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01.04.2010

1996: Als ich wegen Cardoso abstieg

Falsche Versprechungen

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Dörner, de Mos, Sidka: An die zweite Hälfte der 90er Jahre erinnert sich kein Werder-Fan gern. Dirk Gieselmann traf es besonders hart: Er stieg sogar ab. Wegen Rodolfo Esteban Cardoso. Die Geschichte vom Spielmacher, der nie kam.

1996: Als ich wegen Cardoso abstieg - Falsche Versprechungen


Ich kann nicht von mir behaupten, jemals ein besonders guter Fußballer gewesen zu sein. Und doch wurde ich einmal abgeworben: Ein Dorfverein eiste mich beim anderen Dorfverein los. Ich hatte sein Interesse geweckt in einer Saison, in der ich zum älteren Jahrgang der B-Jugend gehörte, und die fünf Zentimeter und sieben Kilo, die ich den Jüngeren voraus hatte, den Anschein erweckten, ich sei ihnen irgendwie überlegen.



Also ging ich von der Kreisklasse in die Kreisliga und hielt das für einen gewaltigen Schritt. Aber ich erhoffte mir nicht nur Titel, schönere Trikots und mehr Mädchen, die beim Punktspiel zuschauten. Der Fußball-Obmann meines neuen Vereins hatte mich und noch drei, vier andere Jungs mit einem besonderen Anreiz gelockt. Er werde, prahlte er bei den Transferverhandlungen, eine Trainingseinheit mit Rodolfo Cardoso organisieren. Cardoso! Der Spielmacher des SV Werder! Da lässt man alles stehen und liegen. Selbst die Bayern-Fans unter uns glühten vor Vorfreude.

Sie währte lange, die Vorfreude, sehr lange. Ein erster Termin mit dem Mittelfeldgenie noch während der Vorbereitung platzte, ein nächster im Oktober. Da war die Aufbruchstimmung schon verflogen, wir standen im unteren Tabellendrittel. Auch meine körperliche Überlegenheit hatte sich relativiert, ich war nun, in der A-Jugend, einer der Kleinsten. Nicht gut für einen Vorstopper. In der Winterpause, in die wir als Vorletzter gingen, schürte der Obmann die Hoffnung von Neuem: Im Februar, prophezeite er unverdrossen, werde Cardoso ganz bestimmt kommen. Es wurde Ostern, es wurde Pfingsten, wir waren inzwischen Letzter, der Klassenerhalt nur noch theoretisch möglich.

Da raste eines Tages ein Riesensportwagen auf den Parkplatz vor unserem Vereinsheim, die Reifen quietschten so filmreif, dass allen synchron ein Gedanke durch den Kopf schoss: Cardoso! Er war da! Endlich! Wir liefen zu einer Traube zusammen. Auch der Obmann kam aus seinem Häuschen gedackelt, schien es selbst nicht zu glauben. Cardoso? War er da? Endlich?

Die Tür des Sportwagens ging auf, und aus stieg – Hansi Gundelach. Der Ersatzkeeper des SV Werder. Trug die rote Röhrenjeans von der Meisterfeier 1993. Cowboystiefel. War nicht besonders gut drauf. Schoss drei Mal lustlos aufs Tor. Mit Pieke. Fuhr dann zurück nach Bremen.

Wir stiegen ab in dieser Saison. Ohne Cardoso war die Klasse einfach nicht zu halten. 



Ergänzung zu 11 FREUNDE-Spezial: 90er

Das waren die Neunziger




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Kommentare

  • User
  • 02.09.2009 00:50:36 HerrIrgendwas

    Sehr sehr geiler Bericht!
    Gib mir mehr davon...

  • User
  • 02.09.2009 09:21:42 Geber

    Die Fußballabteilung heißt übrigens nicht mehr SV Werder Bremen, sondern Werder Bremen GmbH & Co. KGaA. Das SV wird zwar noch von ALLEN Medien verwendet, ist aber nicht korrekt.

    So, genug kluggeschissen :-))

  • User
  • 02.09.2009 09:55:50 ColePorter

    Gundelach war mir damals unsympathisch.

    Schön, es mal durch knallharte Fakten bestätigt zu bekommen. ;)

  • User
  • 02.09.2009 12:16:36 monssolis

    "Aufbrauchstimmung" gefällt mir.

  • User
  • 02.09.2009 14:23:24 monssolis

    Ufbrauchstimmung? Nee, vorher war's besser.

  • User
  • 29.03.2010 13:26:34 SilentTimes

    Also ich fand Gundelach immer sympathisch und mag so eine Story ungern stehen lassen. Er hat in Delmenhorst wo er gewohnt hat, immer mal wieder mit Kindern auf dem Boltzplatz gezockt. Er mag kein begnadeter Kicker gewesen sein aber sich an Cardoso und die ganze Saison zu errinnern is deutliuch schmerzhafter...

  • User
  • 04.04.2010 01:47:06 Catilina

    Zufällig schaue ich gerade das Rückspiel des europäischen Supercup-Finales von 1992, welches im Frühjahr 1993 stattfand (ich weiß noch, das SS hatte gerade angefangen), auf DVD: Werder Bremen vs. Barca. Nach dem Hinspiel im Weserstadion hatte BILD noch getönt: "Der große FC Barcelona wankte wie ein angeschlagener Boxer". Allofs hatte mit einem sehenswerten Direktschuß das 1-1 erzielt.

    Das Rückspiel.
    Olli Reck wird wg. Handspiels des Feldes verwiesen, Rehhagel wechselt Gundelach für einen Feldspieler ein. Der Ärmste berührt zum ersten Mal den Ball, als er ihn nach Stoitchkovs Freistoß aus dem Netz holt. Danach steht das Match unter dem Motto: Barca passing Bremen off the park.

    Das einzige Werderspiel mit Gundelach, an das ich mich erinnern kann.

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