Niall Quinn trägt Spendierhosen
Mit dem Taxi nach Sunderland
Text: Lukas große Klönne Bild: Imago
Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. So geschehen auch den Fans des AFC Sunderland, die nach dem Auswärtssieg gegen Cardiff die bewegendste Rückfahrt der Klubgeschichte erlebten.
Man kann vom Flughafen Bristol nach Agadir fliegen, nach New York und nach Kuba. Am Abend des 31. März wollen hundert Fans des nordenglischen Zweitligisten AFC Sunderland allerdings nur nach Hause. Ihr Flug nach Newcastle geht um 21.25 Uhr. Die Wartezeit auf dem Flughafen vertreiben sich die Anhänger mit lautstarken Gesängen. Die Stimmung ist prächtig, beim Auswärtsspiel gegen Cardiff City hat Coach Roy Keane ein glückliches Händchen gehabt, Joker Ross Wallace hatte kurz vor Schluss einen Konter zum 1:0-Auwärtssieg in die Maschen gesetzt. Nun fehlt nur noch ein Punkt bis zum zweiten Platz, der den Wiederaufstieg in die Premier League bedeuten würde.
Der Geräuschpegel in der Wartehalle steigt weiter, als die Anhänger dessen gewahr werden, dass Vereinspräsident Niall Quinn und die anderen Offiziellen des Klubs mit der gleichen Maschine heimfliegen werden. Die Fans lieben den Iren Quinn, der früher für Sunderland stürmte und seit 2006 den Klub führt. Quinn hat sich kaum gesetzt, da singen sie bereits das Lied, das Quinn seit Jahren verfolgt. Zur Melodie von »Here we go« heißt es darin: »Niall Quinn’s disco pants are the best. They go up from his arse to his chest.« Der Song erinnert an eine Episode bei Manchester City. Quinn, ein ansonsten friedlicher Zeitgenosse, hatte sich 1992 in einer Disko mit einem Mitspieler geprügelt. Nach dem Fight entledigte er sich seines blutigen und zerrissenen Shirts und tanzte nur in seine abgeschnittene Jeans gekleidet weiter. Einige City-Fans dichteten kurzerhand ein paar Zeilen zu jener Szenerie. Nach dem Wechsel nach Sunderland griff ein Fanmagazin die Zeilen auf und dichtete einen kompletten Song. Es wurde ein Hit, der in den UK-Charts bis auf Platz 59 kletterte. Und der Song begleitet Quinn auch über seine aktive Karriere hinaus, bis zum Flughafen Bristol.
Singend steigen die Fans in die Boing 737 der Fluggesellschaft Easyjet. Dem Piloten missfällt das, er mahnt die Anhänger über den Bordlautsprecher zur Ruhe. Die will partout nicht einkehren, der Pilot beordert Polizei ins Flugzeug. Angesichts des Datums und der Uhrzeit, es ist inzwischen 21 Uhr, glauben die Passagiere an einen Aprilscherz, als der Pilot den Staatsdienern die Anweisung gibt, die »betrunkenen und randalierenden Sunderlandfans« aufgrund ihres »ungebührlichen Verhaltens« aus dem Flugzeug zu weisen. Einer der angeblichen Rowdys ist behindert, auch er soll nicht mitfliegen. Verärgert versucht Quinn die Crew umzustimmen und erklärt, die Stimmung sei auf Grund des Sieges lediglich etwas ausgelassener. Der Pilot bleibt jedoch störrisch. Die Konsequenz: Das Flugzeug verpasst seinen Abflugskorridor. Ein späterer Flug an diesem Abend ist nicht mehr möglich. Die Anhänger, darunter Kinder und Rentner, müssen allesamt das Flugzeug verlassen. Nun stehen sie in der Wartehalle und wissen nicht weiter.Doch Chairman Quinn zögert nicht lange. Auf seine Kosten ordert er 14 Großraumtaxen für den Rückweg nach Sunderland, auch den »normalen« Passagieren bietet er die Fahrt an. Die Aktion wird ihn 12 000 € kosten, für Quinn eine Selbstverständlichkeit. »Wir brauchen die Fans. Das sind unsere Leute.« Erst als wirklich alle Fans in einem Taxi sitzen, steigt Quinn als Letzterselbst in eines.
Um 6.30 Uhr kommen Quinn und die letztenFans in Sunderland an. Mit Tränen in den müden Augen sagt ein Anhänger voller Ehrfurcht: »Es muss ein Vermögen gekostet haben. Niall Quinn ist der anständigsteBursche im Fußball. Wir alle danken ihm aus tiefstem Herzen.« Quinn selbst ist noch immer verärgert über die Fluggesellschaft: »Wir weisen die Darstellung von Easyjet über das Verhalten unser Fans vehement zurück. Aber wir sind froh, dass alle wieder sicher in Sunderland sind. Irgendwie war die Rückfahrt aus Cardiff wohl auch die bewegendste und ereignisreichste unserer Klubgeschichte. Und die drei Punkte haben wir ja auch mit nach Hause genommen.«
Aus Heft #66 05 / 2007







