön?
Und wirklich: Er streut sie in einer Woche, in der es offener denn je ist, wer den wunderbar schrecklichen Job des Bundestrainers denn übernehmen soll. Die Tage von Joachim Löw und seiner Entourage scheinen gezählt, sein Widersacher Matthias Sammer will zu sehr, als dass er dürfte.
Und wer bietet sich schon aus der Bundesliga an? Altmeister Jupp Heynckes schließt in Leverkusen gerade als spätjugendlicher Herbergsvater seinen Frieden mit einer 30-jährigen Trainerkarriere. Unwahrscheinlich, dass er sich auf das Abenteuer Nationalmannschaft einlassen würde. Der in Bremen amtsmüde wirkende Thomas Schaaf ist, trotz aller Verdienste, für eine solches Amt wohl zu wenig Fußballdiplomat. Felix Magath, als Spieler selbst Vizeweltmeister 1986, hat in Schalke ein auf mindestens drei Jahre angelegtes Projekt begonnen und ist dabei mit allen Vollmachten ausgerüstet. Schwer vorstellbar, dass er es zugunsten des DFB abbricht und dieser ihm im Gegenzug eine ähnliche Ämterhäufung zubilligt. Ottmar Hitzfeld indes hat seine Zeit als Vereinstrainer hinter sich gelassen und weilt im Schweizer Vorruhestand. Die Chance, Bundestrainer zu werden, hat er einmal, 2004 nach dem Rücktritt von Rudi Völler, verstreichen lassen. Eher ernennen die Herren aus der Otto-Fleck-Schneise einen weniger befähigten Kandidaten zum Bundestrainer, als bei Hitzfeld zu Kreuze zu kriechen.
Die Liste der verhinderten Kandidaten ließe sich beliebig erweitern (Ralf Rangnick: zu schlauschlau; Jürgen Klopp: zu klinsmannhaft; Peter Neururer: zu neururerhaft), gern auch um Ex-Nationalspieler (Guido Buchwald, Bernd Schuster, Markus Babbel und ja: Lothar Matthäus!). Am Ende wird niemand auf dieser Liste stehen, dessen Engagement zwangsläufig erscheint.
Das ahnt van Gaal, der Fuchs, und mit dem Rückenwind der neuen Verehrung, die er erfährt und die weniger von echter Liebe als vom Kult um einen Kauz, der auf seltsame Weise doch Recht hatte, befeuert ist, surft er direkt auf Platz 1 der Rangliste kommender Bundestrainer.





