Zum 50. Geburtstag von Enzo Francescoli
Der Prinz aus Uruguay
Text: Christian Piarowski Bild: Imago
Enzo Francescoli galt als einer der elegantesten Fußballer, die es in Südamerika je gegeben hat. Zu seinem 50. Geburtstag werfen wir einen Blick auf die Karriere des Mannes, den Zinedine Zidane sein Vorbild nennt und den in Argentinien all nur »Der Prinz« rufen.
Es läuft bereits die Nachspielzeit an diesem 8. Februar 1986. Der große Traditionsverein River Plate tut sich schwer gegen die Gäste aus Europa. Da landet der Ball auf der Brust des Spielers mit der Nummer neun. Der lässt den Ball kurz abtropfen und zimmert ihn mit einem wuchtigen Fallrückzieher von der Strafraumgrenze in die Maschen. Der Schütze jubelt, als bedeute dieses Tor den Gewinn des Weltpokals. Enzo Francescoli hat gerade den vermutlich schönsten Treffer seiner Karriere erzielt – und den wohl unbedeutendsten. Ohne dieses spektakuläre Tor würde sich heute sicher niemand an das Spiel zwischen River Plate Buenos Aires und der polnischen Nationalelf erinnern. Dass Francescoli auch in Freundschaftsspielen bis zur letzten Minute alles für seinen Verein gab und selbst unwichtige Tore so leidenschaftliche feierte, machte ihn zum Idol bei den Fans des dahin siechenden Traditionsklubs.
Denn um Kultstatus zu erlangen, bedarf es beim dem Verein aus Buenos Aires mehr als nur überdurchschnittliches Talent – erst Recht, wenn man von der anderen Seite des La-Plata-Flusses kommt. Enzo Francescoli Uriarte wurde am 12. November 1961 in der uruguayischen Landeshauptstadt Montevideo geboren. Das Fußball spielen erlernte er auf der Straße und sorgte bereits in der Schulmannschaft für Aufsehen. Als Enzo eines Tages krank dem Unterricht fernbleiben musste, beruhigte der Lehrer die verlegenen Eltern, dass dies überhaupt kein Problem wäre. Viel wichtiger sei es nämlich, dass er am Wochenende zum entscheidenden Spiel der Schulauswahl wieder fit sei.
Zu klein und zu schmächtig
Vo seinem Vater hatte Enzo die Leidenschaft für den populären Klub Peñarol geerbt. Doch dort schickten sie ihn genauso wie bei River Plate Montevideo nach einem Probetraining fort. Zu klein, zu schmächtig sei der Knirps, hieß es. Erst der kleine Klub Montevideo Wanderers nahm Francescoli in die Jugendmannschaft auf, nachdem ein dort kickender Schulfreund Enzo dem Trainer empfohlen hatte. Dieser zeigte sich angetan von seinem neuen Schützling, der ihm die Arbeit erheblich erleichterte, da er vielseitig einsetzbar und kaum vom Ball zu trennen war. Wie ein Mitspieler erzählt, verliefen die Taktikbesprechungen fortan ziemlich simpel: »Ihr erobert den Ball und passt ihn dann zu Enzo. Das ist alles.«
Schon bald ging auch in Argentinien die Kunde um, dass bei einem kleinen Klub in Montevieo ein Ausnahmetalent Aufsehen erregte. Mit 21 Jahren wechselt Francescoli 1982 zu River Plate Buenos Aires. Der populäre Verein befindet sich in einer Krise und sucht händeringend nach einer Blutauffrischung, mit der den Ansprüchen des Klub genüge getan werden kann. Die Erwartungen an den jungen Uruguayer sind dementsprechend groß. Doch dieser wiegelt ab: »Ich glaube, dass ich mit meinem Stil gut zu River passe. Ich habe vor der Aufgabe keine Angst, aber es gibt hier viele gute Spieler. Ich bin nicht der Retter.«
Er sollte Recht behalten – zunächst. Denn die Anfangszeit bei River verläuft für Francescoli alles andere als leicht. Nur wenige Wochen nach seinem Debüt lösen finanzielle Probleme einen Streik der Spieler aus. Auch wenn dieser bald beendet werden kann, ist das Verhältnis zwischen Fans und Kickern in der Folge vergiftet. Die Anhänger beschimpfen und verhöhnen die Spieler als Abzocker. Als Francescoli nach einer Auswechslung vom Trainer mit einem Tritt in den Allerwertesten vom Platz geholt wird, spenden die Zuschauer Applaus, beschimpfen den Uruguayer gar als Landstreicher und Dieb. River beendet die Meisterschaft als Vorletzter. Francescoli plagt das Heimweh.
Abschiebung nach Kolumbien
Als für die neue Saison sein Landsmann Luis Alberto Cubilla, seines Zeichen ebenfalls Idol des Vereins, als Trainer engagiert wird, scheint Francescolis Zeit bei River bereits beendet. In den Planungen Cubillas spielt er keine Rolle. Doch als man ihn nach Kolumbien abschieben will, weigert sich Francescoli. »Ich kam zu River, um hier zu triumphieren und ich bin sicher, das werde ich. Das ist eine Sache der Ehre.« Ohne ein Wort über das angespannte Verhältnis zum Trainer zu verlieren, spielt er auch auf ungeliebten Positionen.
Doch der Durchbruch gelingt erst unter Hector Rodolfo Veira, der ihn als Stürmer einsetzt. Francescoli verzückt in der Folgezeit die Anhänger mit seiner eleganten Spielweise und auch, weil er wichtige Tore schießt. Etwa beim beim 3:0 Sieg gegen Velez Sarsfield im März 1986 mit dem River sich die Meisterschaft fünf Spieltage vor Schluss sichert. Da feieren sie ihn schon längst als ihren Prinzen – »el principe«. Den Namen gibt ihn sein Landsmann, der Reporter Víctor Hugo Morales. »Damals hatte ich einen Ohrwurm vom Tango Príncipe. Francescoli machte ein Tor, und ich habe spontan eine Zeile des Textes wiederholt: 'Príncipe soy, tengo un amor y es el gol' (Ich bin ein Prinz und meine große Liebe ist das Tor). Der Spitzname passte perfekt zu diesem melancholisch und traurig wirkenden Mann, der sich wirklich etwas bewegte wie ein Prinz«, erklärt der Journalist.





