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04.09.2009

Die FIFA »bestraft« den FC Chelsea

Ohne Nachtisch ins Bett

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Chelsea hat sich in den letzten Jahren nicht gerade beliebt gemacht: Rüde Einkaufspolitik, Neo-Kolonialismus, gekaufter Erfolg. Nun belegte die FIFA den Klub mit einem Transferbann. Doch ist das wirklich eine Strafe?

Die FIFA »bestraft« den FC Chelsea - Ohne Nachtisch ins Bett


Der FC Chelsea ist für viele das Gesicht des Bösen im internationalen Fußball. Er war einer der ersten Klubs, die kraft des Reichtums eines Oligarchen aus dem bis dahin noch einigermaßen sportlichen Wettbieten zwischen Marktkonkurrenten einen monomanischen Kaufrausch machten.

  

Egal, ob brauchbar (Didier Drogba) oder nicht (Andrij Schewtschenko) - die Londoner holten Spieler zum Preis von Flugzeugträgern an die Stamford Bridge. Auch offene Feindschaften wurden riskiert, wie etwa im Fall von Ashley Cole, den man aufs Aggressivste vom Lokalrivalen Arsenal losriss. Der norwegische Winzlingsverein Lynn Oslo wurde derweil zur Parkgarage für afrikanische Talente umfunktioniert, die auf dunklen Wegen nach Europa geraten waren. Selbst dem in solchen Dingen eher milden FIFA-Präsidenten Joseph S. Blatter fiel da nichts anderes mehr ein, als dem FC Chelsea »Neo-Kolonialismus« vorzuwerfen.  

Vom Quietscheentenverkäufer zum Superreichen

Doch das löste auf einer Mega-Yacht im Mittelmeer nur ein müdes Lächeln aus. Dort saß Klub-Eigner Roman Abramowitsch im Kreise seiner Sekretäre. Tradition? Identifikation? Organisches Wachstum? Was sollten diese Begriffe einem Mann sagen, der innerhalb von wenigen Jahren vom Quietscheentenverkäufer zu einem der reichsten Männer der Welt geworden war? Abramowitsch wollte Titel haben, er wollte sie kaufen.   

Dass das nicht gelang und die Londoner noch immer auf den Gewinn der Champions League warten, erfüllt ihre Verächter mit einiger Genugtuung. Als in Person von John Terry kein für Unsummen erworbener, sondern ein aus der eigenen Jugend stammender Profi im Finale gegen Manchester United 2008 seinen Elfmeter an den Pfosten setzte, hielt sich das Mitleid in Grenzen. Selbst die Tränen des ewigen Zweiten Michael Ballack rührten die Wenigsten. Sippenhaft für alle, die Blau tragen!



Und so fassten viele es als gute Nachricht auf, als gestern bekannt wurde, dass dieser FC Chelsea für sein rüdes Vorgehen auf dem Transfermarkt endlich abgestraft werden soll. Weil die Manager den erst fünfzehnjährigen Gael Kakuta vom RC Lens im Jahre 2007 zum Vertragsbruch gezwungen haben sollen, belegte die FIFA den Klub nun mit einer drakonisch wirkenden Strafe: Bis 2011 darf er keine Transfers mehr tätigen.  

Fußball-Moralisten frohlocken: Geht das dekadente Abramowitsch-Projekt nun endlich den Bach runter? Sodom und Gomorrha in London, Abramowitsch erstarrt zur Salzsäule, die biblische Strafe für Hochmut und Völlerei. Herrlich!

Aber halten wir inne: Die FIFA spielt nicht Gott. Sie spielt bestenfalls Peter Zwegat, den beliebten TV-Schuldenberater.   

Denn der der Aufstieg vom Underdog zur Heuschrecke hat nicht nur weltweite Unbeliebtheit nach sich gezogen, sondern auch den drohenden Bankrott. Der FC Chelsea steht mit 1,1 Milliarden Euro in der Kreide – davon 870 Millionen bei Abramowitsch. Dessen Vermögen ist im Zuge der Finanzkrise auf einen Bruchteil zusammengeschrumpft. Er dürfte immer noch ein paar Kröten mehr auf der hohen Kante haben als unsereins, dennoch wird gemunkelt, er verliere das Interesse an seinem teuren Spielzeug und könnte demnächst auf die Rückzahlung bestehen. Nun auch noch in das wahnsinnige Transfer-Duell zwischen Manchester City und Real Madrid einzusteigen, wäre der sichere finanzielle Ruin.

Vor diesem Hintergrund muss deutlich werden: Die FIFA bestraft den FC Chelsea nicht. Sie schickt bloß jemanden, der anderthalb Mastschweine intus hat, ohne Nachtisch ins Bett. Eine vielleicht lebensrettende Nulldiät. Dass der Weltverband jedoch jahrelang zugesehen hat und immer noch zusieht, wie der Fußball durch ungezügelten Kapitalismus von innen ausgehöhlt wird, kann er dadurch nicht vergessen machen. 






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Kommentare

  • User
  • 04.09.2009 13:47:08 misterkite

    Die FIFA bestraft den FC Chelsea nicht. Sie schickt bloß jemanden, der anderthalb Mastschweine intus hat, ohne Nachtisch ins Bett.
    Und ICH dachte ja der Typ auf dem Bild wäre Buster Bloodvessel...aber es ist DER FC CHELSEA! Der Bobby sagt im grad: Ohne Nachtisch ins BETT- SOFORT!

  • User
  • 04.09.2009 14:07:13 Arthur77

    John Terry hat sich im Finale gegen Manchester United 2008 an den Pfosten gesetzt? ;-)

  • User
  • 04.09.2009 14:27:19 UrmelAusmEis

    Naiv zu glauben, dass die 870 Mio, die Chelsea dem Herrn Abramovich "schuldet", irgendwann fällig werden könnten. Das Spielzeug Chelsea FC war nie als profitebler Fußballclub gedacht, entsprechend wurde das Geld nie mit der Vorgabe hineingesteckt, sich irgendwann wieder amortisieren zu müssen.

    Dass der Verein dieses Geld seinem Quasi-Eigner "schuldet", hat für Abramovich nur den einen Vorteil, dass er und nur er über die Zukunft des Vereins entscheiden kann.


    Mag sein, dass RA viel Geld verloren hat. Mag weiterhin sein, dass er mit dem Gedanken spielt, sich aus Südwestlondon zurückzuziehen. Mag sogar sein, dass er hofft, von irgend einem Käufer ein paar hundert Mio. zurückzubekommen. Doch es mag nicht sein, dass er irgendwann mit seinen Kumpels von Moskau Inkasso vor der Tür steht und seine 870 Mio. zurückhaben will, "in einer neutralen Tüte, bitte".


    Mit dieser Fehlannahme steht und fällt meiner Meinung nach leider die ganze Message dieses kommentars. Chelsea mag in unangenehmen Unabhängigkeiten stecken, aber echte, über ein paar Buchungstricks hinausgehende Geldnot dürfte dort kaum zu bestaunen sein.

  • User
  • 04.09.2009 14:50:43 dirknomotzki

    @ urmelausmeis:
    woher nimmst du die gewissheit, dass der oligarch ned seine investitionen zurückfordert?
    kleiner hypothetischer fall: aufgrund der weltwirtschaftskrise sinkt abramowitschs vermögen auf 20 millionen, was dann? also ob er da dann immer noch die gönnerhaften spendierhosen anhat ist doch etwas fraglich.

    was allerdings noch fraglicher ist (was für ein übergang), sind die stimmen, die in england laut werden (vor allem in foren). da brichst fast weg. die vermuten allesamt eine europäische verschwörung gegen die englischen clubs, weil die so reich, toll, erfolgreich.... sind.

  • User
  • 04.09.2009 14:57:01 Arthur77

    Verschwörung?!?

    GTEvo, Ihr Auftritt!

  • User
  • 04.09.2009 15:00:17 ruhmreichersvw

    die frage wollte ich auch grad stellen: warum fordert er sein geld denn nicht zurück?

  • User
  • 04.09.2009 17:07:12 Zola25

    verürzte kapitalismus-kritik at it´s best.
    machen wir doch einfach das, was alle am besten können:
    den finger zeigen, gottseidank rufen und sagen, huch ich will amateurgetrampel.

    wer glaubt denn diesen scheiß von wegen fußball sein ein moralisches geschägt innerhalb des kapitalismus ?
    ...und dann noch dieses vokabular von wegen heuschrecken...fantastisch.

    schlecht, wirklich !

    und das nicht nur weil ich chelsea fan bin.

  • User
  • 04.09.2009 18:43:49 Geber

    So einfach ist das wohl nicht, dass Abramowitsch lediglich auf das Geld verzichten muss, um Chelsea zu entschulden. Müsste Chelsea dann nicht eine Kapitalerhöhung durchführen? Oder zumindest darauf Steuern zahlen? Ich bin auch kein Wirtschaftler, aber mit dem geschenkten Geld ist das wohl nicht so einfach!!

  • User
  • 04.09.2009 22:36:36 rudibommer

    Da find ich das Thema Hoffenheim viel schlimmer.
    Die verdrängen richtige Traditionsclubs aus der 1.Liga.
    Chelsea hat ja wenigstens ein bischen Tradition...

  • User
  • 05.09.2009 08:49:11 yokum

    Tradition, Tradition... allein bringt keinen sportlichen Erfolg.
    Man kann sie aber hervorragend verkaufen. Das machen die traditionellen Erstligaclubs, um den verbleib in ihrer Liga zu finanzieren, sei es z. B. durch den Verkauf von Fanartikeln an viele oder des ganzen Clubs an einzelne Fussballfans. Fussball ist halt mittlerweile auch ein Geschaeft geworden.

    Schulden sind ein ganz hervorragendes Mittel um Kontrolle ausueben zu koennen, das kann wirklich ein Grund sein, warum RA (noch) nix zurueckfordert - da stimme ich Urmel zu. Solange RA Spass am Fussball hat, hat Chelsea keine Probleme. Natuerlich koennen fehlende Transfers den sportlichen Erfolg und damit evtl. Einnahmen aus Europa in der darauffolgenden Saison beeinflussen, aber alles weitere ist genauso spekulativ wie Bayern-Abstiegs-Schalke-Meister-Prognosen nach dem 3. Spieltag...

  • User
  • 05.09.2009 13:30:19 UrmelAusmEis

    Motzki und SVW,

    man muss doch keinen Doktor der Wirtschaftswissenschaften haben, um zu wissen, dass bei Chelsea keine 1,1 Milliarden zu holen sind. Und Abramovich wäre nicht einer der reichsten Menschen der Welt geworden, wenn er so etwas glauben würde. Trotzdem steckt er bislang noch immer Geld rein. Bleibt doch nur die eine Schlussfolgerung: Er steckt das Geld rein, weil es Spaß macht, und nicht, weil er es als Investition betrachtet.

  • User
  • 05.09.2009 17:55:42 dirknomotzki

    @ urmel
    ich glaube auch nicht, dass er chelsea als investition betrachtet und zum jetzigen zeitpunkt glaube ich auch nicht, dass er einen teil seiner investitionen zurückfordert. aber garantieren kann das keiner und wer weiß, wie die sachlage in drei jahren ist.
    wenn du dir da jedoch so sicher bist, dann scheinst du zwar auch keinen doktortitel zu besitzen, dafür jedoch eine glaskugel.
    im übrigen sind seine, von dir beschriebenen investitionen, seit zwei saisons im vergleich zu früheren jahren doch recht bescheiden.

  • User
  • 05.09.2009 18:43:20 UrmelAusmEis

    Es stellt sich doch nicht die Frage, ob er sein Geld zurückkriegen will. Es stellt sich die Frage, ob er sein Geld jemals zurückkriegen kann. Und die Antwort darauf lautet nein, zumindest nicht annähernd komplett, und diese Antwort kennen sowohl der Roman als auch ich. Ganz ohne Glaskugel, also ich zumindest.

    Sollte er irgendwann einen Teil zurückbekommen, von wem auch immer, dann ändert das nix an meiner These, dass er da bereitwillig und wissentlich hineingebuttert hat. Und auch nix an meiner These, dass die Argumentation des Autors mit den 1,1 Milliarden Schulden, die Chelsea quasi erdrücken, und des Transferverbots als mögliche Rettung nicht der Realität entspricht.

  • User
  • 23.01.2010 19:36:12 UrmelAusmEis

    diese russischen Nachnamen sind aber auch echt komplizierxt

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