Wie es Chile nach Südafrika schaffte
»Die Roten« im Rausch
Text: Christian Piarowski Bild: Imago
Gewohntes Bild in Südamerika. Mit Argentinien, Brasilien und Paraguay setzten sich in der Qualifikation die Stammgäste der letzten WM-Endrunden durch. Lediglich Chile sorgte für eine Überraschung. Was macht die Überflieger so stark?
Die Plaza Italia im Herzen Santiagos gleicht einem Meer in Rot – Menschen drängen sich dicht an dicht, schwenken Fahnen, liegen sich freudestrahlend in den Armen. Chi-Chi-Chi Le-Le-Le! Viva Chile!!! halt es aus tausenden Kehlen. Was wird gefeiert? Eine Revolution? Fast. Nach zwölf Jahren Tristesse nimmt Chile wieder an einer WM-Endrunde teil. Den Aufschwung der chilenischen Nationalmannschaft kann man durchaus als Revolution bezeichnen, kam er doch auch dank einschneidender Veränderungen in den verkrusteten Verbands- und Vereinstrukturen zustande.
Bei der Copa America 2007 spielte Chile mit nur einem Sieg noch eine Nebenrolle. Lediglich zwei Jahre später konnte sich die chilenische Nationalmannschaft souverän und vorzeitig für die WM-Endrunde qualifizieren, erzielte dabei mit 31 Toren nach Brasilien (33) die meisten Treffer. Mit dem gestrigen Sieg gegen Ecuador erreichten die Chilenen den zweiten Platz bei dieser inoffiziellen Südamerikameisterschaft und ernteten damit Lob von allen Seiten.
Petition für den Papst: Bielsa soll heilig werden
Für Ivan Zamorano, einer der historischen Größen des chilenischen Fußballs, ist dieser Wandel vor allem einem Mann zu verdanken: »Marcelo Bielsa hat eine Mannschaft geformt, die über ihren Fähigkeiten spielt. In Chile hatten wir vorher immer sehr gute Spieler, aber nie ein wirkliches Team.« Dabei waren Fans und Experten anfangs skeptisch gewesen, ausgerechnet ein Argentinier sollte den Traum von der WM-Teilnahme erfüllen. Der bei Interviews mürrisch, fast abweisend wirkende Bielsa verkörperte für viele das in Chile gern gepflegte Klischee des arroganten Argentiniers. Der holprige Quali-Auftakt mit nur einem Sieg aus vier Spielen schien ihnen Recht zu geben. Mittlerweile sind die Kritiker verstummt, eine Gruppe Fans sammelt sogar Stimmen, um beim Vatikan eine Petition einzureichen: Trainer Bielsa soll heilig gesprochen werden.
Der Heilige in spe kennt allerdings nur eine Religion: »Ich denke Fußball, ich rede Fußball, ich lese Fußball.« In seiner Heimat rufen sie ihn daher auch nur »El Loco«, der Verrückte. Bielsas Philosophie scheint dabei einfach: »Wenn man etwas tut, dann muss man auch versuchen darin der Beste zu werden.« Bedingungslosen Einsatz für den Erfolg zu jeder Zeit erwartet der Argentinier von allen seinen Mitarbeitern - und von sich selbst.
Gleich nach seinem Amtsantritt ließ Bielsa das Trainingszentrum der Nationalmannschaft »Juan Pinto Durán« modernisieren, ließ neue Trainingsplätze anlegen, schuf eine isolierte Welt, in der sich »la Roja«, die Rote, wie die Nationalmannschaft aufgrund ihrer Trikots genannt wird, vor den Spielen zurückzieht und akribisch auf die nächsten Aufgaben vorbereitet. Bielsa wohnt sogar im Trainingszentrum, kontrolliert dort regelmäßig die Rasenhöhe der Übungsplätze.
»Ich denke Fußball, ich rede Fußball, ich lese Fußball«
Der 54-Jährige gilt als Disziplinfanatiker, abends wird im Mannschaftsquartier schon mal das Internet abgeschaltet, damit die Spieler sich nur auf ihre Aufgaben konzentrieren. Der »Verrückte« siezt seine Spieler, behält beruflich die Distanz. Doch Bielsa ist weder selbstherrlich noch despotisch, Irrtümer gibt er öffentlich zu. Das Erreichen seiner Ziele versteht er als langfristiges Projekt, Fehler auf dem Weg dorthin sind verzeihlich, eigene und auch die der Spieler.
Bielsas Spielphilosophie ist vor allem geprägt von bedingungsloser Offensive. Chile spielt regelmäßig mit drei Stürmern – das gab es vorher nicht. Darunter leidet aber bisher noch häufig die Defensive, zwar schossen die Chilenen die zweitmeisten Tore in der Südamerika-Gruppe, kassierten aber auch deren 22. So lief »La Roja« zu Hause gegen taktisch abwartende Brasilianer ins offene Messer, verlor mit 0:3 -– vor Bielsa hätte Chile jedoch gegen Brasilien gar nicht erst versucht, einen Sieg zu erstürmen.
Der »Verrückte« gilt daher als Reformator des chilenischen Fußballs. Auch weil Bielsa seine Arbeit nicht auf die Nationalmannschaft allein konzentriert, sondern ebenfalls eng mit den Trainern der Jugend- und Frauenmannschaften zusammen arbeitet.





