Sinn und Unsinn von Transfergerüchten
Ein Lob der Lüge!
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Hätte, könnte, würde: Die Winterpause ist die Hochphase des Konjunktivs. Allenthalben wird über Transfers spekuliert, dass sich die Balken biegen. Das kann man als Lüge verdammen. Oder es als Unterhaltung schätzen. Oder beides.
Ein armenisches Sprichwort sagt: »Wenn sie von Mund zu Mund geht, wird aus einer kleinen Nadel ein riesiger Balken.« Das ist wohl wahr, wenn man betrachtet, was derzeit und alle Jahre wieder im Schatten des europäischen Transfermarkt gemunkelt wird – in der so genannten Gerüchteküche.
»Bei Manchester United sorgt Nemanja Vidic für Ärger«, orakelt etwa spox.com. »Alex Ferguson könnte den Serben sogar verkaufen und dafür einen Superstar von Real Madrid holen.« Könnte verkaufen! Könnte holen! Einen Superstar! Da legst di nieda! Könnte: Dieser Konjunktiv verweist entweder auf einen komplizierten Kausalnexus, oder er drückt eine bloße Spekulation aus. Da ersterer jedoch durch die Kolportage einer Meinungsverschiedenheit zwischen Trainer und Spieler (»Laut englischen Medienberichten«) nur halbherzig angedeutet wird, ist allemal wahrscheinlicher: Alles erfunden.
Noch schöner bzw. erfundener die angehängte Kettenreaktion: Bei Real sei Stürmer Karim Benzema (der oben genannte »Superstar«) so unzufrieden, dass er sich im Tausch mit Vidic nach Manchester transferieren lassen »könnte«. Die weichliche Argumentation wird, bevor sie ganz wegbricht, flugs durch einen Geniestreich von Konditionalsatz untermauert: »Möglich, dass ein Wechsel immer wahrscheinlicher wird, wenn sich an der Situation Benzemas in der Rückrunde nichts ändert.« Mein lieber Herr Gesangsverein! Es ist also möglich, dass es wahrscheinlich wird! Mit anderen Worten: Es ist fast wahr! Mindestens.
Lügen und lügen lassen
In der Erzähltheorie gibt es den Romanpakt. Den schließen ein Autor und ein Leser stillschweigend ab, bevor ein Buch aufgeklappt wird. Damit räumt der eine ein, dass alles gelogen ist, der andere verzichtet darauf, ihn einen Lügner zu nennen – alle sind zufrieden.
Schließen wir also einen Transfermarktpakt! Die Kolporteure geben endlich zu, dass sie ja irgendwie ihre Blätter und Internetseiten vollkriegen müssen und daher zu Erfundenem greifen. Und wir, wir lassen wir uns einfach unterhalten von diesem herrlichen Gewäsch! Was wären wir denn ohne es in dieser miesen, ereignislosen Winterpause? Ein Haufen Ausgemergelter, die sich schon freuten, wenn Schalke 04 Zé Roberto II zurückausleihen würde! Dann doch lieber der fiktive Frauentausch von Manchester. Ein Lob der Lüge!
Schließlich heißt es doch: »Ein gutes Gerücht ist größer als die Wahrheit.« Und das ist übrigens ein deutsches Sprichwort.





