Wie deutsche Talente in England scheitern
Disneyland ist dicht
Text: Ron Ulrich Bild: Imago
»Mind the gap« bekommt man beim U-Bahnfahren in London eingetrichtert. Vorsicht, hier kann man hinfallen. Ein Satz, der symbolisch steht für die Vielzahl junger deutscher Talente, die sich in England versucht haben.
Es ist keine fünf Jahre her, da bejubelte man das Phänomen »Made in England«. Jürgen Klinsmann hatte die beiden Legionäre Thomas Hitzlsperger und Robert Huth für die deutsche Nationalmannschaft entdeckt und beinahe täglich flatterten Meldungen rein von deutschen Teenagern, die von englischen Vereinen abgeworben wurden.
Einer dieser Jungprofis war Moritz Volz, der im Alter von 16 Jahren vom FC Schalke zum FC Arsenal wechselte. Es folgten zahlreiche Spieler: Eugen Bopp, Pascal Formann und Arif Karaoglan zu Nottingham Forrest, Markus Neumayer und Ron-Robert Zieler zu Manchester United, Kevin Pezzoni nach Blackburn undundund. Volz muss sich heute fühlen wie jemand, der mit Einser-Abschluss und Auslandserfahrung von einer Zeitarbeitsfirma vermittelt wird. In der letzten Woche weilte Volz dank eines Tipps seines ehemaligen Jugendförderers im Trainingslager der Bundesliga-Mannschaft von Schalke 04. Übernommen wurde er nicht.
Froh, wieder gegen den Ball zu treten
Volz hat über 100 Spiele in der englischen Premier League absolviert, spielte bei Arsenal, Fulham und zuletzt bei Ipswich Town. Er markierte das 15.000 Tor der Premier League-Geschichte, als er 2006 für Fulham zum 2:2 gegen Chelsea traf. 2004 wurde er von Jürgen Klinsmann gar für den Kader der Nationalmannschaft nominiert. Doch was nützte das alles – Volz laborierte monatelang an einer Schambeinentzündung und ist nach langer vereinsloser Zeit froh, überhaupt wieder gegen den Ball zu treten. Trotzdem sagt er: »Ich habe den Schritt, nach England zu gehen, nie bereut. Vielleicht war es für meine persönliche Entwicklung gar hilfreicher als für meine sportliche.«
Einer, der es Volz absolut gönnen würde, wieder Fuß zu fassen, ist Sebastian Kneißl. Er spielte jahrelang mit Volz in den U-Nationalmannschaften zusammen. Kneißl selbst wechselte mit 17 Jahren auf die Insel zum FC Chelsea. »Da kam es bei den Nationalmannschaften natürlich auf uns an. Alle wussten, dass wir in England spielen; deswegen wurde von uns viel mehr erwartet«, sagt Kneißl, um dann anzufügen: »Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich damit Probleme hatte.«
Von London nach Schweinfurt
Die Geschichte von Kneißl klingt wie ein Absturz. Er war auf dem Sprung ins Team vom FC Chelsea, der damalige Trainer Claudio Ranieri hatte ihm Einsatzzeiten zugesichert. Dann kam Abramowitsch und bestellte das »Who is who« des Weltfußballs an die Stamford Bridge. Kneißl gab in London auf, versuchte sich beim FC Dundee und VC Westerlo und landete bei Wacker Burghausen. »Abramowitsch war mein Nackenschlag«, erzählt Kneißl. »Aber ich bin auch ehrlich genug zu sagen: Ich war vielleicht nicht gut genug.« Vom Leben der Verlockungen in London erzählt er, aber auch von seiner derzeitigen Ausbildung zum Groß-und Außenhandelskaufmann bei dem Hauptsponsor seines aktuellen Vereins – Sechstligist Schweinfurt 05. Doch von Resignation oder Melancholie keine Spur, Kneißl bereut nichts.
Genauso sieht es Markus Neumayr, früher Kapitän der Meistermannschaft der Manchester United-Reserve, heute bei Rot-Weiß Essen. »Ich habe nie gedacht, dass ich der kommende Matthäus bin. Ich kann morgens immer noch in den Spiegel schauen«, so Neumayr. »Die Erwartungshaltung, dass jeder es in den Profibereich schafft, ist ein typisch deutsches Problem.« Vielleicht auch, weil man im Zuge der verpatzten EM 2004 Fußball-Deutschland eifrig auf der Suche war nach neuen Hoffnungsträgern und glaubte, sie in den Auswanderern gefunden zu haben. »Es stimmt, nur in Deutschland wird so gedacht«, meint auch Lars Leese, selbst in den Neunzigern Keeper beim damaligen englischen Erstligisten FC Barnsley. Leese sagt: »In England sind sie sich dessen bewusst, dass möglichst viele Talente geholt werden, von denen aber höchstens zwei Spieler dann auch einschlagen.« Unterm Strich bleiben mit Hitzlsperger, dem Kölner Pezzoni (früher Blackburn) und Robert Huth nur ganz wenige, die den Sprung schafften.





