Wer wird Löws Nachfolger?
Alte Besen, neue Besen
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Eben noch der Liebling der Nation, jetzt schon auf dem Abstellgleis: Deutschland macht sich auf den Abschied von Jogi Löw gefasst. Doch wer wird sein Nachfolger als Bundestrainer? Hier die Kandidaten mit den besten Aussichten.
Matthias Sammer
Sammer, der Supertrainer: Er konnte trainieren, bevor er sprechen lernte, war schon als Spieler Trainer, sogar als Trainer blieb er Trainer, und auch als Funktionär ist er mehr Trainer als alle anderen Trainer zusammen.
Naja, sagen wir: Spielertrainer. Denn nur ein Mann, der mindestens noch ein Trikot unterm Anzug trägt, kann sich auf dem Teppich in der Otto-Fleck-Schneise derart hart in die Zweikämpfe werfen, wenn er Bierhoff vom Cappuccino-Automaten kommen sieht.

Kurzum, er ist einer, der lieber alles selber macht: verteidigen, stürmen, verlieren, gewinnen – und sich selbst tackern, wenn mal die Braue platzt. Ein enorm hohes Einsparungspotenzial also für den DFB, beste Chancen für den kommenden Bundes-Libero-Motzki-Brillenträgerdesjahres-Mannschaftsarzt-Supersammer Maaaaaaatthiaaaaaas... äh, ja genau: Sammer.
Lothar Matthäus
Auch er war super, war Libero, auch er machte lieber alles selbst (die Buden gegen Jugoslawien bei der WM 1990, mein lieber Herr Gesangsverein!), auch er scheut noch heute keinen Infight – ja, es scheint, als hätte er persönlich Sammer erfunden.
Wie sagte schon Marlon Brando über James Dean: »Wer ist der Typ, der immer so aussieht wie ich im Jahr zuvor?« Ungefähr so verhält sich auch ein Lothar Matthäus zu seinem Epigonen. Und könnte ihn sicherlich aus dem Stand übertrumpfen, wenn... (bitte hier die Anleitung zur Quadratur des Kreises einfügen).
Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Verdammte des deutschen Fußballs mit »Der letzte Tango von Paris II« in die Kinos kommt. Oder als SAT.1-Filmfilm. Immerhin.
Franz Beckenbauer
Und wo wir schon bei Unwahrscheinlichkeiten sind: Warum ist Zwanziger eigentlich noch nicht auf die Idee gekommen, Franz Beckenbauer zu fragen? »Üüüüber den Wolken / muss die Freiheit wohl grenzenlos sein / Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man / blieben darunter verborgen und dann /
würde, was und groß und wichtig erscheint /
plötzlich nichtig und klein« (Reinhard Mey). Lalalalalala.... Ach!
Vertragsverhandlungen? Kompetenzstreitigkeiten? Siegprämie? Alles irrelevant für einen Mann, der sich von Luft ernährt und selbst aus Licht besteht. Er gewann die WM als Spieler, Teamchef und Diplomat und schwebte schließlich mit dem Heli über ihr – der letzte Beweis dafür, dass er längst größer ist als dieses piefige Provinzturnier.
Die Welt, ist sie nicht ohnehin ein Dorf? Der Kaiser braucht für diese Anschauung nicht einmal das Internet. Wo er erscheint, durchdringt seine Aura (bzw. Aurora, wie er selbst sie freundschaftlich nennt) des verbindlich Unverbindlichen auch die kompliziertesten Strukturen und macht sie ganz simpel: »Geht’s raus und spielt’s Fußball!«
Franz-Rot-Gold, der ewige Weltmeister. Wie die Mannschaft abschneidet, ist seit je her uninteressant.
Thomas Schaaf
Der Anti-Kaiser, ein Bundestrainer als Spiegel der Empfindungen all der Menschen da draußen. Wirtschaftskrise? Schaaf macht böse Miene zum bösen Spiel. Grippewelle? Schaaf surft auf ihr ins Land der schlechten Laune. Verpasste EM-Quali? Aus Schaafs Ledermimik knirscht die Symphonie des Untergangs.
Hemdsärmelig kehrt mit ihm der Fußball dorthin zurück, woher er kam: Ins Arbeitermilieu, dorthin, wo die Unterprivilegierten auf die da oben schimpfen. Bundestrainer Schaaf auf der Menschencouch bei Anne Will – das passt.
Bloß was tun, wenn die Nationalmannschaft siegt? Wenn der Aufschwung wider Erwarten kommt, ob nun in Form einer »Badewannenkurve oder einer Sitzbadewannenkurve« (Angela Merkel)? Dann kann nur einer triumphal vom Römer lächeln, nämlich...
Horst Ehrmantraut!
Ja-haaa! Der Guido Westerwelle des Fußballs! Was dem FDP-Gaudimax sein Guido-Mobil, ist Ehrmantraut sein Gartenstuhl. Den drapierte er als Kraftzentrum der Spaßkultur auf die Tartanbahn des Frankfurter Waldstadions, ließ sich nieder und die gute Laune nicht nehmen.
»Ich war quasi ein Niemand«, sagt er im Rückblick auf seinen kometenhaften Amtsantritt bei der Eintracht. Wer aus einem Ort namens Einöd kommt und dann von einem Plastiksessel aus millionenschweren Top-Profis Anweisungen gibt, kann sich das Lachen kaum verkneifen. Also: Nur einmal pieken, dann lacht der Horst und hört nie wieder auf. Und Deutschland lacht mit.
Ottmar Hitzfeld
Zwar würde das Gespann Schaaf/Ehrmantraut ein Gefühlsspektrum abdecken wie zuletzt Bud Spencer und Terence Hill im ZDF-Sommerkino Mitte der Achtziger, dennoch bestehen in Fachkreisen noch immer gewisse Zweifel, ob das in fußballerischer Hinsicht schon das Nonplusultra gewesen sein kann. Wer war noch gleich der erfolgreichste Vereinstrainer der letzten Jahre? Ach ja: Ottmar Hitzfeld.
Der ist nun leider durch die Klinsmann-Welle über Nacht ins Museum gespült worden, und seine Erfolge wirken schon, obwohl kaum verklungen, als hätte er sie ohne den Einsatz von Elektrizität errungen. Fern aller Zeit, hat er sich in die Alpen zurückgezogen und hängt dort nietzschehaft-vergrübelt dem tieferen Sinn all dessen nach.
Hmmm... Was er wohl heute erreichen könnte, mit diesen riesigen fahrenden Pferden, die Mannschaften in Rekordgeschwindigkeit von einer Stadt zur nächsten bringen? Achtung, Theo: Hitzfeld ist heiß auf die Gegenwart!
Dettmar Cramer
Aus der noch tieferen Tiefe des Raums kommt jemand, der Horst Eckel persönlich das Laufen beigebracht hat. Und das kann er so schlecht nicht gemacht haben, immerhin ist Eckel nicht nur Weltmeister geworden, sondern hat dabei auch noch die »Kamerrrrrraaaaaadschaft!« erfunden.
Beides würde dem DFB in diesen Tagen super stehen, und so ist Cramer wahrscheinlich die beste Lösung für alle Beteiligten: Oliver Bierhoff könnte sich mit dem eleganten Alibi »Alter vor Schönheit« aus der Affäre ziehen, Zwanziger im Kontrast zu Cramer bislang ungekannte Jugendlichkeitspotenziale freisetzen und Torsten Frings sich wieder auf eine Zukunft in der Nationalelf freuen.
Aber noch nicht sofort. Erst wenn der Eckel aus der Puste kommt. Wir sehen uns bei der WM 2022, Lutscher!







