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Vertrauensverlust im Manipulationsskandal

SCHIEBUNG!

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Ein riesiger Manipulationsskandal erschüttert die europäische Fußballwelt. Der spielerische Glaube an Verschwörungstheorien soll mit einem Mal bitterer Ernst sein. Da kann man nur kotzen. Dirk Gieselmann tut es.

Vertrauensverlust im Manipulationsskandal - SCHIEBUNG!


Was war zuerst da? Das Ei oder die Henne? Der Ruf »Schiebung!« oder die Schiebung selbst? Diese Frage ist nun obsolet. »Schiebung!« und Schiebung meinen ein und dasselbe.

Spielmanipulationen ungekannten Ausmaßes, gegen die der Fall Hoyzer wie ein Kavaliersdelikt und der Bundesligaskandal von 1971 wie ein Lausbubenstreich anmuten, europaweit, bis hin zur Champions League, erschüttern unseren Glauben an das, was wir sehen. Was ist echt? War dieses Tor wirklich unhaltbar? War jener Fehlpass vielleicht Absicht? Ist die Formkrise eine Formkrise oder eine »Formkrise«?

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Seit je her vermuten Fans und Spieler im Falle einer Niederlage die Benachteiligung ihres Vereins durch eine dunkle Macht. Diesen Verschwörungstheorien wohnt ein unernster Ernst inne. Man fühlt sich verarscht, am Samstag, am Sonntag vielleicht noch, doch schon am Mittwoch ahnt man: Das gleicht sich wieder aus. Der partielle Volkszorn ist ein Reflex der Verlierer eines Fußballwochenendes, zum Aufstand reicht er nicht. Man weiß, wo des Schiris Auto steht. Aber man zündet es nicht an.

Sich aufzuregen über Fehlentscheidungen und -leistungen, das gehört einfach dazu. Ein Spiel als Verlängerung des eigentlichen Spiels, ganze TV-Formate kreisen darum, Stammtischbrüder erhitzen sich lustvoll.

Gibt es wirklich Gespenster?

Doch auch wenn man bei Herrengedeck und Zigarette die Existenz einer dunklen Macht tatsächlich in Erwägung zieht, glaubt man nur solange an sie, wie es noch Spaß macht. So wie man an Gespenstergeschichten erzählt, um sich ein bisschen zu gruseln. Aber dass es wirklich Gespenster gibt... Dass es wirklich Schiedsrichter und Spieler gibt, die Geld dafür nehmen, dass sie Ergebnisse manipulieren... Jetzt hör aber auf!

»Schiebung!« – jetzt ist dieser Vorwurf auf einmal wahr. Und wir erschrecken. Das war doch nur so dahingesagt! Eigentlich haben wir doch gewusst, dass sie alle ihr Bestes geben, die Spieler, sogar der Schiri (auch nur ein Mensch). Wenn nur einer absichtlich langsamer rennt, was ist dann noch ein Laufduell? Ein Luftkampf, wenn nur einer mit Vorsatz zu spät hochspringt? Was ist das alles, wenn nur einer dieser Athleten, die wir dafür bewundern, dass sie an ihre Grenzen gehen, es nicht tut?

Misstrauen durchwirkt die Fußballgeschichte

Der Pakt, dass Elf gegen Elf spielen und der Bessere oder wenigstens der Glücklichere gewinnen möge, droht wertlos zu werden. »Schiebung!« – in mindestens 200 Fällen soll das nun zutreffen. Und es weitet sich aus, auf so viele Spiele. Misstrauen durchwirkt die Fußballgeschichte. Warum irrlichterte XY im Z-Finale durch den Strafraum? War seine Zerknirschung hinterher nur vorgetäuscht? Und es weitet sich aus auf das, was kommen wird. »Schiebung!« – das wird kein Stoßseufzer mehr gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals sein, es markiert im Zweifel fortan einen kriminellen Tatbestand.

Wir haben alle »Schiebung!« gerufen. Und haben doch an das Gute geglaubt. Nicht, weil wir gutgläubig wären, sondern weil das Spiel doch sonst sinnlos gewesen wäre. Jetzt stehen wir als gutgläubig da. Und sinnlos ist das Spiel obendrein geworden. Schöne Scheiße.

Dass sich ein paar Ganoven bereichtert haben – geschenkt. Dass Spieler beteiligt waren, darin besteht das Unerträgliche. Wir dachten, wir hätten die Liebe zum Fußball mit ihnen geteilt. Sie müssen ihn verachtet haben.

Nun wird kein Lynchmob losziehen. Auch werden keine Schiriautos brennen. Vielmehr wird der Ruf »Schiebung!« verstummen. Worüber soll man sich entrüsten, wenn man an nichts mehr glaubt?    


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Kommentare

  • User
  • 21.11.2009 02:30:46 Tzaduk

    Ist auch mega-Ka...chel. Da fiebert man mit, vielleicht denkt man noch an den einen oder anderen Ball, den man letzte Woche noch selbst... und dann hat die kleine Blonde das alles nur vorgetäuscht? Ich denke mal, solange da dermaßen absurde Gesamtsummen (und seien es nur wie dereinst bei mir umme Ecke ca. 1000x Hartz IV, also etwa 350000€) in die Kassen der Spielemanager rutschen, wird es immer jemanden geben, der bereit ist, für sone Summe auch Mauscheleien durchzuziehen. Das ist doch wie in der Politik: Wenn die das Gefühl haben, dass das Risiko gering und die Marge groß ist, dann passiert exakt das Gleiche. Also gibt es nur die Maßnahmen, das Risiko drastisch zu erhöhen und die Marge möchlichst klein zu halten. Und wie macht man zweiteres? Macht einfach die dusseligen Toto-Shops alle zu...

  • User
  • 21.11.2009 07:22:58 wini

    Das Blöde ist doch auch, dass man nun sofort denkt, was könnte noch alles Absicht gewesen sein: Maik Franz im Pokalspiel gegen die Bayern zum Beispiel. Aber gleich merkt man, nee, der ist einfach wirklich so schlecht. Oder Luca Toni. Verdient nur 10 Mio im Jahr, trifft das Tor nicht. Klar, der macht paar extra Euros, der arme Kerl. Wahrscheinlich sogar im Auftrag von Hoeness, damit der dann wieder die Abfindung für van Gaal bezahlen kann. Korruption hat es schon immer gegeben und wird es auch weiterhin immer geben. Wer jetzt "überrascht" oder gar "schockiert" ist, hat bloss bis gestern in einem Paralleluniversum gelebt. Willkommen auf der Erde.

  • User
  • 21.11.2009 13:49:28 pandrodor

    Wichtig ist vor allem, dass die Täter und Co mit aller Härte bestraft werden. Für Spieler, Trainer und Funktionäre natürlich lebenslange Sperren, können dann ja wie Hoyzer in der Kirchenliga gerne weiterspielen.

    Korruption gibt es überall, nur heißt das nicht, dass man das mit einem müden lächeln abtun sollte. Und im Sport (Fair Play Olé) kann man nunmal ganz gut bei den aktiven Schiebern ansetzen, wenn deren ganze Existenz auf der Kippe steht, wenn sie betrügen überlegen es sich ein paar vllt anders.

    Wobei die Gier ja wirklich alles an Gehirnströmen (bis auf Geld, Geld, Geld) auszuschalten scheint. Hoyzer war ja das beste Beispiel: Für ein paar Tausender und nen Plasma Fernseher eine vielversprechende Karriere zu zerstören, die ihm am Wochenende ein paar Tausender eingebracht hätte...

    @ Wini: Das ist den allermeisten klar. Nur gehört zum Fan Sein auch eine gewisse Naivität dazu. (in Maßen). Als Fan findet man es nicht toll, dass einige Fußballer es nur wegen Geld machen und nicht aus Liebe zum Sport und Ehrgeiz.

    Der Gedanke von Gieselmann ist vollkommen richtig: Was ist Fußball gucken wert, wenn es abgesprochen ist? Wenn ich etwas abgesprochenes sehen will, wo der Sieger vorher feststeht schaue ich mir Wrestling an. Bloß das ist klar als Unterhaltung definiert, Fußball ist immernoch ein Sport. Aber vllt nennt man es auch bald Sports Entertainment.

  • User
  • 21.11.2009 14:27:10 Matzator

    Word!

    Ich habe Fußball immer gern mit einem Theaterstück verglichen mit dem Unterschied, dass niemand den Ausgang kennt. Scheinbar ist Fußball doch noch viel mehr Theater.

  • User
  • 21.11.2009 22:48:39 Catch22

    Es handelt sich beim Sport und damit natürlich auch beim Fußball um einen Teil der Unterhaltungsindustrie.
    Menschen wollen unterhalten werden. In Krisenzeiten sogar mehr denn je.
    Daher auch das nicht nachlassende Interesse der Zuschauer /Fans: sie wollen unterhalten werden. Um nahezu jeden Preis.

  • User
  • 23.11.2009 13:07:56 sma

    Wo ist eigentlich Holger, wenn man ihn mal braucht... ?

  • User
  • 23.11.2009 13:10:54 Haensgen vom Deich

    Mit den Millionen über alle Berge wahrscheinlich!

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